Der richtige Augenblick

05.07.2013 • 19:38 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Stanislav Struhar erweist sich als Meister der leisen Töne und der präzisen Beobachtung. Foto: VErlag Wieser
Stanislav Struhar erweist sich als Meister der leisen Töne und der präzisen Beobachtung. Foto: VErlag Wieser

Nicht immer schlägt die Liebe ein wie der sprichwörtliche Blitz: „Fremde Frauen“ von Stanislav Struhar.

Roman. (VN-bl) In seinem kürzlich erschienenen Buch stimmt der in Wien lebende Autor Stanislav Struhar ein veritables Loblied auf die Langsamkeit in Liebesdingen an. Die deutlich autobiografisch gefärbte Erzählung „Bernadette“ spielt im Wiener Studentenmilieu der 1980er-Jahre.

Der Ich-Erzähler Alan ist Tscheche. Der beschauliche Trott zwischen Uni und Teilzeitjob in einem Wiener Museum nimmt eine Wendung, als er auf Bitten von Studienkollegen die ebenso unnahbare wie interessante Bernadette als Untermieterin einziehen lässt, vorübergehend, wie es zunächst heißt. Bernadette hat sich nämlich mit ihren Eltern so zerkracht, dass ein Auszug aus dem Hotel Mama unausweichlich wurde.

In den ersten Wochen ihres Zusammenlebens gehen sich Bernadette und Alan geflissentlich aus dem Weg. Bernadette zeigt sich vorderhand meist von ihrer ruppigen Seite, ganz anders, als man es sich von einem für den gewährten Unterschlupf dankbaren Gast erwarten würde. Aber auch Alan verhält sich nicht wie vom Leser eigentlich erwartet.

Mit stoischer, aber wacher Ruhe lässt er die kleinen und großen Zickereien an sich abgleiten und hält respektvollen Abstand zu seiner attraktiven Untermieterin. Ganz im Stile seines Landsmanns Milan Kundera baut der Autor im Lauf der Geschichte immer mehr Spannung zwischen seinen beiden eigensinnigen Protagonisten auf.

Mitten in der Sommerhitze, während des heimlichen Ausflugs in einen abgesperrten Park, finden Bernadette und Alan endlich zusammen, spät, aber umso heftiger.

Liebestraum

Etwas konventioneller ist die Ausgangssituation in der Erzählung „Francesca“. Der in Deutschland geborene Stefan zieht zu seiner Geliebten Arianna nach San Remo. Doch der Traum von einer gemeinsamen Zukunft scheitert in dem Augenblick, als Arianna wieder ihre alte Jugendliebe trifft und Stefan kurz darauf verlässt.

Da Stefan eigentlich nichts ins heimatliche Deutschland zieht, nimmt er das Jobangebot eines Onkels von Arianna an und übersiedelt ins nahe gelegene Ventimiglia. Was folgt, ist eine klassische Folge von Liebestraum, Verwicklungen und Theatralik, gekrönt von dem in diesem Genre doch unausbleiblichen Happy End.

Mit seinen beiden neuen Erzählungen erweist sich Stanislav Struhar als Meister der leisen Töne und der präzisen Beobachtung, der auch in Liebesdingen genau um die Bedeutung des Wartens auf den richtigen Augenblick Bescheid weiß.

Stanislav Struhar: „Fremde Frauen“, Wieser, 120 Seiten