Himmlische Ansammlung von Kunst

Kultur / 24.03.2013 • 21:20 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
„Blick auf Dresden bei Sonnenuntergang“ von Carl Gustav Carus, um 1822. Fotos: Museum Leopold, VN
„Blick auf Dresden bei Sonnenuntergang“ von Carl Gustav Carus, um 1822. Fotos: Museum Leopold, VN

Nach seiner Schnee-Ausstellung in Bregenz blickt Tobias Natter in Wien zu den Wolken.

Christa Dietrich

Wien. „Schnee, Rohstoff der Kunst“ lautete der Titel einer Ausstellung, die Tobias Natter in seiner Zeit als Direktor des Vorarlberger Landesmuseums in Bregenz und Lech realisierte. Seine weitaus größere Ansammlung von Kunstwerken, die er nun als Leiter des Leopold Museums in Wien unternahm, sieht er als Fortsetzung des Projektes in Vorarlberg.

Dass sehr viele die Reise zu den Wolken antreten werden, zeigte sich schon am ersten Ausstellungstag. Gebannt auf etwa 300 Arbeiten, darunter viele Meisterwerke, begegnet man der „Welt des Flüchtigen“ (so der Untertitel) nicht so oft. Vom Zufall, der die Wolkenformation hoch über dem Areal des Wiener Museumsquartiers noch zu beeinflussen vermag, ist im Inneren des Leopold Museums selbstverständlich nichts bestimmt. Obwohl weit früher schon Wolken in der Kunst auftreten, beginnt die Auswahl der Werke hier um 1800. Damals begann man die Gebilde naturwissenschaftlich zu erforschen, von da ab erhielten die verdichteten Wassertröpfchen die uns geläufigen Namen.

Dass sich abgesehen von Ausstellungen mit Arbeiten von Zeitgenossen noch kaum jemand dem Phänomen annahm, verwundert nicht, Künstler mögen Wolken, die Quelle ist auch dann unerschöpflich, wenn man jene Werke ausschließt, in der ein gemusterter Himmel nur noch im Hintergrund auftaucht. Somit steht jeder, der Arbeiten auswählt und sie Themen zuordnet in der Kritik. Natter und seinem Kuratorkollegen Franz Smola ist zugute zu halten, dass sie den Erlebniswunsch der Betrachter ausführlich bedienen. Arcangels personenentleertes Internetspiel an den Beginn zu stellen, hat zumindest Witz, putzige Wölkchen begegnen dem Betrachter später nur noch bei der Popkultur.

Blick nach oben in zwölf Teilen

Zwölf Kapitel hat die Schau. Ob man nun mit den anziehenden Beispielen von Caspar David Friedrich, John Constable, William Turner. Camille Corot, alten Fotografien oder den Impressionisten um Claude Monet (bei dem Wolken auch einmal von den Maschinen verschuldet sind), bei Sisley oder Cézanne und Boudin beginnt, tut nichts zur Sache, faszinierend ist der Blick nach oben allemal. Bei Van Gogh, Hodler, Koloman Moser, Emil Orlik, Erich Heckel und auch auf dem Blatt „Angst“ von Edvard Munch werden die Himmelsgebilde zum Ornament. Klimt, Schiele, Nolde oder Beckmann halten düster aufziehende Gewitter fest, währen die ersten Aufnahmen aus Zeppelinen oder Flugzeugen von einer Freiheit über den Wolken zeugen, mit der es seit der kriegerischen Eroberung des Luftraumes vorbei ist. Dass die Unbestimmtheit der Wolken vor allem die Surrealisten beschäftigte, wissen wir vom Belgier Magritte. Von dieser Bewegung beeinflussen ließ sich auch der Österreicher Herbert Bayer, der mit seinen süßlichen, auf Wolken oder in Wolken gebetteten Frauenfiguren gerade noch am Kitsch vorbeihuscht.

Einer Wolkenausstellung würde etwas fehlen, wäre nicht auch jener Dunst dabei, den die Industrie, den Vulkane oder den Zerstörungswut (die etwa Henri Cartier-Bresson einfing) erzeugt. Die Metaphysik nicht eigens abzuhandeln, ist eine gute Entscheidung, die Fiktion (etwa bei der Österreicherin Eva Schlegel oder beim Deutschen Gerhard Richter) bietet intensivere Auseinandersetzung. Echte Wolkenbetrachtung verlangt schließlich nach Bodenhaftung. ##Christa Dietrich-Rudas##

Es ist eine Entdeckungsreise, die nur scheinbar ein Wetterphänomen in den Mittelpunkt rückt.

Direktor Tobias Natter
„Hôpital Saint Paul“ von Vincent van Gogh, 1889.
„Hôpital Saint Paul“ von Vincent van Gogh, 1889.
„Super Mario Clouds“ von Cory Arcangel.
„Super Mario Clouds“ von Cory Arcangel.
„Language of Letters“ von Herbert Bayer, 1931.
„Language of Letters“ von Herbert Bayer, 1931.

Die Ausstellung ist bis 1. Juni, täglich außer Dienstag, 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21, geöffnet