Die andere Austoberei

Kultur / 07.11.2012 • 21:26 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
„Sale“ von Theaterguru Christoph Marthaler. Foto: Dorendorf
„Sale“ von Theaterguru Christoph Marthaler. Foto: Dorendorf

Mit einem Totalausverkauf schleicht sich Marthaler ins Reich der Arien.

Zürich. (VN-tb) Die Ausstatterin Anna Viebrock hat hierfür ein wunderbares Ladenlokal ersonnen; eines, hinter dessen erlesen sterilen Regalen und Wühltischen verflossene bessere Tage zu erahnen sind. In diesem Kaufhaus treffen sich die verbliebenen Mitglieder der Eigentümerdynastie zu einer Familienzusammenkunft. Sie trauern, träumen, toben, und manchmal ticken sie nicht mehr richtig. Zwar haben schon die Stummfilmkomiker das Kaufhaus als Bühne für ihre Slapstickiaden entdeckt, und natürlich dekliniert auch Marthaler gewisse Möglichkeiten durch, wie sich so ein Setting komisch-grotesk nutzen lässt. Also fliegen manchmal die Schleuderpreiswaren durch die Luft, werden Kleiderpuppen karessiert oder rutscht ein Anzug-Sakko malerisch das Rolltreppengeländer herunter.

Bis zum „Würgeengel“

Aber es sind eben spezifisch Marthalersche Rituale, wenn zum Beispiel die Barockmusikexpertin Anne Sofie von Otter, die an dem Abend mit zartem Espressivo den Affektwindungen der Arien nachfährt, zeremoniös langsam und noch stumm mit der Rolltreppe herabfährt oder der Schauspieler Ueli Jäggi vorne an der Rampe den Mund öffnet, als höbe er an zu singen – und genau dies dann nicht tut. Wenn der wendige Countertenor Christophe Dumaux zur Agitato-Arie Preisschilder abknickt oder die übrigen Ensemblemitglieder zum Gesangsvortrag der stets koloraturensicher agierenden Malin Hartelius Zuckungen vollführen. Hinzu kommen vom Schauspieler und Rezitator Graham F. Valentine mit sonorer Stimme gesprochene Interpolationen aus Edgar Allan Poes „Die Maske des Roten Todes“ und Allusionen an Luis Buñuels Film „Der Würgeengel“ – die beide von der Erfahrung des Eingeschlossenseins künden.

Die famosen Mitwirkenden, zeigen einen Ausverkauf im grundsätzlichen Sinne an. Diese Figuren sind denaturiert. Die Marthaler-Melancholie ist der eigentliche Basso continuo des Abends. Wobei die Schlüssigkeit nicht zum Wenigsten daher rührt, dass die Musik Händels sich mit dem Projekttheater produktiv reibt, ihm sogar mit einem häufigen Klage-Gestus hilfreich zudient. Der Dirigent Laurence Cummings, der plötzlich auch noch selbst aus dem „Messias“ singt, formt mit dem Spezialorchester „La Scintilla“ warme, „sprechende“ Klänge.

Weitere Aufführungen bis
27. November: www.opernhaus.ch