Der Knast mit der Spielecke für Kinder

Kultur / 28.11.2012 • 21:35 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Theatermacher stellen wesentliche Fragen zum Strafvollzug. Foto: walktanztheater
Theatermacher stellen wesentliche Fragen zum Strafvollzug. Foto: walktanztheater

Was treibt Kulturschaffende in die Justiz- bzw. Strafvollzugsanstalt? Brigitte Walk erklärt es.

Christa Dietrich

Feldkirch. Nach dem Gespräch mit einem 19-Jährigen habe sie mit den Tränen gekämpft. So viel offenbart Brigitte Walk. Einen Voyeurismus zu bedienen, das lag der bekannten Theatermacherin, die sich zusammen mit der ebenfalls namhaften Regisseurin Barbara Herold auf den Weg zu ehemaligen Häftlingen, zu Sozialarbeitern, Justizbeamten und Richtern machte, aber fern. „Aufschluss“, dem neuen Projekt in der Reihe der jeweils aufwendigen Produktionen des Walktanztheaters, gingen umfangreiche Recherchen voraus.

Der Katalog, der etwa Fragen nach dem ersten Tag im Gefängnis, nach der Atmosphäre, die man dort antraf, oder nach der Ausstattung der Räume beinhaltete, wurde beim einen oder anderen Besuch bei einst straffällig gewordenen Menschen zwar beiseite gelegt, grundsätzlich ging man aber so vor, dass auch die Innensicht eine aus verschiedenen Perspektiven ist. Dennoch begab man sich, so Walk, „auf dünnes Eis“, das gelegentlich auch einbrach. Dann etwa, wenn es sich um jugendliche Täter handelte, die gerade erst strafmündig geworden sind, wenn die im Knast eingerichtete Spielecke für Kinder zur Sprache kam oder wenn einem klar wurde, dass auch U-Häftlinge stets eine Glasscheibe von der Außenwelt trennt. Andererseits gaben Menschen auch zu Protokoll, dass die absolvierte Haft für sie einer Lehre als Tresorknacker gleichkam.

Empathie war erlaubt, eine Zurschaustellung nicht. Die Anonymität der Befragten bleibt selbstverständlich stets gewahrt und ein Unding wäre es für Walk gewesen, ehemalige Häftlinge auftreten zu lassen.

Aufschlussreiche Besetzung

Karin Eppler hat inszeniert, Anne Thaeter hat die Choreografie geschaffen, Caro Stark die Ausstattung und die Videos. Maria Fliri, Walk selbst und Peter Bocek spielen einzelne Rollen, dazu tritt ein mit Amateuren besetzter Bewegungschor auf, der schon länger zum Ensemble zählt und eine Besonderheit aufweist. Brigitte Walk hatte vor Jahren begonnen, mit Flüchtlingen, die in Vorarlberg auf ihre Aufenthaltserlaubnis warteten und keine Jobs annehmen durften, kreativ zu arbeiten. Wunderbare Produktionen sind dabei entstanden. Missen will sie keiner, vergessen auch nicht. Die Menschen, die einst hofften, bloß nicht wieder abgeschoben zu werden, haben sich inzwischen in Vorarlberg integriert, sind in verschiedenen Berufen tätig und engagieren sich weiterhin für das Theater. So auch in „Aufschluss“. Der Titel steht auch für die Neugierde als erste Intention. „Ich gehe oft an dem Haus vorbei, da stellt sich auch jenseits von Moral und Schuld die Frage, was drinnen vorgeht.“ Die Sinnhaftigkeit einer Inhaftierung, die Standpunkte, die es dazu gibt, können, so Walk, auf der Bühne nicht abgehandelt werden, wohl aber generelle Fragen dazu, wie und ob wir klug mit Straffälligen umgehen. Die Interviewergebnisse bilden somit die Basis für die Bühnentexte, die Auseinandersetzung fordern. Übrigens: Die Justizanstalt in Feldkirch wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet. Fragen nach der Zahl der Häftlinge werden generell kryptisch beantwortet. Es gäbe 120 Plätze und man sei stets gut besetzt. Noch eine Zahl: 90 Prozent der Insassen in den für das Projekt berücksichtigten Anstalten in Vorarlberg und Liechtenstein sind männlich. ##Christa Dietrich-Rudas##

Es interessiert mich, wie wir mit Straffälligen und ob wir klug mit ihnen umgehen.

Theaterleiterin Brigitte Walk

Die Premiere findet am
2. Dezember, 20 Uhr, statt, gespielt wird beinahe täglich bis 15. Dezember im Alten Hallenbad in Feldkirch