Egon

Kultur / 21.12.2012 • 21:19 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

Weihnachten hatte Bert fest im Griff. Nirgends konnte er hingehen, ohne den Symbolen des nahenden Festes zu begegnen. Christkindlmarkt hier, Nikoläuse in den Geschäften da. Dauerberieselung in der Werbung, kreischende Kinder mit einem elendslangen Wunschzettel ans Christkind. Gefüllte Warenkörbe in den Köpfen, Leere in den Herzen.

Und doch, so dachte sich Bert: Du kannst Weihnachten nicht einfach nur schlecht ­reden und daher auch schlecht machen. Weihnachten. Das würdevolle Aussprechen dieses Wortes gab ihm für die Sekunde eine Prise jenes Zaubers zurück, den er von seiner Kindheit her kannte. Was haben Menschen nicht alles erlebt an diesem Fest. Wie lässt man sich gerade an Weihnachten von Emotionen wegschwemmen, von romantischen Gefühlen einspinnen, von Gutem überzeugen.

Gutes. Genau das wollte Bert heuer tun. Warum gerade jetzt und heuer – das konnte er sich nicht wirklich erklären. Bert wollte nicht nur spenden. Zahlschein ausfüllen, Ziffern hineinschreiben – und weg mit dem Guten hinein in die Erlagscheinbox der Bank, wo das Stück Papier neben beglichenen Stromrechnungen, Gebühren oder BH-Strafen seiner bürokratischen Exekution harrte. Nein. Bert wollte etwas Gutes tun, das man nicht einfach in einem Briefkasten verschwinden lassen kann. Er hatte vom Aufruf in der Pfarre gehört. Man könne einen bedürftigen Menschen zum Weihnachtsessen am 24. Dezember einladen. Die Pfarre hatte mehrere Bedürftige zur Auswahl. Bert zog den 55-jährigen Langzeitarbeitslosen und Notstandshilfebezieher und den 38-jährigen Ex-Häftling, der nach einer zweijährigen Haftstrafe in die Weihnachtsamnestie fiel, in Betracht. Er entschied sich für den Arbeitslosen, weil der Ex-Häftling durch seine wiedererlangte Freiheit ja fast schon das perfekte Weihnachtsgeschenk bekommen hatte.

Als er ihn gegen 18 Uhr am 24. Dezember abholte, war er überrascht. Egon, so hieß sein Schützling, hatte sich fein herausgeputzt. Frisch rasiert, dunkles Sakko, saubere Stoffhose, ein breites Lachen im Gesicht. „Hallo Egon“, sagte Bert. „Hallo“, grüßte der zurück. Ohne viel mehr zu sprechen, führte ihn Bert zum Auto. Egons Gesicht wollte das Lachen nicht mehr ablegen. Er erzählte Bert, wie er das Inserat der Pfarre über die Möglichkeit eines guten Weihnachtsessens gelesen habe, wie er sich sofort beworben habe. Wie man immer, als einer wie er, schauen müsse, dass man zu etwas kommt. Dabei lachte Egon immerzu. Bert gefiel dieses Lachen nicht.

Zu Hause angekommen, lachte Egon weiter. Berts Neffe und Nichte stellten ihm einige harmlose Fragen. Er gab nichtssagende Antworten. Das Essen selber – es gab Fleischfondue wie schon viele Jahre an Weihnachten – schmeckte Egon. Mehr noch. Es schien ihn richtig gierig zu machen. Egon aß nicht, er fraß. Er konnte es kaum erwarten, bis die Fleischstückchen im brodelnden Suppentopf gebraten waren, er verschlang das Fleisch fast roh, hatte stets drei Gabeln im Topf. Einmal machte er eine hektische Bewegung, weil er wieder einmal ein voll beladenes Besteck blitzschnell in die Suppe geben wollte. Irgendwie kam eine Flamme mit dem Spiritus in Berührung. Eine Stichflamme schoss nach oben, auf dem Tisch fing es an zu brennen. Die Familie hatten alle Hände voll zu tun, das Feuer zu löschen. Egon war das alles egal. Er sah teilnahmslos zu, bis das brennende Tischtuch gelöscht war. Und anschließend meinte er nur: „Jetzt kann ich nichts mehr essen, gell?“

Als Bert Egon gegen 22 Uhr wieder zur Pfarre brachte, war er froh.

Bert genoss den Rest des Heiligen Abends mit seinen Angehörigen, ging in die Mette, trank danach noch ein gutes Achtel Rotwein. Alle waren froh, endlich allein zu sein. Egon empfanden alle zu später Stunde als sehr entbehrlich. Doch er blieb ihnen, und besonders Bert, erhalten. Es dauerte keine zwei Tage, als er wieder vor der Tür stand. Es gehe ihm finanziell nicht gut. Ob er nicht 100 Euro haben könne. Er würde das Geld garantiert rückerstatten. Bert gab ihm 50. Doch als Egon drei Tage später wieder klingelte, kam er nicht, um das Geld zurückzugeben, sondern um frisches zu leihen. Wieder händigte ihm Bert 30 Euro aus, doch er machte ihm klar, dass nun Schluss sei und er sich lieber an eine soziale Institution wenden solle. Aber Egon blieb der Familie treu. Er kam zwar nicht mehr vorbei, doch er telefonierte öfters. Immer wollte er Geld, hatte stets fantasievolle Geschichten auf Lager. Das ging so weiter bis ins Frühjahr, auch wenn er schon längst kein Geld mehr bekam. Bekannte verlachten Bert und meinten spöttisch. „Da siehst du, was du von deiner Gutmütigkeit hast.“ „Ja“, dachte sich Bert und schwor: „Nie mehr werde ich so etwas tun.“

„Nie mehr. Nie mehr“. Wie oft sagte er sich das in den folgenden Tagen und Wochen. Vielleicht zu oft. Denn als ihm dieser Schwur wieder einmal durch den Kopf schoss, wurde ihm plötzlich anders. So als ob es ihm die Luft abschnüren würde. Nie mehr? Warum musste er sich das wie ein Mantra mit einer solchen Entschlossenheit wieder und wieder einhämmern? Was heißt das eigentlich: Nie mehr? Heißt das, nie mehr etwas Gutes in dieser Art tun zu wollen? Heißt das: Weg mit all diesen Egons dieser Welt? Heißt das, Egon ist durch und durch schlecht und er, Bert, das Gegenteil? Hatte dieses bedauernswerte Geschöpf es geschafft, sein Herz in einen Stein zu verwandeln? Dass er, der vermeintlich Rechtschaffene, nun aus Schaden klug wurde? Nie mehr bereit ist, einem vielleicht schwierigen und anstrengenden, aber doch armen Menschen zu helfen?

Nein, nein, nein!!! Bert wollte das nicht zulassen. Im Gegenteil: Er musste und wollte genau so etwas wieder tun. Jemanden in sein Haus lassen. An Weihnachten.

Und so stand er kurz vor dem Fest wieder vor dem Pfarrhaus. Zwei bedürftige Menschen wollte Bert dieses Jahr bei sich aufnehmen. Er war ja heuer alleine mit seiner Tochter, und die hatte ihn sogar in seinem Vorhaben bestärkt. Tolles Mädel. Bert wusste dieses Mal überhaupt nicht, wen er da an seinen Tisch laden würde. Er hatte nur eine stille, eigentlich absurde, Hoffnung: Möge einer der beiden Egon sein.