Eiseskälte und Herzenswärme

Kultur / 23.12.2012 • 20:46 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

Es ist kalt. Ich friere. Es gibt schönere Jahreszeiten als den Winter. Manche sagen, dass der Winter die Zeit ist, um zu träumen, zu hoffen. Doch ich habe keine Zeit, zu träumen oder gar zu hoffen. Ich friere einfach nur. Ich laufe über die schneebedeckte Straße. Rundherum leuchtet der Weihnachtsschmuck in verschiedenen Farben. Ich bin auf der Suche nach einem warmen Platz. Der erste Winter hier draußen. Auch der letzte, wenn ich weiter so friere. Es fängt wieder an zu schneien. Wenn der Wind aufkommt, weht es mir die eiskalten, grausigen Schneeflocken ins Gesicht. Ich sehe Kinder mit ihren Eltern. Ich wünschte, es wäre auch bei mir noch so. Doch seit unserem Streit vor ein paar Monaten, bin ich nicht mehr zu meinen Eltern zurückgekehrt. Ich weiß, dass sie mich nicht mehr sehen wollen. Ich erblicke ein Gasthaus. Da kann ich mich vielleicht aufwärmen. Ich betrete das Haus und setze mich wie ein Gast auf die Bank. Die Bedienung kommt: „Was kann ich Ihnen bringen?“ – „Vorerst nichts. Ich schaue mir die Speisekarte noch genauer an.“ Die Bedingung nickt und geht. Ich habe noch ein paar Minuten, bevor ich rausgeworfen werde. Ein paar Minuten, um mich zu wärmen. Doch so weit kommt es nicht. Schon kommt die Kellnerin wieder auf mich zu und verlangt, dass ich etwas bestelle oder gehe. Ich gehe. Meine Finger sind schon steif. Ich komme zu einem Weihnachtsmarkt. Überall werden Dinge angeboten, die man eigentlich gar nicht so richtig braucht. Aber es ist ja Weihnachten. Da darf man Dinge kaufen, die man nicht braucht. Ich erblicke an einem Stand einen Mönch. Ich hatte nie etwas mit der Kirche zu schaffen. War nie Kirchgänger und werde es auch nie sein. Ich weiß ja nicht einmal, wie der Pfarrer meiner Gemeinde aussieht. Doch genau in diesem Moment wird mir bewusst, dass es ja die Dorfkirche gibt. Dort könnte ich vielleicht unterkommen. Also schlage ich den Weg zur Kirche ein. Sie steht ein wenig abseits des Dorfes. Ich muss durch einen kleinen Wald. Groß, kalt und unheimlich erscheinen mir die Bäume, als würden sie mich abweisen, doch ich gehe weiter. Ich betrete die Kirche. Schon wird mir ein bisschen wärmer. Immerhin. Ich setze mich in eine Bank und tu so, als würde ich beten. Weiß doch gar nicht, wie das geht. Traurig denke ich an mein warmes Zimmer zu Hause. Zurückgehen kann ich aber nicht. Das weiß ich. Ich bin sicher schon zwei Stunden in der Kirche, als ein Mann auf mich zukommt. Er dürfte etwa um die sechzig sein, wenn nicht älter. Er hat ein Kreuz um den Hals, lächelt mich fröhlich an und wünscht mir „frohe Weihnachten“. Ich brumme etwas vor mich hin. Da fragt er: „Wo drückt denn der Schuh?“ – „Ach, nirgendwo, ich bin nur nicht so ein Freund von Weihnachten.“ Der Mann lächelt und meint: „Pius ist mein Name.“ Ich nicke, und der Pfarrer fährt fort: „Werde einfach ein Freund von Weihnachten. Geh nach Hause und feiere mit deinen Eltern.“ Ich schüttle den Kopf, doch der Mann spricht einfach weiter: „Sie erwarten dich.“

„. . . Nein, tun sie nicht. Sie wollen mich nicht mehr sehen.“ Da erwidert der Mann: „Weihnachten ist das Fest der Liebe, des Zusammenhalts. An Weihnachten rücken die Menschen näher zusammen. An Weihnachten wird vergeben.“ – „Nein, das ist Schwachsinn.“ Der Geistliche lächelt nur: „Vertraue mir. Geh nach Hause. Deine Mutter und dein Vater erwarten dich schon lange. Vertraue auf Gott und Jesus.“ Dann verlässt er mich. Ich schüttle den Kopf. Was wusste der schon? Aber inzwischen fühle ich mich in der Kirche nicht mehr wohl. Und wirklich warm ist mir auch nicht geworden. Also gehe ich, laufe ziellos durch das Dorf und stehe plötzlich in der Straße, in der meine Eltern wohnen. War das Absicht von mir? Ich laufe weiter, und da steht das Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Geschmückt wie immer. Ich starre auf dieses Gebäude, welches ich seit Monaten meide. Erinnere mich in diesem Moment jedoch an den Priester und wage es. Ich gehe auf das Haus zu. Vor der Tür möchte ich allerdings wieder davonlaufen. Ich starre auf die Glocke, aber überwinde mich und läute. Ich höre Schritte. Die Tür öffnet sich. Meine Mutter steht vor mir. Sie
starrt mich an. Und da stottere
ich schon los: „Mama …
ich …“ Doch noch bevor ich zu Ende sprechen kann, kommt meine Mutter schon auf mich zu und schließt mich mit Tränen in den Augen in die Arme.

Ich kann es kaum glauben. Sogar mein Vater bekommt wässrige Augen, als er mich sieht. Sie haben mich also vermisst. Das hätte ich nicht für möglich gehalten. Der Priester hatte recht. Ich bekomme sogleich eine richtig ordentliche Mahlzeit. Und mir wird endlich wieder richtig warm. Ich bin so froh, zu Hause zu sein. Und mit jeder Minute wird mir klarer, dass ich mich bei diesem Pfarrer bedanken muss. Ich erkläre das meiner Mutter, muss ihr aber versprechen, dass ich gleich wiederkomme. Klar werde ich das. Ich verlasse das Haus. Es schneit noch immer. Schneeflocken streicheln mein Gesicht. Kühl, aber sehr angenehm. Mir ist nicht mehr kalt. Ich komme zum kleinen Wald vor der Kirche. Vom Himmel fallen die Schneeflocken wie weiße Sterne. Der Schnee auf den Bäumen glitzert so schön silbern im Schein des Mondes. Ich betrete die Kirche. Bald beginnt die Weihnachtsmette. Ich erblicke einen Mann, gehe auf ihn zu und spreche ihn an: „Ich müsste zum Pfarrer Pius.“ – „Pius? Du meinst wohl eher den Pfarrer Christoph. Der wird aber erst in einer Viertelstunde hier sein.“ – „Nein, nein, nein, ich meine den Pfarrer Pius.“ Der Mann, offenbar ist es der Mesner, fragt weiter: „Pius? Meinst du vielleicht den Altpfarrer Pius?“ – „Ja.“ Der Messner sieht mich seltsam an und sagt: „Der ist vor zehn Jahren gestorben.“

Martin L. Blum