Dumm oder überzeugt

Kultur / 25.01.2013 • 19:28 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Auf der Liste der behandelten Musikerinnen und Bands ist auch Madonna. Foto: AP
Auf der Liste der behandelten Musikerinnen und Bands ist auch Madonna. Foto: AP

Die Musiker Hans Platzgumer und Didi Neidhart suchen das Gute im Pop.

Sachbuch. „Musik = Müll“. So einfach ist das. Tatsächlich steckt aber hinter dem gleichnamigen Essay von Hans Platzgumer und Didi Neidhart mehr als eine rein pessimistische Sicht auf aktuelle popkulturelle Phänomene. Ausgehend von einem Gespräch mit dem elfjährigen Sohn am Frühstückstisch wird auf 125 ebenso kurzweiligen wie weit ausholenden Seiten eine Zustandsbeschreibung versucht, die sich mit „Masse statt Klasse“ auseinandersetzt, verklärter Nostalgie eine Abfuhr erteilt und dem eigenen Besserwissertum trotzt.

Als zentrales Übel definieren die Autoren, beide selbst als Musiker tätig, die Allgegenwärtigkeit von Pop – aus unsichtbaren Handylautsprechern dröhnend, in der digitalen Wolke schwebend oder Speicherplatz am Rechner verstopfend. Gezahlt wird für Musik aus der Sicht von Platzgumer und Neidhart heute nur noch „aus Dummheit oder Überzeugung“. Die Aufmerksamkeitsspanne ist verkürzt, nach dem ­einminütigen Hörgenuss wird im World Wide Web bestenfalls „geliked“, dann weitergesurft

und das nächste Wegwerfprodukt inspiziert. Indirekt wird damit auch die Existenzberechtigung von Musikjournalismus infrage gestellt: Warum über etwas lesen, wenn man es doch gleich selbst hören kann?

Somit bekommen Facebook, Spotify, YouTube und wie sie alle heißen ihr Fett weg, wird Crowdfunding mehr als kritisch betrachtet und Musik auf ein „frei zugängliches Datenkürzel“ reduziert. Von da ist es nicht weit zu Themen wie Urheberrecht, Remix-Kultur und der Freiheit im Netz, auch ein Seitenhieb auf jene „intellektuellen Eliten, die bislang in keinerlei politische Debatten eingriffen, sich aber jetzt, wo es um ihre persönlichen Interessen geht, vereinigen wollen und zaghaft ‚Kunst hat Recht‘ sagen“.

Finger in die Wunden gelegt

Platzgumer und Neidhart drehen an den richtigen Knöpfen und legen ihre Finger tief in die Wunden der Pop-Industrie, ohne dabei oberlehrerhaft zu erscheinen, sondern stets ihre eigene Position und Musiksozialisation hinterfragend. Etwas nostalgisch wird es angesichts der Reminiszenz an Punk als Müllabfuhr, „die Rettung, der Restart-Button“. Schmunzeln muss man hingegen, wenn Österreich als „Popo der Weltmusik“ erkannt und bei Schlager und Ballermann-Sounds „ein Hören mit Schmerzen“ verortet wird. Letztendlich zieht sich aber auch ein Fünkchen Hoffnung durch diese Auseinandersetzung: „Viele versuchen – warum auch immer – noch gute Musik zu machen.“

Neues Album

Vielleicht tritt Platzgumer demnächst selbst den Beweis an, veröffentlicht er doch mit seinem Projekt Convertible am 1. Februar ein neues Album („The Growing of Things“). Bis dahin darf man die Liste der „aufgetretenen“ Bands im Anhang studieren und sich fragen, wen die Autoren als Müll erkennen und wen nicht.

Hans Platzgumer, Didi Neidhart: „Musik=Müll“, Verlag Limbus,
www.platzgumer.net