Da geht es um Tod oder Leben

Kultur / 21.01.2013 • 21:55 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Rund 70 semiprofessionelle Sänger aus der Region hatten sich unter Markus Landerer für Händel starkgemacht. Foto: JU
Rund 70 semiprofessionelle Sänger aus der Region hatten sich unter Markus Landerer für Händel starkgemacht. Foto: JU

Chorakademie Vorarlberg stemmte Händels Oratorium „Israel in Egypt“.

Feldkirch. Mit ihrem aktuellen Chorprojekt, das am Wochenende in der Region dreimal zur Aufführung kam, hat sich die Chorakademie Vorarlberg die Latte sehr hoch gelegt. „Choratorium“ nennt man scherzhaft Händels „Israel in Ägypten“, weil darin dem Chor fast Übermenschliches an Ausdauer, Kraft und Ausdrucksvermögen abverlangt wird. Der „Spaß an der Freud’“ ist den rund 70 semiprofessionellen Sängern aus der Region auch in einer zweimonatigen Intensiv-Probenphase nicht vergangen. Dafür sorgte schon Chorleiter Markus Landerer.

Händels 1739 vollendetes „Israel in Egypt“, so der Originaltitel des Werkes, ist neben dem „Messias“ heute international eines seiner gefragtesten Oratorien. In Vorarlberg hat es Elgar Polzer 1991 mit seiner Oratorienvereinigung in deutscher Sprache aufgeführt, die Chor­akademie übernahm die lohnende Fleißaufgabe, das im englischen Original zu singen, was wiederum lautliche Besonderheiten wie das rollende „r“ verlangt. Das Werk behandelt nach Worten der Bibel die Befreiung des Volkes Israel aus der Knechtschaft in Ägypten, „eine der blutrünstigsten und theologisch problematischsten Geschichten im Alten Testament“ (Programmheft). Der grausame Gott Jahwe schickt die „Sieben Plagen“, die Heuschrecken, das Wasser, das zu Blut wird. Das Rote Meer öffnet sich für die Israeliten und verschlingt das Heer des Pharao. Die Solisten, die solche Dinge sonst erzählen, sind hier fast zu Statisten degradiert, dafür hat der Chor als „Volk“ diese Geschichten in barocker Bildersprache vielfältig und dazu oft auch noch doppelchörig zu schildern.

Ein toller Paukist

Dies gelingt bei der Aufführung am Samstag in der Kapelle des Konservatoriums auch in eindrücklicher chorischer Qualität und Ästhetik, deutlich, klangschön und beweglich, abgerufen von einem in seiner besonnenen Überlegenheit wie immer imponierenden Markus Landerer. Und doch hätten gerade diese Textvorlagen noch einiges mehr an Dramatik, an Expressivität und Kraft vertragen. Schließlich geht es hier um Kampf und Krieg, um Tod oder Leben: Da ist nur schön zu singen etwas zu wenig, zu harmlos. Wie es sein sollte, zeigt sich etwa im Chor „But the waters“, wo zusammen mit dem tollen Paukisten Heiko Kleber packend die stürzenden Wassermassen beschrieben werden, oder in der Schlussphase, wo man nochmals alle Kräfte mobilisiert.

Dazwischen fällt die Spannung dieser eineinhalb Stunden oft ab, kleine Intonationstrübungen sind Zeichen von Ermüdung oder Überforderung.

Auf der Haben-Seite stehen dafür viele schöne lyrische Teile, die in gekonnter Manier, fließend und farbenreich, exekutiert werden, oder die leichtfüßigen Koloraturen im Chor „I will sing unto the Lord“. Dazu gehören auch die fünf Solisten, die ihre Aufgaben in kleinen Arien und Duetten respektabel meistern: Maria Erlacher, Sopran, Katrin Auzinger, Mezzo, und Gernot Heinrich, Tenor, die Landerer von seinem neuen Wirkungsort Wien mitgebracht hat, dazu die beiden heimischen Vertreter des tiefen Fachs, Lothar Burtscher und Johannes Schwendinger. Ein ganz großes Plus ist die Verpflichtung des Barockorchesters Concerto Stella Matutina, das in historischer Stimmung auf alten Instrumenten dem Abend kostbare Authentizität verleiht, sanft verhalten in den gedämpften Streichern und dem Continuo, grundierend in den Posaunen, strahlend in Trompeten und Pauken.

Versuch einer Diagnose nach fünf Jahren Chorakademie: In den wunderbar gelungenen romantischen Requien von Brahms und Dvorak oder Mozarts c-Moll-Messe scheint sich diese Sängergemeinschaft deutlich wohler zu fühlen als im strengen Barock.

Hörfunkwiedergabe: 27. Jänner, 20.05 Uhr, Radio Vorarlberg