Balladen von Straßenkehrern und Mäusen

Kultur / 16.08.2013 • 17:31 Uhr / 12 Minuten Lesezeit

Sie residiert im Reich von Kaminholz, Werkzeugbank und Kohlen. Sie haust im Land von Lageräpfeln, Quittengelee und eingelegten Gurken. Die Fenster hier sind stets gekippt, aber fein vergittert. Du fragst dich, wie die Kellermaus da durchschlüpfen soll. Und ob sie hinter den Mostfässern lauert, während du nach einem vergessenen Schraubenzieher oder nach einer angebrochenen Packung Butterkekse suchst. Bis zum zweiten Regalboden reichst du schon. Das Cellophanpapier der Kekse raschelt wie Mäusefüße im Stroh. Die Tür quietscht leise in den Angeln. Es zieht. Doch solche Zusammenhänge verflüchtigen sich, wenn du dich fürchtest. Die Kellermaus hat es auf neugierige Kinder abgesehen, heißt es. Du rennst die ewig lange Treppe rauf, ohne einmal Luft zu holen. In der Küche sitzt der Vater vor der Zeitung. Er streicht dir übers Haar. „Du bist blass, wirst du krank“, sagt er, und streicht das Haar zurück auf die andere Seite. Du schüttelst den Kopf, damit die Fransen wieder fallen, wie sie wollen. Dein Mund ist ganz trocken vom Atem anhalten.

Läuse im Bauch

Wasser trinkst du am liebsten. Ganz viel davon. Besonders, wenn du Hunger hast vor dem Essen. „Das macht Läuse im Magen“, sagt deine Mutter. Sie nimmt dir das Glas weg und stellt das Essen hin. Dein Magen hat gerade noch geknurrt, jetzt grummelt es darin von tausend klitzekleinen Tieren. Sie poltern an deine Magenwände und verderben dir den Appetit. Die Tomatensauce versackt zwischen den Nudeln. Die Hackstückchen gleiten hinterher. Du probierst. Als es quietscht zwischen den Zähnen, streckt es dich. „Schmeckt es nicht, das ist deine Leibspeise“, sagt Mutter. Du lässt dir eine Wärmeflasche geben und füllst sie heimlich mit kochendem Wasser auf. Am bloßen Bauch ist es kaum auszuhalten. Hitze tötet Ungeziefer, hast du gehört. Du beißt die Zähne zusammen, bis es nicht mehr rumort im Bauch und alle Läuse tot sind.

Die schielenden Augen

Das weißt du, weil du auch nach innen schauen kannst. Die Augen werden dazu immer weiter verdreht. Die Erwachsenen ziehen die Luft durch die Zähne. Ein schielendes Kind ist ziemlich hässlich. „Lass das, sonst bleiben die Augen so stecken“, sagen sie. Du schielst weiter. Die Welt gleitet ineinander, deine Nase wächst ins Unendliche, die Erwachsenen verdoppeln sich. Dir wird übel und du musst die Augen schließen. „Siehst du“, sagen sie. Du siehst gar nichts mehr außer bunten Kreisen auf schwarzem Grund. Dann stiehlst du dich davon ins Badezimmer. Auf dem Kindertritt beugst du dich nach vorne übers Waschbecken und drückst die Nase an den Spiegel. Sie ist nicht größer geworden. Nur die Augen schielen ein wenig. Du erschrickst und weichst zurück. Nun schielen sie kaum mehr. Aber der Kindertritt verliert seinen Halt auf den Fließen. Du verlierst dich aus den Augen und landest am Boden. Du heulst. Sie heben dich hoch und tragen dich zum Sofa.

Der Achgnom

Du träumst vom Achgnom. Er lebt in Erdhöhlen an der Uferböschung der Ache und hat gern seine Ruhe. Mit den anderen aus der Siedlung suchst du unter den Büschen und Wurzeln nach dem Höhleneingang. Allein traust du dich nicht. Denn der Gnom schießt blitzschnell aus seinem Versteck und packt das Kind, das dort herumstreunt, wo es gar nicht sein darf: im Wald, am Flussufer. „Die Ache ist unberechenbar“, sagt der Vater, „der Gnom erst recht.“ An einem mutigen Nachmittag sitzt du auf einem Baumstumpf und hörst dem Wasser zu. Es gurgelt erst die Gedanken aus dem Kopf und nach und nach die Angst, dass dich der Gnom erwischen könnte. Du atmest kaum, so still sitzt du. Sonst hättest du den Farn nicht rascheln hören. Darin blinzelt der Gnom aus Karfunkelsteinaugen. Auf der Flucht reißen die Brombeerranken deine Arme auf. Der Gnom grunzt knapp hinter dir. Gleich bist du oben auf dem Damm, wo immer Leute laufen. Seine Krone erreichst du auf allen vieren. Die Kartäuserkatze der Nachbarn ist schon da. Sie drückt ihren Kopf an deine Brust und schnurrt.

Sonst holst du dir den Tod

Genauso unvernünftig wie allein an die Ache zu gehen, ist es, in einem Monat mit „r“ schon barfuß zu laufen. „Davon wird man krank“, sagt deine Mutter. Mit „man“ fühlst du dich nicht angesprochen. Und wenn es im April trotz „r“ im Monat warm ist, gehst du barfuß. Du setzt dich vor die Kellertür und ziehst Schuhe und Strümpfe aus. Unter den Nägeln der großen Zehen haben sich Sockenfussel zu roten Mondsicheln versammelt. Du tappst von Steinplatte zu Steinplatte ums Haus herum. Verweilst kurz, fühlst ihre Textur mit den empfindlichen Frühjahrsfußsohlen. Auf der Straße hinterm Haus schmeichelt neuer Teerbelag den Sohlen. Auch die Telegrafenmasten sind frisch geteert. Nichts riecht so stark nach Frühling, findest du, wie dieser von der Sonne aufgeweichte, schwarze Überzug auf altem Holz. Du tippst mit der Zehe daran. Ein bisschen Pech bleibt kleben. Kreisrund, eine schwarze Sonne gleich neben der roten Mondsichel. Du wiederholst es mit dem anderen Fuß. Behutsam setzt du diese Kunstwerke ins Gras vor dem Haus deines Freundes. Du rufst zur Küche hinauf, niemand meldet sich. Die alte Nachbarin schaut aus dem Fenster. „Zieh dir deine Schuhe an, sonst holst du dir den Tod“, schreit sie. Du findest das übertrieben. „Schau, wie du aussiehst“, sagt die Mutter am Abend, „wie ein Teufel.“ Sie musste die Strümpfe vom Teer reißen, auf dem ein Bewuchs aus roten Fusseln kleben blieb. Du sagst: „Barfuß passiert das nicht.“

Verbotene Spiele

Was dich nun seit längerem beschäftigt, hat ebenfalls mit Bloßheit zu tun. Wenn du immer an deinem Zupferl herumspielst, funktioniert es eines Tages nicht mehr, hat deine Mutter gesagt. Nun spielst du nicht so oft damit und außerdem sehr vorsichtig. Doch am Morgen hat es höllisch gebrannt beim Wasserlassen. Der Stoff der Unterhose fühlt sich an wie pure Jute. Du verweigerst jegliches Trinken, damit du nicht aufs Klo musst. Davon bekommst du Kopfschmerzen und meldest dich aus dem Unterricht ab. Bevor du die Schule verlässt, leihst du dir in der Bibliothek ein Biologiebuch der Oberstufe. Auf einer Parkbank an der nahen Friedhofsmauer schlägst du es auf. Du blätterst über die Gefäße, durch Hirn, Herz und Lunge zu den einschlägigen Seiten. Aids, Syphilis, Herpes. Was du davon verstehst, versetzt dich in Panik. Dass man daran sterben kann, ist dagegen eine Erlösung. Zu Hause bringt dir die Mutter einen kalten Waschlappen ans Bett. Dass sie nicht einmal ahnt, dass du sterben musst, treibt dir die Tränen in die Augen. „Schlaf jetzt“, sagt sie, schon unter der Tür. Du streifst dir die Unterhose auf die Schenkel und drückst den Waschlappen zwischen die Beine statt auf die hämmernde Stirn. Als du aufwachst, ist es dunkel. Aus der Küche hörst du Besteck und Teller klappern. Dein leerer Magen zieht sich zusammen. Sonst hast du keine Schmerzen mehr. Erst unten an der Treppe fällt dir auf, dass du noch lebst.

Der Straßenkehrer

„Wegen Kopfweh gehst du aus dem Unterricht“, sagt der Vater, „wer mit solchem Eifer lernt, wird Straßenkehrer.“ Du denkst, warum nicht. Du stellst dir das schön vor, immer draußen an der frischen Luft, auf einen stabilen Besen gestützt, eine Zigarette im Mundwinkel hängend. Und immer lächelnd, voller Gleichmut, ob es regnet oder die Sonne scheint. Genau da wirst du unsicher. Das würdest du nicht durchhalten. Schließlich bist du kein Schutzengel wie der ständige Begleiter deiner Kindertage. Er ist überall, wo du bist. Seine orange Kluft leuchtet im Schulhof, vor der Sporthalle und bei dir in der Straße. Er stützt sich auf seinen Besen, grinst und zeigt seine drei Zähne. Zwei davon brauchte er, um die Zigarette festzuklemmen, die er gar nicht raucht. Die anderen Kinder hänseln ihn. Sie werfen Kaugummipapierchen vor seine Stiefel. Sie rennen kreuz und quer durch seine Kehrrichthaufen. Sie schlagen ihm die Schiebermütze von den Haaren. Dann läuft manchmal ein Schatten über sein Grinsen. Auf deinem Gewissen haftet der Schatten länger. Denn du bist feige und verteidigst ihn nicht. Das macht dich deinem Schutzengel gegenüber schuldig. Selbst ein Schutzengel hat hin und wieder Anrecht auf Beistand. Bestimmt würde er sich freuen, wenn du dich neben ihm auf einen kleineren Besen stützst. Ihr würdet euch die Zigaretten teilen und das bisschen Kehricht. Und du würdest ihn beschützen, falls einer es auf seine Mütze abgesehen hätte.

Ode an die Drohung

Du bist kein Straßenkehrer geworden. Darüber ist dein eigenes Kind etwas enttäuscht, weil es die orangefarbenen Autos und Overalls so liebt. Aber es mag auch die Regale im Keller. Mit Lageräpfeln und Keksdosen mit Engeln drauf. Jetzt im Frühling sind sie leer. Doch das hättest du auch nicht geglaubt, ohne selbst nachzusehen. Auf den Haaren hat das Kind eine Spinnwebe, so fahl wie sein Gesicht. Du streichst sie weg und sagst: „Hast du die Kellermaus getroffen?“ Das Kind verneint. „Die gibt es gar nicht“, sagt es. Es will nach draußen, an die Ache Steine werfen. „Und wenn wir den Gnom aufwecken?“, sagst du. „Auch den gibt es gar nicht“, sagt das Kind. Nebeneinander spaziert ihr den Damm entlang. Die alten Uferbäume sind gefällt, an der Böschung wuchert Buschwerk. Ihr zwängt euch wasserwärts zwischen Hartriegel, Brombeer und Weißdorn. Der Weg ist steil und glitschig. Eine schwitzige kleine Hand schiebt sich in deine. „Hier würde ich sowieso nicht wohnen, wenn ich Achgnom wäre“, sagst du. Das Kind möchte trotzdem umkehren. Auf der Straße hinterm Haus zieht ihr die Schuhe aus. Die bloßen Sohlen fühlen Frühjahrswärme. Aber Telegrafenmasten gibt es keine mehr, und kein Pech, das abgeht, um dann wochenlang am Zeh zu kleben. Du kannst nur davon erzählen. Ihr Geruch allerdings ist schwer zu beschreiben. „Ein bisschen staubig“, sagst du, „nach altem Holz, das in der Sonne spröde geworden ist, herb nach Teer und mal weniger, mal mehr nach Glück.“ Das Kind drückt seine Nase an den metallenen Mast einer Straßenlaterne. Die Zunge prüft kurz seinen Geschmack. „So wie das“, sagt es. „So ähnlich“, erwiderst du.

Zur Person

Christina Walker (geb. Zoppel)

Geboren: 1971, aufgewachsen in Hard

Tätigkeit: Autorin, Lektorin, Werbetexterin, Veröffentlichungen in Anthologien, Zeitschriften und Zeitungen

Preis: Literaturstipendium des Landes Vorarlberg

Wohnort: Bochum