Faust hat seinen Mephisto bekommen

Kultur / 25.01.2013 • 22:48 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Mit „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ legt Michael Köhlmeier einen neuen Roman vor. Foto: VN/Paulitsch
Mit „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ legt Michael Köhlmeier einen neuen Roman vor. Foto: VN/Paulitsch

„Ich habe etwas mit großer Freude getan, nämlich ein Lügner als Erzähler zu sein.“

Christa Dietrich

Hohenems. Mit „Abendland“ hat Michael Köhlmeier vor einigen Jahren seinen bislang umfangreichsten Roman vorgelegt. „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ liest man mit fast noch größerer Gespanntheit. Und das sicher nicht, weil Köhlmeier augenzwinkernd vom Lügner als Erzähler spricht.

Herr Köhlmeier, wie halten Sie es mit der Wahrheit?

Michael Köhlmeier: Wenn ich jemandem gegenüber ein extremes Postulat aufstelle, wie Kant etwa, ist zu bedenken, dass man mit dem Wahrheitsanspruch Herrschaft ausüben kann. Wenn ich jemandem sage, du bist verpflichtet, immer die Wahrheit zu sagen, dann gestehe ich ihm keinen Bereich zu, wo er privat ist. Es ist ein hohes Gut, ein Geheimnis bewahren zu können.

Machen wir in dem Stil weiter. Was ist für Sie wirklich richtig böse?

Michael Köhlmeier: Abgesehen davon, dass es das ist, was gegen das bürgerliche Gesetzbuch verstößt, ist es das, was ich mit wirklich böser Absicht tue. Es gibt Menschen, die eine böse Gesinnung haben, die aber ihr ganzes Leben lang nie die Gelegenheit hatten, etwas Böses zu tun. Die Absicht, jemandem zu schaden, zu vernichten, das ist böse.

Bei Joel Spazierer ergibt sich auch die Frage, warum Menschen wohl auf Hochstapler hereinfallen?

Michael Köhlmeier: Erstens einmal, weil es Hochstapler gibt, die sehr charmant sind. Charme ist ja ein Mysterium. Wenn Charme – und bei Spazierer ist das der Fall – sich mit der Fähigkeit verbindet, Projektionsfläche zu sein, auf die ich meine Gedanken projizieren kann, dann ist das ein Akt der Selbstverliebtheit, weil ich mich auf seiner Projektionswand sehe. Es ist oft so, dass jemand sich anbietet, deine Wünsche zu respektieren, und vorgibt, in der Lage zu sein, sie zu erfüllen.

Ein Beispiel?

Michael Köhlmeier: In der Politik gibt es manche dieser Leute. Haider war für einige Menschen ein solcher. Mit ein bisschen Nachdenken und vor allem jetzt nach seinem Tod kommt natürlich etwas anderes heraus.

Sie sprachen einmal von der Untauglichkeit von Utopien. Es scheint Ihnen auch in diesem Buch ein Anliegen zu sein, das zu unterstreichen.

Michael Köhlmeier: Ich bin ein Kind des 20. Jahrhunderts. Das war ja getränkt mit Ideologien. Die Utopie tritt immer an mit dem Aspekt einer großen Idee, die dazu führt, dass es den Menschen besser geht. Alle Utopien haben uns Unglück gebracht, haben uns getäuscht. Es ist auch nicht eine gereinigte Situation da. Wenn der Kern gereinigt ist, bleibt unter Umständen nichts, sondern nur noch Konsum. Dann schaue ich, dass ich möglichst satt bin, mit einem möglichst schönen Auto durchs Leben fahre, dann haben wir instinktiv das Gefühl, dass es etwas gibt, was über das unmittelbare Leben hinausweist.

Was wäre für Sie eine Alternative?

Michael Köhlmeier: Das ist schwer zu beantworten, vielleicht kommen wir drauf, die Oberfläche zu schätzen, das, was man unmittelbar sinnlich erfährt. Ich sehe einen Gegenstand vor mir, meinetwegen einen Baum oder eine Blume oder ein Glas. Wie William Carlos Williams, der amerikanische Lyriker, dem es gelingt, Gegenstände ins poetische Licht zu heben. Das ist ein unglaublich weiter Weg, da sind wir verwaist, da nimmt uns niemand an der Hand. Bei den Utopien ist es ja gerade anders.

Den Joel Spazierer kann man nicht wirklich mögen oder ins Herz schließen, oder doch?

Michael Köhlmeier Ich hoffe, dass man gar nicht anders kann. Er macht sich keine Gedanken, jemanden zu beseitigen, wenn der im Weg steht. Es gibt eine einzige Passage, in der ihn der Staatsanwalt verletzt, in der er ihm das Menschsein abspricht. Es gibt eine Szene, da vernichtet er, da gibt es ein Blutbad. Die Rache hat aber nicht lange angehalten, er erinnert sich daran, dass er verletzt wurde, das Rachegefühl kommt dabei aber nicht mehr hoch.

Er bleibt im Grunde genommen ja ein Kind.

Michael Köhlmeier: Seine erste Lebenserfahrung, als er als kleines Kind allein gelassen wird, ist, es gibt nur mich, er meint, das ist die eigentliche Welt und das Auftauchen von Menschen ist eine Ausnahme. Da gibt es dann eine Szene, in der es grauenhaft wird, in der er in einem Käfig ist und die Menschen neben ihm geschlachtet werden und der Schmerz einer eigenen Verletzung ihn das überstehen lässt.

Tröstend ist das, also der Schmerz, aber auch nicht unbedingt.

Michael Köhlmeier: Wenn ich davon ausgehe, dass der Trost überhaupt nicht vorhanden ist, dann tröstet aber dieses Unerwartete.

Von der Möglichkeit, die Identität zu wechseln, geht natürlich eine Faszination aus. Ist das so?

Michael Köhlmeier: Selbstverständlich, wenn ich die Identität wechsle, komme ich in die Situation, meine eigene Identität anzusehen, mich zu betrachten.

Welche Absicht verbinden Sie mit diesem Roman, in dem die europäische Nachkriegsgeschichte ganz konkret eine Rolle spielt?

Michael Köhlmeier: Es sind ästhetische Absichten. Die vornehmste Aufgabe der Literatur ist es, ein Bild der Zeit des Autors zu zeichnen, und zwar so eines, dass sich der Leser in diesem Bild erkennt. Irgendwann, als ich den Roman „Abendland“ fertiggeschrieben hatte, war da mit „Madalyn“ der extreme Gegensatz. Das Allerprivateste, das es gibt, ist die erste Liebe einer Vierzehnjährigen. Ich dachte, es wäre schön, einen dritten Roman zu schreiben, sozusagen als zweiten Flügel neben dem Zentrum, in dem die erste Liebe eines jungen Menschen steht. Was gibt es Wichtigeres?

Und wenn Sie jetzt den Candoris im „Abendland“ und den Joel Spazierer vergleichen?

Michael Köhlmeier: Wenn Candoris etwas von einem Faust hat, dann hat der Spazierer etwas von einem Mephisto.

Es ist kein historischer Roman, Sie lassen aber ins Privatleben von bekannten Personen der Politik blicken. Das ist sicher super gut recherchiert, aber einige Dinge können Sie ja gar nicht wissen. Hatten Sie nie Sorge, dass sich beim Leser Realität und Fiktion verwischt?

Michael Köhlmeier: Im Gegenteil, ich habe durchaus gehofft, dass die Leser es durcheinander bringen. Man kann sagen, okay, es ist ein Roman, das steht vorne drauf, aber das ist ja schon ein Augenzwinkern dem Leser gegenüber. Aber in Wirklichkeit ist es mir am liebsten, wenn man das vergisst. Ich habe etwas mit großer Freude getan, nämlich ein Lügner als Erzähler zu sein.

Das erstaunt mich.

Michael Köhlmeier: Ich mache das manchmal auch beim Erzählen unter Menschen so. Wenn die Leute mir die Geschichten glauben, dann ist das ein Triumph.

Eine pragmatische Frage: Wie viel Ihres „Spazierer“-Textes ist nicht in das 650 Seiten starke Buch aufgenommen worden?

Michael Köhlmeier: Das letzte, das 12. Kapitel hat nur noch ein paar Zeilen. Ich bringe es nicht über mich, etwas abzuschließen, so schreibe ich halt weiter und habe mich dann mit großer Selbstdiszipilin durchgerungen, es einfach abzuschneiden. ##Christa Dietrich-Rudas##