Winter Wonderland

Kultur / 23.12.2012 • 20:46 Uhr / 14 Minuten Lesezeit
Es ist die Zeit des Lichterglanzes und der (auch außergewöhnlichen) Krippenmotive. Fotos: vn/steurer
Es ist die Zeit des Lichterglanzes und der (auch außergewöhnlichen) Krippenmotive. Fotos: vn/steurer

Nachdem ich mir eine dicke Jacke, dünne Handschuhe, einen Schal und eine Mütze übergestreift habe, ziehe ich mir warme, wasserdichte Stiefel an. Anschließend werfe ich einen Blick in den Spiegel und erkenne darin eine vermummte Gestalt, die wohl mich selbst widerspiegeln soll. Ein siebzehnjähriges Mädchen, das mit kurzen braunen Haaren und grünen Augen völlig normal aussieht. Nur ich kenne den wahren Albtraum hinter dieser Fassade. Ein Albtraum, der unbesiegbar scheint.

Und kaum, dass ich daran denke, fangen meine Hände an sich dreimal hin und her zu schwingen. Eigentlich ist das mehr ein schnelles Zucken als ein Schwingen, aber was es auch ist, es ist auf jeden Fall unglaublich unangenehm. Es beeinflusst mein Leben sehr stark, und doch muss ich damit klarkommen. Schon lange haben meine Eltern mir beigebracht, dass ich das wahrscheinlich nie loswerde. Es gibt nicht viele, die das schaffen, aber meine Hoffnung ist noch nicht komplett zerstört.

„Hey, mein Schatz. Kommst du klar?“ Meine Mutter taucht hinter mir im Spiegel auf und lächelt mich aufmunternd an. Ich weiß, dass sie sich Sorgen um mich macht. Das ist ihre Art zu sagen, dass sie immer für mich da ist, wenn ich sie brauche. „Klar. Geht gleich wieder“, beruhige ich sie – und vielmehr mich. Mama nickt. „Ich weiß. Sei vorsichtig, ja?“ Sie streicht mir über das Haar. Ich drehe ihr meinen Kopf zu, mein Lächeln verschwindet. „Das bin ich doch immer.“ In ihren Augen glitzern Tränen, als sie sich vorbeugt und mir einen Kuss auf die Stirn haucht. Ich umarme sie flüchtig, dann ertönt ein Piepsen aus der Küche und sie meint, sie habe einen Kuchen im Ofen und müsse den jetzt rausholen. Ich nicke ihr zum Abschied zu und kaum dass sie weg ist, schlägt mein Bein aus.

Seufzend warte ich, bis sich alles wieder normal anfühlt, dann trete ich hinaus ins Freie. Ich begrüße die wunderschöne Schneelandschaft mit einem freudigen Lächeln. Das ist das erste Mal seit einigen Tagen, dass es weder stürmt noch regnet. Daher lasse ich meinen Blick langsam umherschweifen. Nachdem ich mir alles ganz genau eingeprägt habe, löse ich mich von dem Anblick, wenn auch schweren Herzens.

Ich atme tief ein und gehe langsam meinen Weg zur Bushaltestelle, wie ich es jeden Tag tue. Ich darf nicht Fahrrad fahren und schon gar nicht mit einem Roller, was mich sehr betrübt. Ich weiß aber, dass meine Eltern sich nur um mein Wohlergehen sorgen. „Was, wenn du einen Anfall bekommst und es dich mitten auf die Straße wirft und man dich überfährt, weil es zu spät zum Bremsen ist?!“, hat meine Mama voller Furcht gerufen, als ich sie angebettelt habe, mir eine Vespa zu kaufen und mich den Führerschein machen zu lassen.

Ich muss plötzlich kichern, während ich meine Kopfhörer an mein Handy anschließe und die Stöpsel in meine Ohren drücke. Meine Mama muss sich aber auch immer das Allerschlimmste ausdenken! Naja, ich kann es ihr nicht verdenken. Sie ist eben eine Mutter, die sich um ihre einzige Tochter sorgt. Nicht nur dass ich nicht „normal“ bin. (Was ist schon normal?) Ich bin auch noch ein Mädchen und bei diesem Geschlecht wird gerne einmal übertrieben. Da ich aber ein Mädchen, mit einer Krankheit bin machen meine Eltern sich doppelt so viele Sorgen, weswegen sie mich auch ungern allein lassen. (Es könnte ja ein tödlicher Unfall passieren!) Zur Schule gehe ich deshalb mit meinem großen Bruder. Der passt dann immer auf mich auf.

Ein Nachbar kommt mir entgegen und ich grüße ihn höflich. Wie immer setze ich dabei ein kleines Lächeln auf, auch wenn es mir schon vorher auf den Lippen gelegen ist. Er grüßt und lächelt freundlich zurück. Sofort bekommt er Falten um die Augen. Dann ist er schon an mir vorbei und ich konzentriere mich auf mein Handy. Plötzlich schnellt meine Hand nach vor, als ob ich jemandem die Faust in den Magen rammen würde. Ich bin so erschrocken darüber, dass sich meine Hand öffnet und mein Handy auf den Boden knallt, die lange Schnur der Kopfhörer mitreißend.

„Verdammt!“, fluche ich, als ich es aufhebe und feststellen muss, dass es klitschnass ist. War ja nicht anders zu erwarten, wenn der Boden voller Schnee ist! Ich stoße ein genervtes Stöhnen aus. Nach so einer furchtbar langen Zeit sollte man denken, dass ich mich daran gewöhnt hätte und möglichst gut auf diese fiesen Attacken vorbereitet sei. Aber nein, zu meiner Enttäuschung habe ich mich noch immer nicht mit dem gemeinen Bösewicht namens „Tourette“ anfreunden können. Naja, nicht dass ich es unbedingt will. Ich hasse mein Leben, das von Tourette bestimmt wird. Ich würde liebend gerne die Fähigkeit besitzen, die Attacken vorauszusehen . . .

Ich bleibe stehen und blicke nach links. Der Bus ist noch nicht zu sehen. Ich öffne meine Tasche und zücke ein Taschentuch, mit dem ich mein Handy trockne. Dann lasse ich meine Finger flink über den Touch-Screen gleiten, um ein gutes Lied herauszusuchen. Ich wähle Songs immer passend zu meiner Stimmung aus. Ich weiß nicht, ob andere das auch so machen, aber ich könnte nie ein Party-Lied hören, wenn ich traurig bin. Bald springt mir ein Titel ins Auge und ich drücke darauf. „Coldplay – Paradise“ – ich finde, das Lied passt zu mir. Ich drehe die Lautstärke so weit auf, bis ich die vorbeirauschenden Autos nicht mehr wahrnehme. Dann lausche ich der Stimme von Chris Martin, und seine Worte brennen sich in mein Herz.

Ich blicke wieder auf, der Bus ist da. Begleitet von der Musik steige ich ein und suche mir einen Platz am Fenster. Dort stütze ich meinen Ellbogen auf eine herausstehende Kante und lehne meinen Kopf auf meine Handfläche. Dann schließe ich die Augen und entfliehe für den Rest des Liedes ins Paradies. Doch kaum klingt die Melodie ab, schnellt mein freier Arm nach vorne. Dann zurück. Und dann wieder nach vorne. Ich reiße die Augen auf und blicke entsetzt auf meinen Arm herab, der nun wieder an meiner Seite baumelt. Die wenigen Leute im Bus, die das mitbekommen haben, starren mich an. Ihnen ist „Tourette“ ein Fremdwort. Sie denken, ich bin seltsam, und das tut weh. Keiner versucht überhaupt erst, mich zu verstehen oder sich Gedanken darüber zu machen, was in diesem Moment in mir vorgeht.

Die Verzweiflung bricht augenblicklich in mir los und Tränen sammeln sich bereits in meinen Augen. Nicht zuletzt in Momenten wie diesen wünsche ich mir von Herzen, dass ich nicht so ein Sensibelchen wäre. Ich schlucke. Dann schnürt es mir die Kehle zu, und bevor mich jemand beim Heulen ertappen kann, drehe ich meinen Kopf wieder Richtung Fenster, dass man mein Gesicht nicht sehen kann. Meine Sicht ist gefühlte fünf Minuten lang verschwommen, doch mein Herzschlag beruhigt sich schneller als ich gedacht hätte. Allmählich haben die Leute ihr Interesse an meiner Merkwürdigkeit verloren, soviel kann ich aus dem Augenwinkel heraus gerade noch erkennen.

So langsam sollte ich mich mal daran gewöhnen. Das ist ja nicht das erste Mal, dass das passiert. Aber ich fühle mich jedes Mal aufs Neue gedemütigt. Es tut einfach so weh und ich kann nichts tun. Ich atme ein paar Mal tief ein, dann drücke ich auf den „Stopp“-Knopf. Bei der nächsten Haltestelle muss ich raus.

Zum Glück. Dann kann ich mich endlich entspannen. Dann werde ich dieses unangenehme Gefühl los, angestarrt zu werden. Und ich weiß mit hundertprozentiger Sicherheit, dass das Gefühl absolut nichts mit Paranoia zu tun hat! Erleichtert steige ich aus, bleibe stehen und blicke mich suchend um. Sofort breitet sich ein strahlendes Lächeln auf meinem Gesicht aus und ich renne los. Mein Tag ist somit offiziell gerettet! Mit einem lauten „Puff!“ knalle ich gegen die wichtigste Person in meinem Leben. „Hey, hey, hey! Nicht so stürmisch!“, grinst mich mein Bruder von oben herab an. Ich lache. Meine Arme schlingen sich wie von selbst um seinen Hals. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und drücke ihm einen Kuss auf die Wange.

„Ich hab dich vermisst!“ Er lacht und schließt mich in seine Arme. „Du Dummerchen, wir haben uns doch erst vor knapp fünf Stunden beim Frühstück gesehen!“ Ich bin nicht empört darüber, dass er mir so einen blöden Spitznamen verpasst. Ich bin ihm unendlich dankbar dafür, denn so weiß ich, dass er selbst ist und es ihm gut geht. „Aber das ist doch schon eine Ewigkeit her! Ich bin mir sicher, dass das länger als fünf Stunden war!“ Er lächelt mich breit an, dann beugt er sich zu mir runter und küsst meine Stirn. „Ich bin froh, dass es dir gut geht“, murmelt er. Ich sehe auf. Er ist wieder todernst und versucht in meinem Gesicht zu lesen. Ich schlage verlegen die Augen nieder. Aus meinem Mund kommt nur ein ersticktes Flüstern.

„Was ist?“, fragt er sofort. Ich kann nicht mehr verhindern, dass sich die angestauten Tränen nun lösen und wie Wasserfälle über meine Wangen fließen. Ich kralle mich an seiner Jacke fest und er drückt mich sofort be­schützend an sich. „Ich fühle mich einfach so einsam ohne dich. Es ist schrecklich! Ich will das nicht mehr! Warum kann es nicht aufhören?! Warum ausgerechnet ICH?!“, schreie ich nun völlig verzweifelt.

„Das hatten wir doch schon tausend Mal! Es ist sinnlos, sich das zu fragen. Ich weiß, dass es für dich am schlimmsten ist und ich kann es mir nicht einmal richtig vorstellen, ehrlich gesagt. Aber du solltest wissen, dass das nicht das Ende ist! Ich verlang ja nicht von dir, dass du glücklich damit bist, aber lass dir davon nicht dein Leben kaputt machen! Du solltest dich amüsieren und dein Leben genießen, solange du es noch kannst. Andere Kinder hat es schlimmer getroffen als dich.“ Mein erbärmliches Schluchzen verebbt nach einer für mich endlos langen Zeit. Die Stimme meines Bruders wirkte schon immer sehr beruhigend auf mich. Seine Worte sind wie kleine Messerstiche in meiner Brust, aber ich weiß, dass er es nur gut meint. Und er hat recht. „Das weiß ich doch! Aber es ist trotzdem schwer für mich damit zu leben! Ich finde es einfach so ungerecht… Wieso gibt es solche Qualen überhaupt auf dieser beschissenen Welt?!“ Er stützt sein Kinn auf meinen Kopf und schweigt. Was soll er darauf auch schon antworten?

„Du bist stark. Du kannst das. Du hast ja mich – und Mama und Papa! Wir helfen dir und sind immer für dich da. Wer weiß, vielleicht schaffst du es wirklich, diese verfluchte Krankheit zu besiegen! Unmöglich ist es jedenfalls nicht, und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt!“ Er sieht wieder auf mich herab und lächelt mir aufmunternd zu. Statt ihm zu sagen, dass sein Lächeln ziemlich gequält und eher wie eine Grimasse aussieht, bin ich ihm dankbar. Für alles, was er für mich tut, und dafür, dass er so ist wie er ist.

Ich hätte mir nichts Schlimmeres vorstellen können, als einen großen Bruder, den ich selber abgöttisch liebe und bewundere, der mich aber verachtet. Solange es Eifersucht gibt, gibt es auch solche Fälle. Deshalb bin ich unsagbar froh, dass ich so ein Glück mit meiner Familie habe. Ohne sie würde ich wahrscheinlich nie aus diesem Albtraum herausfinden. Ich weiß natürlich, dass es auch für sie nicht so leicht ist. Sie haben ständig Angst, dass ein Anfall eine Kettenreaktion auslösen könnte und mir etwas Schlimmes passiert. Sie machen sich Sorgen und versuchen mir alles recht zu machen, damit mein Leben besser aussieht. Und ich … ich jammere herum und denke immer nur an mich selbst! Wieder einmal wird mir klar, dass es mich nicht so schlimm getroffen hat wie andere. Ich bin nicht allein, und das reicht aus, um mir die Kraft dafür zu geben, so weiterzuleben wie bisher. Bald beginnt ein neues Jahr. „Machen wir eine Schneeballschlacht?“, frage ich meinen Bruder. Mein Lächeln löst eine Kettenreaktion aus.

Florentina Bösch