Töne pflücken

Kultur / 09.08.2013 • 19:30 Uhr / 14 Minuten Lesezeit
edited by Zsolt

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Mana hört die Töne nicht nur, sie sieht und schmeckt sie auch, sagt sie. Sie redet über Töne wie über Autos, als gäbe es nichts Besseres auf der Welt. Wenn Mana von Tönen spricht, klingt ihre Stimme wie das Umblättern eines Notenblattes, auf dessen oberen Ecke ein Kaffeefleck ist. Zumindest behauptet sie das.

I. Ich will fünfzig werden und nichts vergessen haben, sagt Mana. Wir liegen im Garten auf einer Picknickdecke, aus der Noll und ich irgendwann im letzten Sommer Rechtecke geschnitten haben. Die Hitze legt sich auf die Augen, wir tasten uns blind durch die Julitage. Werd erst einmal neunzehn ohne etwas zu vergessen, murmelt Noll, öffnet seine Bierflasche mit den Zähnen und wischt mit der Hand durch die Luft um vorbeifliegende Mücken zu verscheuchen. Allerdings ist es ja so: man muss etwas zu vergessen haben, sagt Mana, als hätte Noll gar nichts gesagt und stützt den Kopf auf ihren Ellbogen. Ihr Blick ist ein Haken, er krallt sich in meinen. Würdet ihr mit mir wegfahren? Würdet ihr das machen? Ihre Stimme klingt genauso wie vor einem Jahr ein paar Minuten vor einem Konzert von Emilie Simon, ihrer Lieblingssängerin, als sie mich am Arm packte und fragte: Würdest du mir die Haare schneiden, Tino? Jetzt? Würdest du?

Und dann packen wir die Koffer und fahren ans Meer. Auf der Autobahn dreht Noll dann das Autoradio ab, weil Mana auf den Hintersitzen französische Lieder anstimmt, die nach Flieder und weißer Schokolade riechen (sagt sie), und mit den Händen Linien von ihrem Mund zu meinem Ohr zieht und plaqué le ton, plaqué à l’oreille, später tut sie dann so, als spiele sie Klavier und drückt mit ihren Händen auf die imaginären Tasten, streichelt sie, als wolle sie in die Luft hineinkriechen, wo sie ihre Töne schichtet. Nach der ersten Rast fahre ich dann weiter, obwohl ich schlechter fahre als Noll, der sich nicht von Mana und ihren tanzenden Fingern ablenken lässt, und auch nicht findet davon, dass die Scheibenwischer bei ihrem Gesang den Takt angeben. Manas Blick verfolgt mich im Rückspiegel, sie fischt nach mir und als ich ihr ins Netz gehe, winde ich mich ein wenig, weil das dazu gehört und dann formt Mana mit ihrem Mund ein Oh und schlägt die Hand an die Scheiben, hinter denen das Meer sich erstreckt. Oh, guckt mal.

Abends am Meer schwankt Noll im ZickZack zum Wasser hinunter, der Saum seiner Jeans saugt sich voll. Er und ich trinken Bier, bis uns der Bauch spannt und Mana liegt auf dem Bauch und schreibt auf Notenblätter, ab und an streicht sie mit dem Zeigefinger über ihre Unterlippe, zieht die Luft stockend durch die Nase ein und behält sie so lange bei sich, bis man auf ihrem Blick ausrutschen könnte. Auf dem Weg zum Zelt später, das mehr liegt als steht, schneidet Noll sich an einer Glasscherbe. Man muss den Schmerz heraussaugen, sagt Mana, sie zündet im Zelt Kerzen an und dann leckt sie an seinem Fuß, dass Noll lacht und immerzu ruft, das kitzelt, das kitzelt, das kitzelt als wäre das ein Band eines Aufnahmegerät, das man andauernd zurückspult.

Zwei Minuten nach Mitternacht wacht Mana auf, sie schmatzt, summt, ruft dreimal Vivaldi! Vivaldi! Vivaldi!, dreht sich von mir weg auf die andere Seite und zieht sich die Decke über den Kopf, dass das Muttermal an ihrem Nacken verdeckt wird.

II. Noll hat zu viel Bier getrunken; als Mana nach Beratern für ein neues Sommerkleid sucht, zuckt er nur die Schultern und lässt sich nach hinten in den Sand fallen. Mana probiert fünf Kleider im ersten Geschäft und zwei im zweiten. Ich finde alle toll. Sie keines. Ins dritte Geschäft geht sie dann alleine, ich kaufe mir währenddessen am Markt eine Waffel Himbeereis. Mana hat im dritten Geschäft drei Kleider probiert, aber keines war das richtige, als mir das erzählt, rollt sie mit den Augen und flüstert mir ins Ohr: Wenn ich mich gedreht habe, hat kein Kleid gezittert, es hat sich nur gedreht, aber es hat nicht gezittert, nicht geflüstert. Verstehst du? Ich verstehe nicht, nicke aber, und sie klaut mir mein Eis aus den Händen, ruft, Dank dir!, wobei ihr Rufen durch ihr Schmatzen verklebt wird – ihre Zunge hat dieselbe Farbe wie das Himbeereis und ihr warmer Atem lässt mir ein Stückchen Mana im Nacken zurück.

Es ist noch dunkel, als Mana mich morgens weckt, sie streicht mit dem Daumen über mein Ohrläppchen und summt irgendetwas auf Französisch, und als ich nach dem Text frage, lacht sie nur und zieht mich an der Hand aus dem Zelt. Darum geht’s doch gar nicht, sagt sie. Ich setze mich neben sie in den Sand, die Wellen tasten zu uns herauf, lecken uns die Haut. Mana zieht ihre Knie an den Oberkörper, murmelt, Du, was ich dir sagen wollte, atmet die Punkte hinterher. Hm, frag ich und sie, Nein, vergiss es, hebt den Arm, legt ihn wie seines Gewichts lästig geworden um meine Schulter und drückt sich an mich. Womöglich, denk ich, ist Mana viel zerbrechlicher, als ich dachte.

III. Zuhause regnet es zu viel und drei Tage durchgehend, Mana bettelt Noll und mich um einen Konzertbesuch von irgendeiner Sängerin an, die weder Noll noch ich kennen, aber dafür kennt Mana sie und wir kennen Mana. Also gehen wir mit. Die Stimme der Sängerin ist ganz anders als Manas, wie unter Wasser packt sie die Töne an ihren Wurzeln und zieht sie ins Licht, so beschreibt das Mana, ich weiß nicht, wie es für mich klingt und Noll sitzt einfach nur da und füllt die Pausen unserer Gespräche mit seinem Atem. Marienkäfer am Rücken, sagt Mana und zieht uns aus dem Hörsaal, so will sie singen, wie Marienkäfer am Rücken. Die kann man zerschlagen, brummt Noll, schlägt Mana leicht auf den Rücken, einmal, zweimal, einfach zerschlagen. Mana verzieht den Mund, ich werfe Noll einen langen Blick zu und Noll vergräbt die Hände in seiner Jeans, sagt, Jaja.

Du . . . Mana dreht sich vor ihrer Haustüre noch einmal um, lugt über meine Schulter zu Noll, der im Auto sitzt. Du . . . was ich dir sagen wollte, ich hab nächste Woche ein Konzert. Sie lächelt, eine Haarsträhne löst sich aus ihrem Haarband, dann dreht sie sich um, die Tür schlägt mit einem Klack ins Schloss.

Kommst du, fragt sie mich zwei Tage später am Telefon, würdest du kommen, kommst du. Ja, gerne, sage ich und meine, wenn du es gerne hättest.

Kommt Noll auch, frage ich. Mana schnaubt, Der hat wichtigeres zu tun, sagt sie, ein Mädchen, ins Kino gehen sie, so ein Schnulzenfilm, einer der schlechten, mit Küsschen hier, Küsschen da und dazwischen viel Rosa. Mit ihrem scharfen Unterton weiß ich nichts anzufangen.

IV. Auf der Bühne ist Mana eine andere. Alles andere spielt keine Rolle. Nicht, dass sie das schwarze Kleid trägt, das sie vor einem Jahr auch schon einmal anhatte, nicht, dass ihre Haare beim auf die Bühne gehen wie immer nach Pfirsich rieche, auch nicht, dass ihr Blick beim Singen durch den Raum wandernd bei mir kurz hängen bleibt. Auch als sie beim anschließenden Interview zu laut und zu kurz lacht wie immer und an ihrem BH-Träger zieht wie immer, scheint sie mir fremd.

Wie war ich, wie fandest du’s, hm, hat’s dir gefallen. Sie umarmt mich von hinten als ich an der Bar stehe, ihre Finger sind kalt. Ich mag die Mana da oben nicht, denke ich und sage, gut hat’s mir gefallen, sehr gut. Sie streicht mir mit dem Daumen über mein Ohrläppchen und sagt, ich muss weiter, es sind viele Leute da, weißt du, viele wichtige Leute. Aha, mache ich und sie beugt sich zu mir, will mir einen Kuss auf die Wange geben, aber ich drehe den Kopf auf die andere Seite, dass der Kuss auf die linke Lippenseite verrutscht. Ups, sagt sie, kichert, winkt einer Frau zu und springt mir davon.

Am Sonntag kommt Mana vorbei, sie erzählt, wie viele Dinge sie jetzt zu tun hat und wie wichtig das Konzert gewesen sei. Ich nicke, sage nichts. Wir stehen am Zaun, ich presse die Hand um das Holz, zwischen den Fingern blättert der Lack vom Zaun. Hier haben Mana und Noll und ich letztes Jahr Ich sehe was, was du nicht siehst gespielt und immer wenn Mana dran war und Blau oder Grün oder Gelb sagte, lagen wir falsch, weil es keine Gegenstände, sondern A-Moll oder D-Dur war, was Mana sah. Ich hätte nicht gedacht, dass Mana so gut ist, aber ich verstehe ja auch nichts von Musik. Ich versuche ein Du, aber als Mana sich umdreht und ich ihre wässrigen Augen sehe, sehe, wie müde sie aussieht, sage ich nur, wusstest du, dass deine Augen jeden Tag die Farbe ändern. Sie lächelt, aber das Lächeln rutscht ihr von den Lippen und fällt vor uns ins Gras. Es ist mir sehr wichtig, weißt du, vielleicht verstehst du das nicht. Ihre Augen sehen aus, als wäre die Farbe aus ihnen hinaus gelaufen.

V. Wir liegen im Garten auf Liegestühlen, Mana und Noll und ich. Mana trägt ein Blumenkleid, bei dem die Blumenknöpfe verkehrtherum angenäht sind und ist seit letzter Woche wieder da, und ab nächster Woche wieder weg. Sie hat jetzt viele Konzerte im Ausland. Das Thermometer am Fensterbrett in der Küche zeigt vierunddreißig Grad. Mana klopft später mit gespitzten Fingern leicht dagegen und verzieht das Gesicht, als erwarte sie, dass die Temperatur mit jedem Gegenschlag sinke. Wir sehen uns bis zwei Uhr nachts Videos von Manas Auftritten an, Noll sagt, dass Manas Stimme schön sei, und Mana lacht, schlägt Noll gegen den Oberarm, und ich frage, wie sieht es mit Männern aus, gibt es da welche, die müssen dir doch jetzt in Scharen nachlaufen. Ich hab viel zu tun, dabei lehnt Mana den Kopf an Nolls Schulter, kurz darauf schlägt sie die Hände vors Gesicht, habt ihr das gehört, der Ton da, der war ganz falsch, viel zu hoch, dabei sieht sie nur Noll an und die Mana im Video verzieht kurz den Mund, lächelt leicht und singt weiter, als wäre nichts gewesen.

Auf der Bühne ist Mana eine andere. Jetzt hier im Wohnzimmer auch. Und Noll ist dieser Mana zu nah und ich ihr zu fern, dass ich an der Haustür später, als ich Mana und Noll verabschiede, nur, Tschau sage und nicht, Ruf mich an.

Ich sehe Mana und Noll durchs Küchenfenster nach. Mana hält Noll auf halbem Kieselsteinweg an, sie lachen, sagen irgendetwas und dann beugt sich Mana nach vorne und küsst ihn, nicht auf die Wange, sondern auf den Mund, und es sieht nicht so aus, als sei der Kuss verrutscht, wie damals vor einem halben Jahr bei mir, und Mana sagt auch nicht Ups, sondern lächelt und greift nach Nolls Hand.

VI. Mana hat einmal gesagt, sie hört die Töne nicht nur, sie sieht und schmeckt sie auch. Ich frage sie einmal am Telefon, da ist sie in Russland oder in Schweden, ich habe es vergessen, welcher Ton bin ich. Sie lacht nervös, räuspert sie sich, sagt, du weißt schon, dass ich damals, im Sommer als wir wegfuhren, nicht geschlafen habe in der ersten Nacht, dort, als ich dreimal Vivaldi! gerufen habe? Ich sage nichts und als sie weiterspricht, klingt ihre Stimme fasrig, sie versucht es wie einen Scherz klingen zu lassen, aber es klingt wie ein Vorwurf. Du, jaja, du bist ein stumm vibrierender Mitlaut.

Zur Person

Nadja Spiegel

Geboren: 1992 in Dornbirn

Ausbildung: Studentin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und an der Uni Wien

Publikationen: „manchmal lüge ich und manchmal nicht“, Verlag Skarabäus

Preise: Literaturstipendium des Landes