Künstler wird zum Lichtmagier

Kultur / 28.03.2013 • 20:04 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Kunstmuseum St. Gallen zeigt rund 30 Arbeiten von Dan Flavin, die er zwischen 1960 und 1990 produzierte. Foto: Kunstmuseum St. Gallen
Das Kunstmuseum St. Gallen zeigt rund 30 Arbeiten von Dan Flavin, die er zwischen 1960 und 1990 produzierte. Foto: Kunstmuseum St. Gallen

Die Ausstellung „Lights“ zeigt Werke des amerikanischen Künstlers Dan Flavin.

St. Gallen. (VN-ag) Die Leuchtstoffröhre ist die profanste aller Lichtquellen. Ihr kaltes, unpersönliches Licht erhellt täglich weltweit Büros, Lagerhallen und Supermärkte. Seit der US-amerikanische Künstler Dan Flavin (1933–1996) in den frühen 1960ern aber damit erstmals Lichtkunst machte, hat die Röhre ihren Platz in der Kunstgeschichte fix. In Kooperation mit dem Wiener mumok widmet das Kunstmuseum St. Gallen diesem Pionier der Lichtkunst und einem der bedeutendsten, wenn auch vielleicht untypischsten Vertreter der Minimal Art eine repräsentative Schau.

Technologischer Fetisch

Rund 30 Arbeiten, die Dan Flavin zwischen 1960 und 1990 produziert hat, darunter auch Hauptwerke, gewähren – erstmals in der Schweiz überhaupt – einen Überblick über ein Œuvre, das auf der Basis eines industriellen Produkts entstanden ist. Die seriell gefertigte Leuchtstoffröhre in den damals handelsüblichen, genormten Farben und Längen war sein „technologischer Fetisch“, wie es der New Yorker Künstler einmal formulierte, zugleich aber auch eine Annäherung der Kunst an den Alltag. Anders als Künstlerkollegen wie beispielsweise Donald Judd, deren Programmatik der Minimal Art sich dem Persönlichen und Politischen verweigerte, verschränkte sich bei Dan Flavin Künstlerisches und Gesellschaftliches, wie die persönlichen Widmungen in den Werktiteln an Freunde, Künstler und Politiker belegen. Aber auch mit Ironie erleuchtete Flavin seine Werke, darunter die Reihe „icon“ (1961–1964), die den Einstieg in die St. Galler Ausstellung bildet. In diesen bild-bezogenen Arbeiten, die Lichtquellen mit monochrom bemalten Bildkörpern kombinierten, durchbricht der Künstler die religiöse Bedeutung der Titel, wenn er das transzendentale Gold der Ikonen durch Kunstlicht ersetzt. In der räumlichen Abfolge wird die Entwicklung Flavins über Einzelarbeiten bis hin zu raumgreifenden Werken gut nachvollziehbar. Von einer „goldenen“ Diagonale, die dem Bildhauer Brancusi und seiner endlosen Säule gewidmet war, über die Serie „monuments for V. Tatlin“, die sich auf ein utopisches Projekt des russischen Avantgardisten bezieht, bis hin zu einer humorvollen, Theorie-abstinenten Hommage in T-förmigen Objekten in allen Standardfarben an Donald Judd oder dem Verweis mittels vier vertikaler Röhren in Pink, Gelb, Blau und Grün auf die Farbvorlieben von Henri Matisse.

Strahlkraft

Dazwischen gibt es großes Kino: strahlendes Weiß, als kreisförmige Leuchtstoffröhren zu je einem warm- und kalt-weißen Dreieck angeordnet, schafft eine neue Raumsituation, während in den Oberlichtsaal des Museums ein neuer, korridorartiger Raum gesetzt wurde. Von Flavin für die Schau „corner, barriers and corridors in fluorescent light“ von 1973 entwickelt, wurde die Installation in St. Gallen nachgebaut. Hier wird der Künstler vollends zum Lichtmagier. Es heißt eintauchen in schimmerndes Licht und Farbe, Farbe und Licht, Gelb und Grün, Grün und Gelb. Die Nüchternheit von nacktem Industrielicht farbig überstrahlend, lösen sich die Kategorien von Werk, Raum und Betrachter auf. Überradikal und reduziert, sinnlich und visuell opulent, kommt man nicht umhin, der Strahlkraft und Wirkung dieser Arbeiten zu erliegen.

Dan Flavin machte in den frühen 60er-Jahren erstmals Lichtkunst. Seither hat die Röhre ihren Platz in der Kunstgeschichte sicher.
Dan Flavin machte in den frühen 60er-Jahren erstmals Lichtkunst. Seither hat die Röhre ihren Platz in der Kunstgeschichte sicher.

„Lights“ ist im Kunstmuseum
St. Gallen bis 18. August geöffnet, Di bis So, 10 bis 17 Uhr, Mi, 10 bis 20 Uhr; Karfreitag geschlossen, Ostern und Pfingsten (So und Mo), 1. Mai, und Christi Himmelfahrt, 10 bis 17 Uhr