Großartige, virtuelle Hochstapelei

Kultur / 19.03.2013 • 22:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Vorarlberger Künstlerduo Alexandra Berlinger und Wolfgang Fiel im Engländerbau in Vaduz. Foto: AG
Vorarlberger Künstlerduo Alexandra Berlinger und Wolfgang Fiel im Engländerbau in Vaduz. Foto: AG

Berlinger und Fiel inszenieren im Engländerbau eine virtuelle Skulptur.

Vaduz. „tat ort“ – der Name, unter dem das bekannte Vorarlberger Künstlerduo Alexandra Berlinger und Wolfgang Fiel seit mehr als einer Dekade agiert, erklärt eigentlich alles. Es geht um das Tun am Ort. Und um Wahrnehmungsverschiebungen.

Am aktuellen Ort, im Engländerbau in Vaduz, scheinen sie fast nichts zu tun. Auf rund 300 Quadratmeter Ausstellungsfläche thematisieren Berlinger/Fiel mit der reduziert-minimalen Intervention „History in the making“ die Leere.

Dennoch ist es ein Eingriff, der es in sich hat. Basierend auf einer ebenso schlichten wie genialen Idee versammeln tat ort in dieser außergewöhnlichen Retrospektive nicht weniger als 14 gemeinsame Projekte. Aber wo sind die Werke eigentlich geblieben? Die Frage, die sich der Besucher in der Ausstellung stellt, stellten sich auch Berlinger/Fiel, nachdem sie in den vergangenen Jahren viel „verbaut“ haben.

Gebunden an den räumlichen Kontext und den jeweiligen Ort verschwinden die Apparaturen und Einrichtungen der Künstler, die immer dort intervenieren, wo sich Kunst eher mittelbar und in Lebenszusammenhängen präsentiert, jedoch stets mit Projektende. Von der Schlacht mit Holz, Karton, Latten, Böcken, Schrauben und Rädern bleibt nichts als ein minutiös geführtes, digitales Archiv. Aus diesem haben tat ort nun geschöpft, sämtliche Projekte digital in ihre Einzelteile zerlegt. Aufeinander geschichtet, nach statischen Gesichtspunkten gebaut, sprich vom Großen ins Kleine, vom Harten ins Weiche, ist am Computer letztlich eine große Form entstanden.

Wie Fleisch am Knochen

Dieser Gesamtstapel wird in der Ausstellung aber nicht sichtbar, sondern nur durch sogenannte Passstücke angedeutet, als Metallteile, die an insgesamt 47 weißen Mikrofonständern angebracht sind und signifikante Punkte des Materialhaufens markieren. Die Skulptur selbst bleibt virtuell und muss vom Besucher erdacht werden. Dreh- und Angelpunkt sind die altrosa Passstücke, die sich an den weißen Stativen, wie Fleisch am Knochen, im „Bilderbuch-White-Cube“ (tat ort), in dem tatsächlich alles weiß ist, vom Boden über die Wände, bis zur Decke, kontrastreich behaupten.

Dokumentiert in einer Zeitung, als ebenso flüchtiges Medium, generiert sich aus dem retroaktiven Manifest der künstlerischen Praxis von Berlinger/Fiel ein neues Werk. Wenn tat ort mit „History in the making“ als „Geschichte machen“ ein Stück eigenes Œuvre aufarbeiten, so sehen sie ihre Kunst aber auch als öffentliche Art von Tätigkeit, als eine Art Mini-Baustein im Verlauf der Geschichte.

Zudem mündet die virtuelle Hochstapelei in ein großartiges Bild, das aus dem Kontrast und der Gleichzeitigkeit von völliger Leere und totaler Verdichtung resultiert und den Raum auf wundersame Weise mit dem Nichts füllt.

Die Ausstellung wurde gestern im Engländerbau in Vaduz (Städtle 37) eröffnet und ist bis 26. Mai, täglich 13 bis 17 Uhr, Di bis 20 Uhr, zu sehen