Es menschelte schon immer auf dem Rütli

Kultur / 20.03.2013 • 21:35 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Es gibt fürwahr Einfacheres, als das letzte Bühnenwerk von Schiller zu inszenieren.

Zürich. (VN-tb) Wer es dennoch wagt, schleppt nicht nur die ganze Rezeptionsgeschichte des „Wilhelm Tell“ mit. Es gibt da überhaupt das Identifikationspotenzial des Tell-Mythos für den politischen Willen der Eidgenossenschaft. Gleichzeitig ist die Tatsache unabweisbar, dass (auch) die Schweiz kein „einzig Volk von Brüdern“ ist.

Einen erfrischende(re)n Regie-Blick von außen als den, den jetzt der 1971 geborene Tscheche Dusan David Parizek im Zürcher Schauspielhaus auf das 1804 uraufgeführte Stück geworfen hat, hätten wir allerdings schon gerne gehabt. Aber leider hat Parizek sich gleich in mehreren Fallen etwas verfangen – in der Ironiezwang- und Späßchenfalle, der Beiläufigkeits-, Ausnüchterungs- und Reduktionsfalle und der Dekonstruktionsfalle. Und: Parizek hat sich nicht deutlich genug dafür entschieden, was er eigentlich will. So erscheint es symptomatisch für den Abend, dass die Apfelschussszene ambivalent aufgebrochen ist.

Michael Neuenschwanders Tell zielt auf den Apfel, aber trifft ihn nicht. Oder irgendwie doch? Immerhin erzählen vorne an der Rampe die Landsleute Tells, der um seinen Sohn trauert, im Schnellverfahren die Geschichte, so wie sie bei Schiller steht.

Erkenntniswert bei null

Prima. Denn damit hat man als Regisseur den Klassiker gegen den Strich gebürstet und das Original unter anderen Vorzeichen doch noch herbeibemüht. Nur: Der Erkenntniswert dieses Regie-Manövers tendiert gegen null. Und sollte dem Nicht-Meisterschuss Symbolwert zukommen, dann haben wir bis dahin die Lektion, dass die Schweiz kein Freiheitsparadies ist und dass es ziemlich menschelt bei ihren berühmten mythologischen Gründervätern, schon längst kapiert.

Nächste Aufführung am 24. März: www.schauspielhaus.ch