Der literarische Rang ist unbestritten

Kultur / 05.12.2012 • 21:49 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Peter Handke: „Schreiben ist für mich überhaupt nicht normal geworden, es ist immer noch mit Scheu verbunden.“ Foto: APA
Peter Handke: „Schreiben ist für mich überhaupt nicht normal geworden, es ist immer noch mit Scheu verbunden.“ Foto: APA

Kein anderer deutschsprachiger Autor hat ein derart vielgestaltiges Werk aufzuweisen.

Paris, Salzburg. Seit 22 Jahren lebt der in Kärnten geborene Dichter Peter Handke im Pariser Vorort Chaville. Seinen 70. Geburtstag verbringt er jedoch in Salzburg, wo er von 1979 bis 1987 gelebt hat. Heute wird er den „Großen Kunstpreis des Landes“ entgegennehmen. „Sein literarischer Rang ist selbst bei seinen Kritikern unbestritten“, heißt es in der Begründung. „Zu seinen bürgerlichen Tugenden zählt, dass er die Freiheit der Rede pflegt, politisch unbequem ist und zuweilen ‚Klartext‘ spricht.“

Seit mehr als vier Jahrzehnten steht Handke nicht nur in der literarischen Öffentlichkeit. Seine Werkliste umfasst mittlerweile über 70 Titel, von Prosa und Lyrik bis zu Theater und Hörspiel. „Kein anderer deutschsprachiger Autor nach 1945 hat ein derart vielgestaltiges, eigensinniges, sprachlich und formal virtuoses Werk aufzuweisen“, formulieren die Salzburger Juroren. Auch wenn nur wenige Werke breite Leserschichten erreichten, zählt er zu den prominentesten Literaten der Gegenwart.Peter Handke wurde am 6. Dezember 1942 in Griffen geboren. Nach dem Besuch des katholischen Internats in Tanzenberg und des Gymnasiums in Klagenfurt studierter er ab 1961 in Graz Rechtswissenschaften. Während dieser Zeit fand er Anschluss an die Schriftsteller des „Forum Stadtpark“.

1965 gelang es Freunden wie Alfred Kolleritsch, für Handkes Debütroman „Die Hornissen“ den Suhrkamp Verlag zu interessieren. Sein Stern im Literaturbetrieb ging kometengleich auf, als der nahezu unbekannte Jungautor im April 1966 der Gruppe 47 bei einer Tagung in Princeton in einer erregten Schmährede „Beschreibungsimpotenz“ vorwarf. Seinen plötzlichen Ruhm festigte die Uraufführung der „Publikumsbeschimpfung“ wenige Monate später durch Claus Peymann in Frankfurt.

Titel wie „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ (1969) oder „Wunschloses Unglück“ (1972) wurden zur Kultlektüre einer Schüler- und Studentengeneration. Nach seiner Heirat mit Schauspielerin Libgart Schwarz (1967) war der Autor zeitweise Alleinerzieher der Tochter Amina. Sein literarischer Weg, der die Sprache, die Wahrnehmung und das Erzählen selbst in den Mittelpunkt stellte, wurde von der Fachwelt mit großer Aufmerksamkeit verfolgt („Mein Jahr in der Niemandsbucht“, „Der Bildverlust“ u. v. a.), erreichte aber kaum mehr breite Leserkreise.

Debatten um Serbien-Texte

In Kontrast dazu stehen die Aufregungen, die Handke, dessen Auseinandersetzung mit den eigenen slowenischen Wurzeln in seinem Stück „Immer noch Sturm“ (2011) kulminierte, mit seiner pro-serbischen Position in den Konflikten am Balkan und der Ablehnung der westlichen Haltung verursachte. 1996 sorgte sein Bericht „Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“ für Debatten, zehn Jahre später seine Rede bei der Beerdigung von Slobodan Milosevic.

Seit 1990 ist die französische Schauspielerin Sophie Semin die Lebensgefährtin des vielfach Ausgezeichneten und Ehrendoktors. Neben der Prosa, seiner vielfältigen Übersetzertätigkeit und vier eigenen Filmen ist es vor allem das Theater, das Handke immer begleitet hat. Dort verfolgte man seinen Weg zurück in die Sprachlosigkeit („Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“, 1992) und zu den Versuchen, seine Kritiker sprachlos zu machen („Die Fahrt im Einbaum“, 1999), stets mit Interesse. Nach der langjährigen Treue Peymanns, der u. a. 2004 „Untertagblues“ und 2007 „Spuren der Verirrten“ aufführte, wurde in diesem Frühjahr „Die schönen Tage von Aranjuez“ von Luc Bondy umgesetzt.

„Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“ wird nun für die Region wiederentdeckt. Das Theater Konstanz hatte es bereits im Programm, Alexander Kubelka, selbst Kärntner und Intendant des Vorarlberger Landestheaters, realisiert das Werk im Frühjahr 2013.

Ich sehe lieber in Bars oder Cafés fern, wenn Fußball ist, mit anderen zusammen.

Peter Handke
„Untertagblues“ am Theater Kosmos, den nächsten Handke gibt’s in Bregenz im Juni 2013. Foto: VN
„Untertagblues“ am Theater Kosmos, den nächsten Handke gibt’s in Bregenz im Juni 2013. Foto: VN

Neuerscheinungen

» Leopold Federmair: „Die Apfelbäume von Chaville. Annäherungen an Peter Handke“, Jung und Jung

» „Die Arbeit des Zuschauers. Peter Handke und das Theater“, Herausgegeben von Klaus Kastberger und Katharina Pektor, Jung und Jung

» „Peter Handke im Gespräch“ mit Hubert Patterer und Stefan Winkler, Fotos von Wolfgang Zajc, Edition Kleine Zeitung

» „Peter Handke, Siegfried Unseld – Der Briefwechsel“, herausgegeben von Raimund Fellinger und Katharina Pektor, Suhrkamp Verlag