Schubhaft oder die Dichter-Schublade

Kultur / 30.11.2012 • 17:38 Uhr / 11 Minuten Lesezeit
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„Wie ein Lamm zur Schlachtbank“. So titelt das Wann und Wo vom Mittwoch. Normalerweise bin ich gegen solche Schlagzeilen, in diesem Falle wusste ich, dass sie stimmt. Ich kenne Herrn Süliman Albekov aus Gais nicht, den Herrn und seine Frau, die abgeschoben werden sollen. Ich war noch nie in Tschetschenien. Und doch war ich dort im Krieg. Wie das geht?

Es war 2006, der 7. Oktober, der Geburtstag Wladimir Putins, als Anna Politkowskaja im Aufgang zu ihrer Moskauer Wohnung erschossen wurde. Sie war Journalistin, Autorin und Menschenrechtsaktivistin gewesen. Als ich damals davon las, hatte ich noch nie etwas von ihr gehört, und dennoch traf mich ihre Ermordung mitten ins Herz. Vielleicht, weil ich Frau bin, vielleicht aber auch, weil ich nach Erscheinen meines ersten Buches erst langsam daran zu glauben begann, dass ich Schriftstellerin sein könnte. Und an jenem Tag fühlte ich mich winzig und klein. Anna Politkowskaja hatte als eine von wenigen Journalisten direkt aus Tschetschenien über den Krieg berichtet, hatte unermüdlich die Verbrechen der russischen Armee aufgedeckt, hatte unermüdlich die Foltermethoden beschrieben. Wie mutig war diese Frau! Ich hätte in diesem Moment weinen können. Über ihren Tod. Darüber, dass ich weniger mutig war. Ich glaube, an diesem Tag erkannte ich zum ersten Mal, dass Schreiben lebensgefährlich sein kann, dass es in vielen Regionen dieser Welt lebensgefährlich ist. Ich begann, ihr Leben nachzulesen und war zutiefst beeindruckt und auch verstört ob ihrer Heldenhaftigkeit. Ich las Tschetschenien, Die Wahrheit über den Krieg. Damals begann ich tatsächlich zu weinen. Ich starb tausend Tode. Dann schrieb ich ein erstes Gedicht. Am 21. Oktober 2006. Es trug noch keinen Titel. Ganz unwillkürlich hatten sich zu den Toten, die der Tschetschenienkrieg forderte, jene aus dem 2. Weltkrieg gesellt. Gehen, in gestocktem Blut. Das ist die letzte Zeile daraus. Mir war, als hätten wir nie etwas anderes getan. Als würden wir ewig auf den Toten weiter gehen, weil sie nie ausgehen.

Das Thema ließ mich nicht los. Ich konnte nicht mehr schlafen. Wie kann man gemütlich in diesem Land leben, wenn Menschen dort sterben? Es war, als gäbe es eine Stimme in mir. Einen Auftrag. Einen Monat später, im November, erweiterte ich das Gedicht auf vier Seiten. Das Sterben Anna Politkowskajas aus ihrer Sicht. Es ist nicht zu schreiben. Und doch durfte ich aufgrund dieses Gedichtes an einer Art Stipendium teilnehmen. Dort in Berlin, schrieb ich dann an den ersten Seiten meines zweiten Buches. Ich ging langsam weg von Tschetschenien. Und doch überarbeitete ich in den folgenden Monaten immer wieder dieses Gedicht, bis es 2008 unter dem Titel Unter dem Glasauge ein Krater im Liechtensteiner Jahrbuch erschien, durch einen Zufall in falscher Formatierung. Zerfranst sah es aus. Sinnlos, dachte ich, als ich das sah: So viel geteiltes Leid steckt in diesem Text, so viel Schmerz und Anklage – und jetzt verpuffte es da zwischen den Seiten. Ich hätte mich irgendwo hinstellen sollen und es in die Welt schreien!

Dann las ich Arkadi Babtschenkos Die Farbe des Kriegs. Die Schilderung des Tschetschenienkrieges aus der Sicht dieses russischen Soldaten, der mit 19 Jahren nach Tschetschenien in den Krieg ziehen musste und als alter Mann zurückkehrte. Und auch ich alterte zusehends beim Lesen. All die Gräuel aus dem dritten Reich, über die ich gelesen hatte, wurden wieder lebendig. Sie hatten nie aufgehört zu existieren. Ich weinte. Und ich weinte über meine Naivität, aus der heraus ich nie verstehen werde, wie ein Mensch dem anderen das Leben absprechen kann. Ihn foltern kann. Ich wusste wieder einmal, ich würde nie einen Krimi schreiben. Nie solche Grausamkeiten erfinden, wie ich sie da in dieser Wirklichkeit las. Ich würde nie dazu fähig sein.

Und dann las ich, was man lesen muss, um die wirkliche Seele eines Volkes zu verstehen. Ich las den Gedichtband des tschetschenischen Dichters Apti Bisultanov Schatten eines Blitzes:

Mit beiden Händen

Das Herz fassen

Diesen alten Igel

Und alle Wunden

Mit einer Schusterahle

Fest vernähn

Wie man Stiefel flickt

Und reisen

In alle Himmelsrichtungen

Und schweigen

Wenigstens

Bis ans Ende des Lebens

Und ich las Hadschi Murat von Leo Tolstoi und ich verstand, wie alt diese Konflikte im Kaukasus sind. Ich hörte wieder Annas Stimme. Da begann ich im Jänner 2009 mit einem Theaterstück. Wieder tauchte ich in die Gräueltaten ein. Recherchierte zum Thema „Trauma“ – und ging vollen Herzens da hinein. Wie denn sonst sollte man Personen erfinden? Meine Seele litt. Die Albträume nahmen überhand. Hör auf zu schreiben! Das forderte mein Mann. Ich sei nicht mehr normal. Er wollte mich vor mich selbst beschützen. Ich weinte und schrieb weiter.

„Gläserne Tage“. Ein Theaterstück für vier Personen.

Magomed Chakimov ist ein tschetschenischer Flüchtling, der sehr zurückgezogen in der kleinen Wohnung lebt, die ihm die Caritas zur Verfügung gestellt hat. Er ist schwer traumatisiert, ist sich dessen aber nicht voll bewusst – er spürt allerdings, dass er seine Erinnerungen an die tschetschenischen Kriege und seine Albträume nicht loswird. Er beschließt, seiner Qual ein Ende zu machen. Seine Tage sind „gläsern, durch den ersten siehst du den letzten“. Er bereitet seinen Selbstmord vor. Er tut dies aber auf höchst ungewöhnliche Weise: Er sammelt blaue Folie auf Baustellen und verklebt sie in seiner Wohnung zu einer Rolle. Dann beginnt er, die wenigen Mobiliarstücke in diese Folie zu packen – und verhängt auch das Fenster damit. Das tschetschenische Licht ist blau.

Mit blauer Folie waren die Ruinendörfer bedeckt. Die blaue Folie war die einzige Spende der UNO, die in sein Dorf gelangt ist . . . Mitten in dieses Schreiben geschah am 13. Jänner ein Mord auf Wiens offenen Straßen. Umar Israilov, ein tschetschenischer Flüchtling, der schon ein Jahr zuvor um Personenschutz gebeten hatte, wurde erschossen. Florian Klenk vom Falter berichtete auf engagierteste Art und Weise darüber. Sechs Tage später, am 19. Jänner 2009 wurde der Menschenrechtsanwalt Stanislaw Jurjewitsch Markelow in Moskau erschossen. Er war auch der Rechtsbeistand Annas gewesen. Ich war schockiert über die mörderische Reichweite Ramsan Kadyrows, des von Putin eingesetzten Diktator-Präsidenten in Tschetschenien. Ich arbeitete diese Geschehnisse direkt in meinen Text ein. Und in meine Träume. Ich war tatsächlich nicht mehr normal. Zum ersten Mal in meinem Leben verspürte ich eine Angst, die ich nicht kannte. Sie war nicht meine. Es war diejenige der tschetschenischen Flüchtlinge. Und sie ist es immer noch!

Ich kaufte mir den Bildband von Stanley Greene: Open Wound, Chechnya 1994–2003. All diese Bilder kannte ich schon. Sie waren über den Texten der genannten Autoren entstanden. Sie machten mich dennoch erneut entsetzen. Bilder eines zerstörten Landes, einer zerstörten Gesellschaft. Ramsan Kadyrow ist in diesem Buch noch kein Thema. Seine Folterarme wuchsen erst später, durch die Ruinen, die der erste Krieg hinterließ.

Ich schrieb weiter. Wieder einmal durfte ich an einer Art Stipendium teilnehmen, am „Texttraktor“, einer Zusammenarbeit des Literaturhauses Liechtenstein und des TaK. In dieser Zeit schrieb ich das Stück halbwegs fertig. Im September 2009 erfolgte ein Präsentationsabend für alle Beteiligten dieses Dramatikerworkshops. Mein Stück musste auf eine halbe Stunde zusammengekürzt werden. Lothar Maninger führte Regie. Als ich an jenem Abend meinem eigenen Stück zuhörte, wurde mir regelrecht schlecht. Nicht deswegen, weil es noch nicht fertig war, sondern weil in dieser Verdichtung die ganze Gewalt, die in dem Stück steckt, direkt erfahrbar war. Obwohl meine Sätze schön sind, obwohl nichts wirklich Grausames im Stück selbst geschieht, entstand eine schwere Bedrückung im Raum.

Wenn ein solches Stück nicht zumutbar ist, wie ist es dann zumutbar, einen Flüchtling aus Tschetschenien zurückzuschicken in ein Land, in dem er damit rechnen muss, erneut gefoltert zu werden bis hin zum Tod? Wann hörten wir auf, Menschen zu sein?

Nach jener Präsentation konnte ich nicht mehr. Ich hatte keine Kraft mehr. Ich packte alles, was ich gesammelt hatte, was ich geschrieben hatte, in einen Karton. Ich wurde wieder normal. Schlief wieder. Und schrieb ein anderes Buch. Viel von diesem tatsächlich erlebten Schmerz ist wohl dahinein geflossen. Und viel Liebe. Die Liebe geht immer durch den Schmerz, sonst ist sie nicht reif.

In den letzten Wochen dachte ich darüber nach, was ich als nächstes schreiben sollte. Mir fiel dieses Stück wieder ein und meine Scheu, noch einmal daran zu arbeiten, erneut in den Schmerz einzutauchen. Ich las Atiq Rahimi, einen afghanischen Autor. Und wieder war sie da. Diese Stimme. Wem gehört sie denn, frage ich mich?

Sie gehört einem Süliman Albekov, der in Gais lebt, der Deutsch gelernt hat, der hier in den letzten Jahren das verdrängen konnte, was auch ich verdrängen musste: All das Wissen um das Grausame weggepackt, eingesperrt, zugeschnürt, um schlafen zu können. Um für die anderen „normal“ zu sein. Diese Stimme gehört auch seiner Frau, weil ich auch eine Frau bin, und für meine Kinder zur Löwin werde. Und diese Stimme wird unendlich laut in mir, sie schreit: Kinder in die Mitte! Frauen in die Mitte! Und traumatisierte Männer in die Mitte!

Heute, den 28. November, 10.48 Uhr, beschloss ich, diesen Brief an den Landeshauptmann zu schreiben und schaltete den Computer ein. Da war eine Mail von Christa Dietrich, mit der Frage, nach dem Feuilleton für die VN. Es gibt keine Zufälle, dachte ich, und klopfte in die Tasten meines Herzens. Herr Landeshauptmann, vor lauter Schreiben habe ich jetzt nicht mitgekriegt, ob Sie sich für die Familie Albekov einsetzten. Ich bitte Sie inständig, das zu tun!

Zur Person

Gabriele Bösch

Geboren: 1964, aufgewachsen in Koblach

Tätigkeit: Schriftstellerin, Literaturvermittlerin

Werke: Romane „Der geometrische Himmel“, „Schattenfuge“, Theaterstücke, Hörspiele

Auszeichnung: Literaturstipendium des Landes, Zweite beim Prosapreis Brixen-Hall

Familie: verheiratet, fünf Kinder

Wohnort: Hohenems