Und wenn sie nicht gestorben wären?

Kultur / 13.08.2013 • 21:43 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Jonas Kaufmann als Don Carlo und Anja Harteros als Elisabetta in Verdis Oper „Don Carlo“, die gestern Abend Premiere hatte. Foto: APA
Jonas Kaufmann als Don Carlo und Anja Harteros als Elisabetta in Verdis Oper „Don Carlo“, die gestern Abend Premiere hatte. Foto: APA

Pathetisch die Dichtung, banal das Leben: Romeo und Don Carlo auf dem Prüfstand.

Salzburg. Damit eine der wesentlichen Programmreihen der Salzburger Festspiele, nämlich das Young Directors Project mit insgesamt vier Produktionen, neben dem schönen Schein rund um die Opernpremieren nicht völlig verblasst, lässt der Sponsor Montblanc Celebrities einfliegen. Beim Auftakt mit „The Animals and Children Took to the Streets“, einer Überlappung von Schauspiel und Animation von Suzanne Andrade, war es Ex-Bond-Girl Jane Seymour. Bis zur dritten Produktion hat die Zugkraft nicht gereicht, dabei bietet „Romeo und Julia“ nach einem Konzept des irakischen Regisseurs Mokhallad Rasem mit Anspielungen auf zeitgenössische Adaptierungen des alten Stoffs durchaus Material zur Auseinandersetzung.

Transferierte kriminelle Energie

Die Frage, wie es dem Liebespaar ohne frühes Ende in der Gruft ergangen wäre, wurde nicht zum ersten Mal gestellt, das Toneelhuis Antwerpen verleiht der Liebe aber etwas mehr Gewicht als der Politik. Bei Shakespeare ist das Verhältnis auch dann umgekehrt, wenn man bedenkt, dass hier nun nicht nur ein Krieg unter Familien hereinspielt, sondern eine gegenwärtige Katastrophe, angedeutet mit Gasmasken und einem UN-Jeep, der drei Generationen als Behausung dient. Ein Bub und ein Mädchen könnte für die nächste Generation stehen, die ihre Prägung erfährt, ein junges Paar erkennt sich im zärtlichen Tanz und das ältere labt sich an Shakespeare-Textpassagen, um festzustellen, dass sie für sie nur noch Klangbild sind, vergleichbar mit dem banalen Aufsagen italienischer Speisen. Das Ungestümtsein des Shakespeare’schen Paares und die kriminelle Energie, die im Original-Romeo nicht nur schlummert, transferiert Rasem in einen Alternden. Das ist nicht schön, aber auch dann kompromisslos, wenn man am Ende das tut, was ein probates Mittel zur Alltagsbewältigung ist, sich nämlich der Kunst bzw. der Lektüre zuzuwenden.

Der Deutsche Bastian Kraft hatte dem Projekt einen „Jedermann“ beigesteuert, vom Tschechen Jan Mikulásek kommt noch ein Verweis auf Bunuel. In der Jury sitzen neben dem Galeristen Thaddaeus Ropac und Festspiele-Präsidentin Helga Rabl-Stadler die Schauspielerin Brigitte Hobmeier, Autor Michael Köhlmeier und der Intendant des Deutschen Theaters, Ulrich Khuon.

„Don Carlo“ im Souvenirstil

Eines gilt in Salzburg: Wo Peter Stein draufsteht, ist auch Peter Stein drin. Der Schauspielregisseur, der vor einiger Zeit schon zur Oper wechselte, um musealen Sichtweisen den Glanz seines Namens zu verleihen, hatte angekündigt, sich mit den Anweisungen Verdis zu beschäftigen und zeigte gestern Abend schon zu Beginn der von medialer Hysterie begleiteten „Don Carlo“-Premiere, dass er auch nichts anderes im Schilde führt. Wo Choraufmärsche allerdings statisch an der Rampe enden, wo die breite Bühne im Festspielhaus per Vorhang verkleinert werden muss (Ausstattung: Ferdinand Wögerbauer und Annamaria Heinrich), um den Blick auf König und Prinz zu lenken (wir haben es bekanntermaßen mit den Nachfolgern Karls V. in Spanien zu tun), wo das Liebespaar dann lediglich eines schönes Bildes wegen unplausibel am Boden liegt, da verkommt Musiktheaterhandlung zur bloßen Illustrierung. Szene für Szene ein Souvenirkartenmotiv, das auch Peinlichkeiten enthält, wenn die Inquisition zuschlägt.

Das Publikum feiert die Sänger. Was sonst? Den Dirigenten Antonio Pappano noch, der mit den Wiener Philharmonikern der Partitur viel Schroffheit verleiht und auch jene Spannung, die optisch fehlt.

Erster Güte ist das Ensemble, in dem Ekaterina Semenchuk zuweilen angestrengt wirkt und Thomas Hampson neben Jonas Kaufmann leicht an Präsenz verliert. Anja Harteros singt ohne Makel und Matti Salminen vermittelt stimmlich das, was sich die Regie auch in der Personenführung viel zu oft einfach spart.

„Romeo und Julia“ bei Mokhallad Rasem. Foto: sf/Wolfgang Kirchner
„Romeo und Julia“ bei Mokhallad Rasem. Foto: sf/Wolfgang Kirchner

„Don Carlo“ wird am 16. August
in ORF 2 ausgestrahlt.
Der Young Directors Award
wird am 21. August verliehen