Eine äußerst geglückte Reanimation

Kultur / 20.01.2013 • 18:13 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Maria Hofstätter und Martina Spitzer in „Anna und Martha“ im Alten Hallenbad. Foto: VN/Paulitsch
Maria Hofstätter und Martina Spitzer in „Anna und Martha“ im Alten Hallenbad. Foto: VN/Paulitsch

Projekttheater ist mit Dea Lohers „Anna und Martha“ ins Hallenbad zurückgekehrt.

Christa Dietrich

Feldkirch. Keine Frage, es ist vor allem Maria Hofstätter, die dem endlich wieder aktiven Projekttheater Vorarlberg zurzeit enormen Zulauf beschert. Aber nicht nur die Begegnung mit der aus Linz stammenden, in Vorarlberg beliebten und für ihre Rolle in Ulrich Seidls Film „Paradies: Glaube“ gerade ge­feierten Schauspielerin macht die neue Produktion sehenswert. „Anna und Martha. Der dritte Sektor“ zählt bereits zu
den etwas angestaubten ­Stücken der viel schreibenden und viel gespielten ­deutschen Autorin Dea Loher (48).

Es zu einem spannenden Abend reanimieren zu können, ist eine Herausforderung, die die seit Jahren im Ensemble des Projekttheaters tätigte Regisseurin Susanne Lietzow im Vertrauen auf die Leistung von Maria Hofstätter und Martina Spitzer annehmen kann.

Kränkelndes kompensiert

Dea Loher, für die Regisseur Andreas Kriegenburg am Deutschen Theater Berlin beispielsweise die schönste vertikale Drehbühne aller Zeiten bauen ließ, hat ihre Sprache mit dem Episodenstück „Diebe“ (uraufgeführt 2010) und erst im vergangenen Jahr mit „Am Schwarzen See“ enorm verfeinert. Vor mehr als zehn Jahren, als das Thalia Theater in Hamburg unter dem auch in Bregenz bekannten Regisseur Dimiter Gotscheff ihren „Dritten Sektor“ zur Uraufführung brachte und mit Hildegard Schmahl immerhin eine der stärksten Kräfte des Hauses ins Rennen schickte, galt sie noch zu Recht vor allem als Autorin betrüblicher Verhältnisse, deren Figuren mitunter wenig Wandlungspotenzial innewohnt.

Dass dieses Stück über die Köchin Martha und Schneiderin Anna ob dieser Eindimensionalität ein wenig kränkelt, hat die Regie tunlichst zu kompensieren versucht. Lietzow und ihre Ausstatterin Marie Luise Lichtenthal hatten sich zudem vorgenommen, mit nur zwei Schauspielerinnen auszukommen. Für den Chauffeur, den die Autorin bereits als Hund dargestellt haben wollte, gibt es eine grandios gebaute Puppe, der Part der Putzfrau wird mit einer Maske plausibel gemacht. Eine Videoeinspielung dient der Darstellung des Vorlebens bzw. der Gefühlswelt.

Machtstrukturen

Der große Rest ist von zwei Personen auszufüllen, die im Großen und Ganzen das darzustellen haben, was die Machtstrukturen im Kleinen – also jene im engen Umfeld bzw. in den Haushalten – mit den Menschen und aus den Menschen machen.

So haben wir es also zwei Stunden lang mit zwei reichlich deformierten Personen zu tun. Die Freiheit, die den Frauen, der jahrzehntelang in einem Lohnverhältnis stehenden Köchin und der Schneiderin angesichts des Dahinscheidens der Herrschaft zuteil geworden ist, wird eher als Last empfunden, denn das Ausmaß der eigenen Schuld wird nicht erkannt. Während die Dame des Hauses in der Gefriertruhe die letzten Atemzüge tut und dieser Tod als Symbol der allumfassenden Abhängigkeits- und Unterkühltheitsmisere im Raum steht, werfen sich Anna und Martha Vergangenes an den Kopf. Da sich kein Bewusstsein für Versäumtes einstellt, werden die Ausdrucksweisen und Handlungen zusehends rauer. Hofstätter gelingt eine Studie der Verbohrtheit, Spitzer kontert mit Larmoyanz, die sich einmal kurz zu einem Gewaltausbruch zuspitzt.

Skurril überzeichnet ist das Ambiente, beängstigend real sind die Momente, die den beiden Schauspielerinnen gelingen. Und hier liegt auch die Stärke des Abends.

Dea Lohers „Der dritte Sektor“ ist nicht unbedingt umlegbar auf Strukturen heutiger Arbeitswelt und wirkt als Abbild eines Gutsherrenhaushalts überholt, die einzelnen Figuren, die sie entwirft, haben allerdings in ihrer Verhärtung und verlorenen Flexibilität Entsprechung in der Gegenwart. Das transparent zu machen, ist das Ziel des Abends. Heftiger Applaus hat die Erreichung desselben bezeugt. ##Christa Dietrich-Rudas##

Weitere Aufführungen bis
24. Jänner, jeweils 20 Uhr, Altes Hallenbad Feldkirch. Dauer: knapp 2 Stunden. www.projekttheater.at