Unter altem Gewölbe Neues erleben

Kultur / 27.03.2013 • 20:06 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Im Großformat verweist die „Landschaft mit Kühen“ (1912) von Gabriele Münter darauf, dass Ravensburg ein neues Museum hat. Foto: VN/Dietrich
Im Großformat verweist die „Landschaft mit Kühen“ (1912) von Gabriele Münter darauf, dass Ravensburg ein neues Museum hat. Foto: VN/Dietrich

Zeitgemäßes im historischen Stadtbild? Unweit der Grenze funktioniert es bestens.

Christa Dietrich

Ravensburg. Als hervorragende Adresse für einen kurzen Ausflug haben sich kundige Vorarlberger die von Türmen umkränzte schwäbische Kreisstadt längst auserkoren. Während Ravensburg bislang vor allem mit Flair, Mode und zumindest ein wenig Kultur lockte, ist die Kunst nun ein Hauptgrund zur Anreise geworden.

Nach der Eröffnung des Museums Humpis-Quartier in bis ins Mittelalter zurück reichenden Räumlichkeiten entstand in den letzten Jahren ein Kunsthaus-Neubau, dem allein aufgrund der Architektur eine überregionale Ausstrahlung gewiss ist. Nachdem das Zentrum von Ravensburg von einem alten Kornhaus dominiert wird, war die Entscheidung, ein Gebäude zu errichten, das Assoziationen zu einem Speicher weckt, folgerichtig. Das Stuttgarter Architektentrio Arno Lederer, Jórunn Ragnarsdóttir und Marc Oei hat die Verbindung von alter und neuer Bausubstanz zudem wörtlich genommen. Für die Außenfassade wurden Ziegel aus abgetragenen Gebäuden verwendet, die Bogenform am Dach wird im Inneren als Gewölbe sichtbar, dessen Material aus klösterlichen Ruinen in Belgien stammt.

Als konsequente Lösung bestimmen die Ausstellungsflächen den Grundriss. Dass das Gebäude, das als Passivhaus zertifiziert wurde, dennoch nicht wie ein Klotz erscheint, ist auf kluge Lösungen bei Fensteröffnungen, bei der Gestaltung eines kleinen Hofes am Eingang und nicht zuletzt auf die fast schon malerische Fassadenstruktur zurückzuführen.

Unübersehbar

Das neue Kunstmuseum Ravensburg befindet sich in einer Seitengasse, man fällt sozusagen nicht einfach rein. Wie es die Verantwortlichen nun unübersehbar gemacht haben, ist so simpel wie klug. Dort wo sich im Allgemeinen das öffentliche Leben abspielt, nämlich am Platz vor dem Rathaus, prangt nicht einfach ein Plakat, sondern ein riesiger Kasten, auf dem Gabriele Münters „Landschaft mit Kühen“ sowie das Gemälde „Appassionata“ von Asger Jorn ihren überdimensionalen Charme versprühen. Und damit ist man mittendrin im Thema. Zur Eröffnung wird nämlich jene Sammlung präsentiert, die Gudrun und Peter Selinka der Stadt als Leihgabe zur Verfügung gestellt haben. Dominiert wird sie von Werken des Expressionismus und da waren die Kunstfreunde nicht kleinlich, was von Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Otto Müller oder der erwähnten Gabriele Münter vertreten ist, repräsentiert deren hohe Qualität. Ergänzt mit Arbeiten von Kandinsky, Jawlensky, Dix oder Pechstein hat die Stadt wahrlich einen Schatz, den sie in diesem Speicher gut verwahrt und gleichzeitig öffnet. Dass sich die Sammelleidenschaft der Selinkas nicht nur auf die Expressionisten, auf die Künstler der Bewegungen „Brücke“ und „Blauer Reiter“, sondern auch über die nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Gruppen „Cobra“ und „Spur“ bezog, verleiht der Ausstellung enorme Kompaktheit.

Aufbruch

Das Museum ermöglicht somit die Auseinandersetzung mit starken bzw. maßgeblichen Themen der Kunst bzw. der Malerei des 20. Jahrhunderts. Aufbruch, Abkehr von Autoritäten, Empfindungen, Sehnsüchte begegnen dem Besucher in diesem neuen Haus. Ein stimmiger Einstand. Nachdem für die Zukunft mehr Zeitgenössisches angekündigt ist, bietet Ravensburg einen äußerst spannenden Beitrag zur Kunstszene in der Region. ##Christa Dietrich-Rudas##

Wer hier baut, dem fällt die Aufgabe zu, sinnvoll mit dem Gesamtkunstwerk Stadt umzugehen.

Architekt Arno Lederer
Der Kunstspeicher passt bestens ins Stadtbild mit seinen Türmen.
Der Kunstspeicher passt bestens ins Stadtbild mit seinen Türmen.
Die Aula ist für junge Kunst und Kunstvermittlung reserviert.
Die Aula ist für junge Kunst und Kunstvermittlung reserviert.
Der Expressionismus ist in der Sammlung sehr gut vertreten.
Der Expressionismus ist in der Sammlung sehr gut vertreten.
Alte Ziegel hatten die Architekten konkret vorgesehen, das Deckengewölbe im Obergeschoss stammt, wie Neugierige erfahren, aus Belgien.
Alte Ziegel hatten die Architekten konkret vorgesehen, das Deckengewölbe im Obergeschoss stammt, wie Neugierige erfahren, aus Belgien.

Das Museum ist von Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr und am Donnerstag bis 21 Uhr geöffnet