Der alte Schinken ließ die Sitze wackeln

Kultur / 21.01.2013 • 21:55 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Michael Maertens als Alceste und Yvon Jansen als Célimène“ in „Der Menschenfeind“. Foto: Schauspielhaus/Matthias Horn
Michael Maertens als Alceste und Yvon Jansen als Célimène“ in „Der Menschenfeind“. Foto: Schauspielhaus/Matthias Horn

Witziger und klüger lässt sich Molières „Der Menschenfeind“ kaum umsetzen.

Christa Dietrich

Zürich. Seinen guten Ruf als Uraufführungsbühne konnte das Zürcher Schauspielhaus in den letzten Jahren nicht durchwegs verteidigen, als Haus feinster und zugleich jugendlich frischer Klassikerpflege bleibt es unter Intendantin Barbara Frey in der Region jedoch unangefochten. Jüngstes Beispiel ist Molières „Menschenfeind“.

Dass Alceste, die Hauptfigur in dem 1666 uraufgeführten Stück, Heuchelei ablehnt und sich in Wahrhaftigkeit üben will, kann man in Abwandlung der damaligen Absicht, die Kluft zwischen (unanständigem) Adel und (zuweilen anständigem) Bürgertum aufzuzeigen, vor allem politisch interpretieren. Regisseure, denen das zu unkomödiantisch ist, widmen sich in erster Linie dem enormen Gefühlsspektrum, das die Personen vermitteln, die allesamt verliebt sind und auf Gegenliebe hoffen.

Lassen sich die Themen verbinden und lässt sich zudem eine Gesellschaft aufbieten, die zwar heutig, aber nicht klischeehaft wirkt, ist alles gewonnen. So wie nun in Zürich. In der von Bettina Meyer gebauten, etwas verstaubten Hotellobby schafft sich die in Versen gehaltene Übersetzung nicht nur Raum, die Produktion erinnert zwar an jene großartigen des Duos Marthaler/Viebrock, sie gewinnt auch zusehends an eigenem Format.

Als Misanthrop gefällt sich Michael Maertens (Alceste) im gut dosierten Ausmaß so lange, bis klar ist, dass er mit Célimène eine Gleichgesinnte vor den Kopf stößt. Seine Absicht mag edel gewesen sein, letztlich ist aber er, der an Egomanie kränkelt, entlarvt, wenn er Angebote zur Erreichung der Bodenhaftung macht, die Frey im furiosen Spiel (inklusive dazu geholtem Klavierspieler) so klug und witzig darbietet, dass die Sitze unter dem lachenden Publikum wackeln. ##Christa Dietrich-Rudas##

Nächste Aufführung am 26. Jänner, zahlreiche weitere. Dauer: 2 Stunden. www.schauspielhaus.ch