Ein Märchen ist erwachsen geworden

Kultur / 29.03.2013 • 19:56 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Theresa Kronthaler als Hänsel und Maureen McKay als Gretel. FotoS: Komische Oper/Rittershaus, VN
Theresa Kronthaler als Hänsel und Maureen McKay als Gretel. FotoS: Komische Oper/Rittershaus, VN

Der Vorarlberger Reinhard von der Thannen interpretiert „Hänsel und Gretel“ anders.

Christa Dietrich

Berlin. Draußen Kälte und Schnee, und nachdem Goethe mit dem berühmten „Osterspaziergang“, mit seinem „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche …“, selten so falsch lag wie heuer, sorgen zumindest die Bühnen für ein Frühlingserwachen. Markus Pabst lässt in Berlin das gleichnamige Stück von Wedekind fulminant tanzen, Reinhard von der Thannen treibt Engelbert Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ den Lebkuchenduft aus.

Der Vorarlberger Ausstatter, der gemeinsam mit Regisseur Hans Neuenfels klug und geschickt für veritable Aufreger sorgte, Wagners „Lohengrin“ im Bayreuther Festspielhaus beispielsweise mit einem Rattenchor besiedelte und sich zahlreiche Preise holte, zeichnet nun für Bühnenbild, Kostüme und Inszenierung verantwortlich.

Fragwürdige Autorität

Das 1893 uraufgeführte Werk hatte er als „hoch interessanten Stoff“ schon lange auf der Wunschliste, erklärt er im Gespräch mit den VN. Nichts Niedliches lässt er gelten, aber auch nichts Krasses. Während der Humperdinck-Klassiker oft in der Adventszeit auf die Bühne kommt oder nachdem Giancarlo del Monaco damit einmal eine reine Missbrauchsgeschichte erzählte, lässt von der Thannen Hänsel und Gretel einfach erwachsen werden. Fragwürdige Autorität, Abnabelung, Pubertät und die damit verbundenen Ängste sind die Themen, die er per Farbwahl, Gestik und Requisiten im Großen und Ganzen plausibel macht. Eier gibt es übrigens auch. Der Vater Peter Besenbinder rollt sie in bedrohlicher Dimension in die Wohnung, und in einer Videosequenz sind sie die tanzenden Zutaten für einen verführerischen Kuchen. Dass Hänsel und Gretel einmal Hasenohrenmasken tragen, ist weniger Ostern zu verdanken als ihrem Heranreifen und dem damit verbundenen Perspektivenwechsel.

Reiner Zufall ist es natürlich nicht, dass die Premiere akkurat in der Karwoche angesetzt wurde. Wenn sich das zeitlich nun eigentlich zu erwartende Frühlingserwachen schon nicht zeigt, so entspricht es doch eindeutig dieser Sichtweise des Stücks. Und das hätte man auch kapiert, wenn sich der Vater mit seinem Besen oder die Hexe mit ihrem riesigen Lutscher weniger offensichtlich im Schritt gerieben hätten.

Prozesse greifbar gemacht

Die große Keule schwingt Reinhard von der Thannen, der sich für das Konzept bei seiner Frau Birgit weiblichen Rat holte, ansonsten nicht. In leisen Szenen, wenn sich die hungernden Kinder etwa in einem Besteckwald voran­tasten, werden Prozesse greifbar. Die Deutung liegt aber nicht immer auf der Hand. Wenn Hänsel und Gretel etwa (singend!) turnerische Fähigkeiten an den Ringen beweisen, denkt man eher an den Schwierigkeitsgrad solchen Unterfangens als an etwaige Auseinandersetzung mit dem anderen Geschlecht. Und in einigen Teilen ist das Libretto derart verkorkst, dass die Regie nur mit Ironie reagieren kann. In höchster Not hilft Gott. Ja, da wird Religion wirklich zum viel zitierten Opium fürs Volk, die es den Besitzenden erlaubt, sich zurückzulehnen. Humperdinck und seine Schwester, die Librettistin Adelheid Wette, dachten wohl nichts anders. Aber bei Reinhard von der Thannen wird am Ende jedenfalls kein Sieg über die Hexe gefeiert. Gut so. Wie nahe Engelbert Humperdinck Richard Wagner ist, lässt Kristiina Poska mit dem Orchester der Komischen Oper exzellent hören, Theresa Kronthaler (Hänsel) und Maureen McKay (Gretel) erweisen sich als Idealbesetzung und Ursula Hesse von den Steinen (Hexe) kombiniert Höhensicherheit mit einem vielschichtigen Spiel.

Ausstatter und Kostümdesign-Professor Reinhard von der Thannen sieht weiteren Regie-Aufträgen entgegen – in Deutschland und außerhalb des Landes. Mehr verrät er vorerst nicht. ##Christa Dietrich-Rudas##

Ursula Hesse von den Steinen als Knusperhexe in „Hänsel und Gretel“.
Ursula Hesse von den Steinen als Knusperhexe in „Hänsel und Gretel“.
Reinhard von der Thannen: „Es ist viel mehr als eine Kinderoper.“
Reinhard von der Thannen: „Es ist viel mehr als eine Kinderoper.“

Nächste Aufführung am 31. März und zahlreiche weitere: www.komische-oper-berlin.de