Jedermann tanzt, einige feiern

Kultur / 21.07.2013 • 22:27 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Neu am Domplatz: Cornelius Obonya und Brigitte Hobmeier. Foto: aPA
Neu am Domplatz: Cornelius Obonya und Brigitte Hobmeier. Foto: aPA

Das skurrilste Schauspiel des österreichischen Festspielsommers wurde renoviert.

Christa Dietrich

Salzburg. Am Ende wird nicht mehr eingesargt, sondern gleich eingebuddelt, ziemlich verdreckt absolviert Cornelius Obonya die Applauszeremonie. Dass ein neuer Jedermann-Darsteller bei den Salzburger Festspielen in etwa so viel Beachtung erfährt wie ein Wiener Neujahrskonzert, zählt zu den Besonderheiten im österreichischen Kulturgeschehen.

Dem Mysterien- bzw. Bekehrungsspiel entspräche eine Randnotiz, handelte es sich bei der „Everyman“-Adaptierung von Hugo von Hofmannsthal, die Max Reinhardt einst von Berlin an den Salzburger Domplatz holte, nicht um jenes Stück, das den Festspielen zum Start verhalf. Außerdem lassen es die Besetzung und das Regieteam nicht zu, den „Jedermann“ einfach als katholischen Event abzutun, der Salzburgern und Touristen – ob gläubig oder nicht – das Ausführen des Trachtengewandes ermöglicht. Von Klaus Maria Brandauer über Gert Voss und Peter Simonischek bis Nicholas Ofczarek reicht die Liste jener, die sich in den letzten Jahrzehnten vom Burgtheater oder anderen großen Podien vor den barocken Dom verfrachten ließen, und auch die kleine Partie der Buhlschaft hat eine ebenso große Tradition. Von Deutschlands oder Österreichs Renommierbühnen schickte man Veronica Ferres, Nina Hoss, Sophie von Kessel oder Birgit Minichmayr. Sie alle gaben dem Fest Farbe. Und auch Brigitte Hobmeier und Cornelius Obonya stünden heuer noch mehr im Zentrum, hätte sich die Festspielleitung nicht dazu entschieden, ihren „Jedermann“ erstmals in die Hände eines angelsächsischen Teams zu geben. Die alpenländische Folklore von Christan Stückl hat er jedenfalls verloren, dieser „Jedermann“, der am Samstag – zum Nachttermin – und noch vor der offiziellen Eröffnung des Festspiels Premiere hatte.

Geschichte, nicht Tradition

Eine Rückkehr zu gewinnbringendem Pomp oder zur nobel geheuchelten Tragik der Vorgänger braucht man auch an den Ticketschaltern nicht. Der „Jedermann“ ist so gut wie ausverkauft und ein Geschäft. Brian Mertes, der Amerikaner mit Freilufttheatererfahrung, und Julian Grouch, der frühere Puppenbauer aus England, blicken nicht auf die Tradition, sondern auf die Geschichte zurück und landen konsequent beim Totentanz.

Einem, der schon mit riesigen Skelett-Figuren und dämonischen Masken zu viel Musik beginnt und folglich gleich einen Jedermann sichtbar macht, den es nicht nur nach Besitz- und Lustgewinn drängt, sondern der recht bald eine Vorahnung hat. Ein schweres Spiel für Cornelius Obonya: Der Wiener, der lange Zeit in Berlin tätig war, als Musical-Darsteller Furore machte und nicht zuletzt damit belastet ist, dass Großvater Attila Hörbiger einst selbst hier am Domplatz stand, entspricht der Regieidee mit kurzer harter Gangart vor Ankündigug des Todes und herzhaft durchlebter Verzweiflung danach.

Das Nachsehen hat Brigitte Hobmeier. So glaubwürdig sie die fordernde, optisch mit erotischen Attributen versorgte Geliebte (mit Einzug auf dem Fahrrad) auch spielt, die Regie kippt sie im wahrsten Sinne des Wortes von der Bühne und setzt damit wohl auch ein Statement zur Rolle der Frau aus Sicht derer, die diese Domfassade vertritt. Als besorgte Mutter trägt Julia Gschnitzer deshalb dick auf, während den ebenso um das Heil von Jedermann bemühten guten Werken (Sarah Viktoria Frick) zumindest ein ausgeklügeltes Figurenspiel zugedacht wurde. Gott, Glaube und Teufel bewältigt man mit bestens eingesetzten Theatermitteln, etwa durch ein Kind, die bildliche Überhöhung oder durch einen Unhold, der wie ein gehäutetes Tier umherschleicht.

Die Drohung mit der Hölle hat ausgedient, an das Gewissen wird immerhin appelliert, Hofmannsthals alter „Jedermann“ ist neuerdings einer, der tanzt. Einige haben das jubelnd gefeiert. Trotz kleiner Schwächen ist das Pendant zum Neujahrskonzert jedenfalls wieder der Rede wert. ##Christa Dietrich-Rudas##