Überlebensgeschichten

Kultur / 22.03.2013 • 20:26 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Holocaust-Mahnmal in Berlin: Nur wenige Kinder entkamen den Judengreifern. Foto: AP
Holocaust-Mahnmal in Berlin: Nur wenige Kinder entkamen den Judengreifern. Foto: AP

Alexander Meschnig hat mit Tina Hüttl ein bemerkenswertes Buch geschrieben.

Meinrad Pichler

Sachbuch. Unter dem Titel „Uns kriegt ihr nicht“ sind Geschichten von 15 jüdischen Kindern zusammengefasst, die in unterschiedlichen Verstecken und auf verschiedene Weisen die Hitlerdiktatur überlebt haben. Etliche von ihnen haben erstmals über ihre Kindheit erzählt, einige sind schon mehrfach als Zeitzeugen aufgetreten.

In ihrem anregenden und informativen Vorwort gehen der aus Hohenems stammende, in Berlin lebende Politikwissenschafter und Psychologe Meschnig und die Journalistin Hüttl unter anderem der Frage nach, ob sich anhand der 15 Biografien eine Typik bzw. ein Typus des Überlebens ergebe. Der Vergleich zeigt aber, dass die Ausgangssituationen, die jeweiligen Umstände und die Menschen selbst sehr unterschiedlich sind. Gemeinsam ist aber doch allen: Sie haben aktiv an ihrem Glück gearbeitet, waren lebenshungrig und mutig, die meisten schlagfertig und vorausplanend. In aller Regel hätte aber der eigene starke Überlebenswille nicht ausgereicht; zum Glück des Überlebens brauchte es Helfer, die bei der Lebensmittelbeschaffung, beim Verstecken oder in mancherlei anderen Schwierigkeiten zur Seite standen.

Eine kleine Ausnahme

Es waren insgesamt nur etwa 250 jüdische Kinder, die in Berlin versteckt oder getarnt dem Holocaust entgingen. Die nationalsozialistischen Verfolgungsbehörden und die gedungenen sogenannten Judengreifer leisteten „ganze Arbeit“, die Unentdeckten bildeten eine kleine Ausnahme: Franz Michalski, Margot Friedländer, Rahel Renate Mann, Walter Frankenstein, Ina Iske, Heinz Schuhmann, Miriam Magall, Gisela Jacobius, Rolf Joseph, Margit Siebner, Ruth Hermges, Chaim Harald Grosser, Ruth Winkelmann, Hana Laufer und Eugen Herman-Friede stehen für diese Gruppe und haben berührende und zum Teil abenteuerliche Geschichten zu erzählen. Sie tun dies abgeklärt und aus ihrer heutigen Perspektive und immer auch die Folgen ihrer beschädigten Kindheit für ihre spätere Existenz mitreflektierend.

Aus den Erzählungen wird deutlich, welche Auswirkungen die einzelnen Stufen der Entrechtung auf das Alltagsleben der Kinder hatten; wie unterschiedlich die Erwachsenen auf immer konkreter werdende Bedrohungen reagierten und welche Strategien des Überlebens die terrorisierten Familien und vor allem die Kinder selbst entwickelten. So sehr sich der Leser über die gelungene Rettung der hier Erzählenden freuen kann, so sehr schwingt aber in allen Geschichten die Schwere des Verlustes der Familienmitglieder und anderer nahestehender Menschen mit.

Ein vielschichtiges und wichtiges Buch, das die totalitäre Abscheulichkeit des nationalsozialistischen Völkermordes an der jüdischen Bevölkerung mit konkreten Erlebnissen belegt. Die einst mutigen Kinder sind zu Erwachsenen gereift, die die Brüchigkeit unserer Zivilisation erfahren und trotzdem Zuversicht entwickelt haben.

Tina Hüttl/Alexander Meschnig: „Uns kriegt ihr nicht. Als Kinder versteckt – jüdische Überlebende erzählen“, Verlag Piper, München