Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht

Kultur / 22.03.2013 • 20:26 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Wasser ist Leben. Diesen Grundsatz haben Vorarlberger Jugendliche gemeinsam literarisch verarbeitet. Foto: VN/Hartinger
Wasser ist Leben. Diesen Grundsatz haben Vorarlberger Jugendliche gemeinsam literarisch verarbeitet. Foto: VN/Hartinger

Die Tür des Helikopters öffnet sich und der eiskalte Wind lässt Emma schaudern. Sie zieht den Schal noch höher ins Gesicht, sodass man nur noch ihre braunen Augen sehen kann, die vor Aufregung funkeln. Er legt seine Hand ermutigend auf ihre Schulter und sagt: „Der erste Atemzug war immer sein Lieblingsmoment, wenn sich seine Lungen mit Nordpolluft füllten!“, und springt den halben Meter nach unten aufs Eis. Sie sind sehr nah am Wasser gelandet, Eisschollen schwimmen an ihr vorbei, während die Sonne das gesamte Eis in ihr Licht taucht und wie ein Meer voller Kristalle glitzern lässt. Der Mann, der sie begleitet hat, trägt ihr Gepäck und bringt sie zu den roten Hütten, die vor einigen Jahren von Forschern bewohnt wurden und nun leer stehen. Es gibt eine kleine Küche mit Gasherd, in der Ecke steht ein Bett mit vielen Decken und Kissen und direkt daneben ist der große offene Ofen, in dem der Mann gerade Feuer macht. Sie setzt sich vor das lodernde Feuer, um sich von ihrem Kälteschock zu erholen, denn draußen herrschen eisige -54°Celsius. Er verspricht, bald wieder vorbei zu kommen und verschwindet mit einem letzten besorgten Blick durch die Tür. Lange 40 Jahre hat sie sich gewünscht, einmal mit Leo an den Nordpol zu reisen, jetzt war sie endlich hier, allein, ohne ihn. Drei Jahre, vier Monate und sechs Tage sind verstrichen, seit er von ihr gegangen ist. Seit dem beherrschen ihre Seele Leere und Schmerz, sie lassen sie Leos Tod nicht verkraften. Manchmal fühlte es sich an, als hätte er sie schon vor 30 Jahren verlassen, als er anfing, nicht nur in Laboren sondern auch am Nordpol zu forschen. Doch der Abschied vor drei Jahren war für immer. Emma hatte ein gutes Leben, sie hat ihre Arbeit und ihre Kinder geliebt, die ihr doch so viel gegeben haben. Die schönste Zeit aber waren die wenigen Wochen, wenn Leo zwischen seinen Forschungsreisen bei ihnen war, dann haben sie Ausflüge gemacht und er hat erzählt und erzählt, alle hingen immer an seinen Lippen, wenn er von der weißen Landschaft, dem Glitzern und den anmutigen Eisbären erzählte. Auch wenn es sich anfühlte, als hätte er sie im Stich gelassen. Sie musste den Alltag alleine bewältigen, die Erziehung der Kinder, den Haushalt und auch als ihre Mutter starb, er war nicht da, trotzdem hat sie ihn so sehr geliebt und sich jeden Tag gewünscht, er wäre bei ihr. Jetzt studieren ihre Kinder oder ziehen bereits ihre eigenen Kinder groß, sie sind nicht mehr auf ihre Hilfe angewiesen. Emma fühlt sich einsam und allein, sie hat niemanden mehr. Genau das war der Grund, warum sie nichts mehr in Österreich gehalten hat und sie einfach weg musste. In einer mutigen Minute entschloss sie sich, an den Nordpol zu reisen, um endlich das zu sehen, was ihr Mann so geliebt hat. Sie wollte verstehen, wofür er seine Familie und sein Leben in Österreich aufgegeben hatte, und machte sich auf den Weg in der Hoffnung, ihm nahe zu sein. Vielleicht kann sie so seinen Tod akzeptieren. Sie erinnert sich, als er ihr das erste Mal vom Nordpol erzählt hat. Er fuhr mit seinem Forschungsteam das erste Mal zum Nordpol und einen Tag, bevor er wieder nach Hause reiste, sah er sie, die Polarlichter, seine vielleicht zweite große Liebe. Die Polarlichter, die einige Monate im Jahr glitzernd über den schwarzen Himmel tanzen und hell leuchtend zu sehen sind. Als er ihr davon erzählte, strahlten seine Augen, sie hatte ihn noch nie zuvor so glücklich gesehen und mit diesem Bild von ihm schlief sie ein.

Emma schlägt die Augen auf und schnappt nach Luft. Der Atemzug lässt sie zusammenzucken, alles ist so neu und doch kommt es ihr so bekannt vor. Sie ist in einem Paradies aus Eis. Alles um sie sieht gleich aus, alles ist weiß. Diese Landschaft hat ihr Mann so geliebt. Die Freiheit, die unendlichen Weiten des Eises und die Vollkommenheit. Tagein tagaus steht sie auf einer Anhöhe, vom Anblick wie gefesselt. So fasziniert, dass sie gar nicht spürt, dass es für ihren Körper unerträglich ist, dieser ständigen Eiseskälte ausgesetzt zu sein. Eine dicke Jacke, die Jacke ihres Mannes, umhüllt ihren Körper und wärmt sie und Emma zieht oft sehnsuchtsvoll den Geruch ihres Mannes in ihre Nase. Es überkommt sie das Gefühl, dass sich hier nichts verändert, die Zeit einfach stillsteht, genauso wie sie es sich in glücklichen Stunden mit Leo gewünscht hat. Nichts scheint vergänglich, alles bleibt für immer so wie am ersten Tag. In dieser Welt gibt es keine Veränderungen. Jedoch hat diese Welt Emmas Leben verändert, ihr Mann ist vor drei Jahren hier gestorben, erfroren in seinem Paradies. Plötzlich ist er wieder da, dieser unerträgliche Schmerz und diese Leere, die sie seit dem Tod ihres Mannes fast erdrücken. Nun sieht sie den eisigen Wind über die Eisflächen peitschen und die Wellen prallen gegen die riesigen Eisberge. Diese Felsen aus gefrorenem Wasser ragen viele Meter in die Höhe, bedrohend und mächtig. Wie aus einer Trance erwacht, sieht sie zum ersten Mal nicht mehr die Schönheit des Eises, sondern was es zerstört hat. Zuerst ihren Mann und jetzt auch sie. Heiße Tränen kullern über ihr eiskaltes Gesicht, ihre Knie geben nach und sie sinkt zu Boden. Zitternd umschlingt sie ihren Körper. Sie schluchzt und ihre Atemzüge überschlagen sich. Sie streift die Handschuhe ab und holt mit ihren tauben und blauen Händen die Kette aus ihrer Jackentasche. Emma versucht, das Medaillon zu öffnen, aber ihre Finger versagen. Sie haucht in ihre Hände, doch diese bleiben kalt. Fast so, als ob das letzte Leben aus ihr gewichen wäre. Sie schluchzt immer tiefer, sie will dieses Bild sehen, das sie in das Medaillon gelegt hat, damit er sich auf seinen Reisen an seine Familie erinnert. Seit sie am Nordpol ist, hat sie sich nie getraut, das Medaillon zu öffnen. Sie wollte ihn doch loslassen! Nun will Emma das Bild sehen, aber zum Öffnen fehlt ihr die Kraft. Jetzt wird ihr bewusst, dass sie es nicht geschafft hat, ihn loszulassen und dass sie es nie schaffen wird.

Um sie herum ist alles dunkel geworden, Emma kann kaum mehr ihre eigene Hand vor Augen sehen. Mit letzter Kraft steht sie auf, wischt sich die Tränen ab und schleppt sich zum Wasser. Sie schiebt sich die Kappe vom Kopf und ihre Haare wehen um ihr Gesicht. Sie setzt sich mit dem Medaillon in der Hand und lässt los. Sie fällt. Wasser dringt durch ihre Kleidung und es fühlt sich an, als würden sich tausend Nadelstiche in sie bohren und ihre Lunge füllt sich mit Wasser. Eiseskälte umhüllt ihren Körper, ihre Kleidung wird immer schwerer und zieht sie nach unten. Sie spürt nur noch ihr immer langsamer schlagendes Herz. Ihre Anstrengung, die Augen offen zu halten, wird belohnt, als sie die bunten Lichter am Himmel tanzen sieht. Die Lichter lassen das Wasser in allen Farben funkeln. Die Polarlichter, die Seelen der Verstorbenen! Ihr Mann holt sie, sie braucht keine Angst mehr zu haben. Ein letztes Lächeln huscht über ihr Gesicht. Die Augen schließen sich und die Tiefe des Meeres verschlingt sie.

Hanna Hartmann,

Stefanie Lanschützer,

Lea Larcher,

Laura Martin,

Delia Spiegl,

Corinna Wüschner

Die Schülerinnen, die von Mag. Claudia Peter in Deutsch unterrichtet werden und bei diesem Projekt betreut wurden, erhielten einen Neptun Wasserpreis