Parabel über Verlust, Trauer und Freundschaft

Kultur / 26.12.2012 • 18:45 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
277 Tage muss sich der junge Inder Pi Patel sein Rettungsboot mit einem Tiger teilen.
277 Tage muss sich der junge Inder Pi Patel sein Rettungsboot mit einem Tiger teilen.

Ang Lees Verfilmung des Bestsellers „Life of Pi“ ist ein berührendes Kinoabenteuer.

Hohenems. Wie spannend kann es sein, einem Mann dabei zuzuschauen, wie er 277 Tage in einem Rettungsboot über die offene See treibt? Und wie glaubwürdig vermag man den Umstand zu erzählen, dass er sich das Rettungsboot mit einem Bengalischen Tiger teilen muss? Beides ist dem kanadischen Schriftsteller Yann Martel mit seinem Roman „Schiffbruch mit Tiger“ gelungen. Sein 2001 erschienenes Buch wurde zum Weltbestseller – die Filmrechte waren erwartungsgemäß schnell verkauft.

Wie aber verfilmt man eine solche märchenhaft unrealistische Geschichte, die zugleich zutiefst menschliche Themen wie Freundschaft und Verlust diskutiert? Ang Lee, gefeiert und geschätzt für seine Literaturadaptionen (u. a. „Brokeback Mountain“ und „Sinn und Sinnlichkeit“) sowie seine intensive Figurenzeichnung, ist das Wagnis eingegangen – und überzeugt in ganzer Linie.

Ein Tiger aus dem Computer

Der Oscar-Preisträger nimmt seine Zuschauer im Handumdrehen durch betörend schöne Bilder aus dem Leben des jungen Pi Patel (Neuentdeckung Suraj Sharama) gefangen. Der Sohn eines Zoobesitzers im indischen Pondicherry verbringt seine Kindheit inmitten wilder Tiere und eines exotischen Gartens. Dann aber geschieht die Katastrophe. Der Frachter, mit dem Pis Familie mitsamt einiger Tiere auswandern möchte, erleidet bei einem Sturm Schiffbruch. Was folgt, sind besagte 277 Tage auf See. Zwei Wesen, die von Hunger, Panik und Überlebenswillen getrieben, sich in einer Koexistenz fügen müssen. Lee schafft es, nicht zuletzt dank verblüffender computergenerierter Aufnahmen, den Tiger als glaubwürdigen Charakter erscheinen zu lassen, ohne ihn dadurch zu vermenschlichen.

Lebensbedrohliche Stürme, der Zauber eines Schwarms fliegender Fische, der majestätische Anblick eines vorbeiziehenden Pottwals, der verzweifelte Kampf gegen das Verhungern und Verdursten – diese Reise ins Ungewisse ist ein emotionales Wechselbad. Dass diese Aufnahmen in einem 6,5 Millionen Liter fassenden Tank entstanden, ist ihnen nicht anzusehen.

Meister der visuellen Effekte

Lee bleibt auch bei den visuellen Effekten ein Meister. Mit der 3D-Technik, die eine soghafte Raumwirkung erschafft, geht er so versiert und bedacht um, als sei dies nicht sein erstes Mal, sondern die Summe langjähriger Erfahrung. Die Grenze zwischen Realismus und Märchen bleibt fließend, und dies mit Bedacht. Denn „Life of Pi“ ist in erster Linie eine große Parabel über Freundschaft, Verlust und Trauer. Ob es eine tatsächlich wahrhaftige Geschichte ist, verrät die Rahmenhandlung, in der ein gealteter Pi (nun gespielt von Irrfan Khan) sein Lebensabenteuer einem Schriftsteller (Rafe Spall) erzählt – und mit der allerletzten Wendung nicht nur seinen ihm völlig erlegenen Zuhörer, sondern auch die Zuschauer noch ein weiteres Mal in Erstaunen zu versetzen mag.