Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

,,Die Dörfer sind wie ein Garten“

Kultur / 09.08.2013 • 19:18 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Es ist eines der schönsten Gedichte, das Rainer Maria Rilke geschrieben hat, ganz sicher aber ist es das schönste Gedicht auf den Bodensee. Der einfache Titel: „Bodensee“. Und der Beginn eben: „Die Dörfer sind wie ein Garten“. In wenigen Zeilen fasst Rilke seine Empfindungen am See zusammen, den er 1897 besucht hat. Rilke hat das Paradies, das er hier beschreibt, wohl auch so vorgefunden, unberührt noch die Landschaft, noch nicht scheinbaren touristischen Notwendigkeiten untergeordnet, noch nicht verbaut bis fast auf den letzten Garten. Heute tut man sich schwer, wenn man Rilkes Eindrücke am See sucht – auch wenn der Bodensee noch immer wunderbar, noch immer hinreißend schön, an manchen Plätzen auch noch immer verzaubernd ist. Aber eben nicht überall.

Ich habe in den letzten Tagen eine langen Wunsch in die Tat umgesetzt und bin von Bregenz dem deutschen Ufer entlang bis zur Birnau gelaufen. Das ist für einen nicht gerade geübten Geher schon ein ordentliches Stück. Die Vorstellung war natürlich, entlang des Ufers zu gehen, ruhige Wege zu finden, die sich verändernden Stimmungen des Sees über den Tag zu beobachten. Kurz: Ich wollte mich wieder einmal in den See, der mir schon immer lieb war, vertiefen, ich wollte ihm wieder näher kommen, ich wollte ihn neu in mich hinein holen. So, dass ich ihn in nächster, kälterer Zeit, wenn uns die Sonne nicht mehr so verwöhnt, jederzeit abrufbar habe.

Ganz so einfach ist das aber nicht. Denn wenn man von Bregenz bis zum Überlingersee geht, dann läuft man bestenfalls ein Drittel des Weges am See. Den überwiegenden Rest geht man auf asphaltierten Straßen hinter und neben architektonisch meist entsetzlichen Privathäusern, Campingplätzen, Hotelanlagen oder sonstigen Einrichtungen. Von wegen Romantik. Die wird uns ordentlich ausgetrieben. Nicht zuletzt von den Radfahrern, die meist im Pulk auftreten, dann aber wie ein Geschoss auf einen zukommen und erst im letzten Moment ausscheren. Auf diesem Weg werden die Radler zur Landplage. Wohl auch, weil sie Fußgänger für völlig überflüssig halten. Wenn man zurückkommt, dann weiß man unsere Vorfahren zu schätzen, die in Vorarlberg auf einem freien Bodenseeufer bestanden haben. Wären die anderen Anrainerstaaten auch so klug gewesen, dann könnte Rilkes Gedicht wahrscheinlich heute noch stimmen.

walter.fink@vn.vol.at
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