Sehr amüsanter Rückblick

Kultur / 16.08.2013 • 19:36 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Die entdeckenswerte Katherine Mansfield (hier mit ihrem Gefährten John Middleton Murry) bietet besonderes Vergnügen. Foto: Verlag
Die entdeckenswerte Katherine Mansfield (hier mit ihrem Gefährten John Middleton Murry) bietet besonderes Vergnügen. Foto: Verlag

Katherine Mansfield (1888– 1923) avancierte trotz kurzer Schaffenszeit zur Klassikerin.

Erzählungen. (VN-salg) Das liegt nicht zuletzt an ihrer scharfen Beobachtungsgabe, die sie mit großem stilistischem Können in überaus witzige, auch leicht satirische Gesellschaftskritik umsetzte.

Die literarische Bühne betritt Mansfield mit ihren Erzählungen „In einer deutschen Pension“, als sie mit 21 Jahren für ein paar Monate in einer Pension in Bayern lebt. Dort, oh Aufregung, geruht auch das taube Kind einer Baronin untergebracht zu werden, vermeintlich in Obhut der Schwester der Baronin, in Wirklichkeit in der der Zofe. Aber sei’s drum, die Aufregung um den Duft der großen weiten Welt ist zu mitreißend, als dass man sich auch noch um etwas so Schnödes wie Wahrheit kümmern könnte.

Was für eine Delikatesse,

seufzen die Frau Oberregierungsrat, der Herr Oberlehrer, vom jungen Dichter aus München wie dem Studenten aus Bonn zu schweigen, wie auch der Frau Doktor mitsamt ihrer Ergriffenheit. Sie ist es, die der Fremden denn auch unter Seufzern, jedoch ohne alle Sentimentalität mitteilt: „Natürlich ist so etwas für euch Engländerinnen schwer zu verstehen, da ihr immer auf den Kricketplätzen eure Beine zeigt und im Hintergarten Hunde züchtet. Zu schade! Jugend sollte wie eine wilde Rose sein! Ich für mein Teil verstehe nicht, wie ihr Engländerinnen überhaupt geheiratet werdet!“

Das Unscheinbare wird wichtig

Viel Zeit bleibt der Ich-Erzählerin nicht, um über das beklagenswerte Schicksal der schnöden Engländerinnen zu sinnieren, da ein knatterndes Automobil eintrifft und darin die Frau Baronin persönlich. Sie wollte ihr Kind mit einem Überraschungsbesuch erfreuen, muss jedoch auf ihre Frage, wo denn ihre Zofe sei, nun ihrerseits überrascht, vom Geschäftsführer erfahren: „Eine Zofe ist nicht gekommen, nur Ihr Fräulein Schwester und das Töchterchen.“

In unscheinbaren Bemerkungen liegen die wunderbarsten, oft wichtigsten „Botschaften“ ihrer Storys, wahren Kunstwerken, in deren vollen Genuss nur kommt, wer kein „hm“ überliest, da darin eine lange Charakterbeschreibung enthalten sein kann. Die prachtvoll illustrierte, mit einem kenntnisreichen Nachwort versehene Ausgabe ist sehr empfehlenswert.

Katherine Mansfield: „In einer deutschen Pension“, Edition Büchergilde