Der alte Bach passt zu Chick Corea

Kultur / 12.05.2013 • 21:03 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Dietmar Kirchner (rechts) mit dem Ensemble Septessenz. Foto: TaS
Dietmar Kirchner (rechts) mit dem Ensemble Septessenz. Foto: TaS

„Barockmusik und Jazz, das geht“, versichert einer, der es wissen muss: Dietmar Kirchner.

Feldkirch. Septessenz gibt es seit einem Jahr. Die Truppe besteht aus einem Streichquintett, zu dem sich Harfe und Saxofon gesellen.

Herr Kirchner, Sie sind ein bekannter Interpret von Jazzmusik und haben schon mit Peter Madsen oder dem Vorarlberger Jazzorchester gearbeitet. Was spricht für das Ensemble Septessenz?

Kirchner: Jonas Knecht, Xenia Schindler, Daniel Kurganov, Johanna Bischoff, Georg Ohanjanyan, Ambrosius Huber und ich spielen derzeit eine Reihe von drei Konzerten in Vorarlberg. Eine weitere Konzertreihe startet im Herbst. Im Zentrum von Septessenz steht das klassische Streichquartett, das immer wieder zum Septett ausgeweitet wird. Die Kompositionen sind eine Mischung aus geschriebener und improvisierter Musik, die Jonas Knecht und ich speziell für dieses Ensemble komponiert haben.

Sie haben nicht nur E-Bass und Kontrabass, sondern auch Komposition studiert. Gibt es Vorbilder, Einflüsse, die Ihnen wichtig sind und die die Art und Weise Ihrer Kompositionen beschreiben könnten?

Kirchner: Einflüsse gibt es viele. Ich möchte sie gar nicht alle auflisten wollen. Sie reichen von Telemann bis Chick Corea. Für mich ist es interessant, wie sich Musik im Laufe der verschiedenen Epochen von der Renaissance bis zur Moderne verändert hat und wie sehr sie uns bewegt. Mich fasziniert heute ein Streichquartett von Mendelssohn oder Grieg genauso wie die genialen Kompositionen des Pianisten Brad Mehldau, der übrigens auch barocke, kontrapunktische Modelle in seiner Musik verwendet. Was ich in meinen Kompositionen immer wieder versuche, ist historische Musik in ein rhythmisch anderes Konzept zu bringen und sie harmonisch farbenreich zu gestalten.

Ist das nicht eine sehr ungewöhnliche Kombination von alter und neuer Musik?

Kirchner: Barockmusik hat viel mehr mit Jazz zu tun als es vordergründig scheint. Harmonisch gesehen, lassen sich viele Jazzkompositionen durchaus mit Händel, Bach oder Telemann vergleichen und haben für mich weniger mit Begriffen der neuen Musik wie Atonalität oder mit Expressionismus zu tun.

Was ist am Zusammenspiel von Harfe und Saxofon so reizvoll?

Kirchner: Als Jazzmusiker ist man ja eher gewohnt, dass ein Saxofon von Kontrabass, Drums und Piano begleitet wird. Dieses Klischee wollen wir aber bewusst aufbrechen und verändern. Die Musiker des Streichquartetts, allesamt ausgebildete Orchestermusiker, treten bei Septessenz auch solistisch hervor und improvisieren über Akkordverbindungen.

Die Künstler haben fast alle Musikhochschulen in der Schweiz besucht. Ist es diese Nähe zur Schweiz und die Möglichkeit, eine sehr gute Ausbildung zu absolvieren, die die Jazzszene in Vorarlberg so hochkarätig macht?

Kirchner: Ich kenne inzwischen sehr viele Musiker, die es zum Studium nach Zürich, Bern oder Basel zieht, vor allem, wenn sie nicht unbedingt nach Wien wollen.

Das Musikhochschulwesen, wenn man das so sagen kann, ist in der Schweiz einfach breiter aufgestellt. Das Spektrum der Möglichkeiten beeinflusst ganz sicher auch die Vorarlberger Musikszene.

Erfährt die Jazzszene in Vorarlberg auch genug an Unterstützung? Welche Impulse wären notwendig?

Kirchner: Das ist eine schwierige Frage, weil das Problem nicht spezifisch auf Vorarlberg bezogen werden kann. Es ist vielmehr generell so, dass immer mehr Musiker keine geeigneten Möglichkeiten vorfinden, um ihre Musik zu präsentieren. Was in Vorarlberg ein wenig zu kurz kommt, ist die Wertigkeit, die der Improvisation und Komposition entgegen gebracht wird. Das fängt schon bei der musikalischen Ausbildung an. Studierende haben oft zu wenig Kontakt zu den Bereichen Improvisation und Komposition.

Tut sich in dieser Hinsicht noch immer nichts?

Kirchner: Musikalische Ausbildung sollte eben mehr sein als zu lernen, wie man Noten spielt. Aber es gibt auch aktuelle Impulse: Im November findet in Hohenems erstmals eine Veranstaltung zum Thema Improvisation statt.

Konzert mit Septessenz, 16. Mai, 20.15 Uhr, Theater am Saumarkt, Feldkirch