Kuscheltiere, aber kein Kuschelkurs

Kultur / 06.12.2012 • 22:48 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der Text zu „Wir gründen eine Partei“ stammt von der mehrfach ausgezeichneten österreichischen Dramatikerin Claudia Tondl. Foto: VN/Hofmeister
Der Text zu „Wir gründen eine Partei“ stammt von der mehrfach ausgezeichneten österreichischen Dramatikerin Claudia Tondl. Foto: VN/Hofmeister

Das Aktionstheater gründete gestern Abend mit großer Zustimmung eine Partei.

Christa Dietrich

Dornbirn. Schauplatz war der Spielboden und dass Kuscheltiere eine Rolle spielten, sollte nicht zur Annahme führen, dass man einen Kuschelkurs fährt. Gut, die Spannung im Hinblick auf die zu erwartende Nationalratswahl hat die österreichische Autorin Claudia Tondl (geb. 1980 in Wien), mit der Aktionstheaterleiter Martin Gruber erstmals zusammenarbeitete, nicht unbedingt erhöht, wohl aber die Aufmerksamkeit für Politik. Oder für die Erstellung eines Parteiprogramms.

In diesem Fall sucht nicht ein Industriemagnat, der in seiner Branche schon alles erreicht hat, eine neue Herausforderung, sondern eine junge Frau nach einem liebevolleren Umgang untereinander, der sich – so ihre Idee – auch politisch durchsetzen lässt. Friseurin ist sie, die Fähigkeit zur Selbstreflexion hat sie und auch von der Idee, sich den Weltfrieden herbeiwünschen zu können, ist sie nicht beseelt.

Kurzum, unter dem Titel „Wir gründen eine Partei“ trafen sich gestern Abend am Dornbirner Spielboden nicht einfach ein paar Gestrandete, Weltverbesserer, Gutmenschen oder Zyniker, sondern eine Gruppe von Durchschnittsmenschen, denen einiges ziemlich auf den Geist geht und die davon noch nicht so abgestumpft sind, dass kein Veränderungswille mehr da wäre.

Gesellschaftsanalyse

Betrachtet man Claudia Tondls Text isoliert, ist viel Gesellschaftsanalyse dabei, auch subtil angewendete Strategien der Machterhaltung und Machtvermehrung oder gruppendynamische Aspekte sind herauszufiltern. Vermengt man diesen Text mit einer Aktionstheaterästhetik, die – wie immer – einige Konstanten enthält, sich sonst aber weiterentwickelt hat, werden die Stacheln, die er enthält, sehr deutlich.

Dass im Bühnenhintergrund Meldungen aus dem aktuellen Tagesgeschehen durchlaufen – darunter etwa auch die Befürchtung, dass wieder einmal ein großer deutschsprachiger Verlag eingeht –, hätte man dabei gar nicht unbedingt gebraucht.

Die Sache stört aber nicht, auch die mannigfaltigen Diagramme zur Entwicklung der Gesellschaft und der Wirtschaft, die da einer mit Kreide über den ganzen Bühnenboden kritzelt, führen zur Tatsache zurück, dass Parteienlandschaft und Parlamentarismus auch dadurch neue Impulse erhalten, dass sich irgendwo ein paar Menschen treffen, die Pizza essen, über Kompottrezepte und die Sauberhaltung von öffentlichen Toilettenanlagen sprechen und die Rosinen im Apfelstrudel danach beurteilen, ob sich die Rendite beim Verkauf erhöhen lässt.

So simpel ist das in Wirklichkeit, und mit so viel Ironie, Poesie und Phantasie aufgeladen wird es zur Kunst.

Die Musik stammt übrigens von Jean Phillip Oliver Viol, der die schmeichelweichen Balladen mit der Geige schön aufraut. Die Bühneninstallation mit dem zentralen Verhandlungstisch hat sich Felix Dietlinger ausgedacht.

Das Sehnen nach Nähe

Das Sehnen nach körperlicher Nähe im Kreise dieser Denker (etwa Susanne Brandt, Isabella Jeschke, Christian Rajchl und Roswitha Soukup) nonchalant zum Ausdruck zu bringen, ist Teil der Regie- und Dramaturgiearbeit von Martin Gruber und Martin Ojster, die aus einer Überlegung ein dichtes, einstündiges Bild weben, das durchaus noch ein wenig länger präsent sein könnte.

Und wo ist jetzt das Kuscheltier? Ach ja, dem soll man seine Wünsche anvertrauen. Hilft nicht? Nein, hilft schon, mit entsprechenden Requisiten – man beachte die pekuniäre Verweise – kriegt jeder ohnehin mit, wie der Hase läuft.

Von der neuen Partei gibt es übrigens schon Anstecker. Ein Kuscheltier ist drauf, kein Kuschelkurs ist drin, Amüsement schon. ##Christa Dietrich-Rudas##

Nächste Aufführungen am 7. und 8. Dezember, 20.30 Uhr, am Dornbirner Spielboden. Später in Wien