Stimmiger könnte der Schluss nicht sein

Kultur / 18.08.2013 • 21:46 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das SOV unter Gérard Korsten setzte noch eins drauf. Foto: BF/Mathis
Das SOV unter Gérard Korsten setzte noch eins drauf. Foto: BF/Mathis

Das Symphonieorchester Vorarlberg führte Weinberg und Martinu zum Erfolg.

Bregenz. Die Festspiele sind gelaufen, die stolze Erfolgsbilanz veröffentlicht. Da setzt das Symphonieorchester Vorarlberg noch eins drauf, macht unter Chef Gérard Korsten seine gestrige Matinee zum rauschenden Erfolg und zeigt sich damit erneut als zunehmend starker Partner der Festspiele. Ein volles Haus geht begeistert mit.

Und wieder bewährt sich die ungebremste Entdeckerfreude des Intendanten. David Pountney hat für dieses Konzert, nach einem opernhaften Capriccio sinfonico von Puccini quasi als Ouvertüre, zwei praktisch unbekannte Werke von Weinberg und Martinu ausgewählt, bei denen man sich nach ihrer brillanten Aufführung durch das SOV fragt, warum sie nicht längst Eingang ins Konzertrepertoire gefunden haben. Auch wenn sie sich stilistisch grundlegend voneinander unterscheiden – beide besitzen ganz hohe musikalische Qualität, sind voll glänzender Einfälle, exzellent instrumentiert und finden beim Publikum, wie sich zeigt, auf Anhieb Gefallen. Man hat in den vergangenen Jahren hier vieles aus dem umfangreichen Schaffen des polnisch-jüdischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg gehört, kaum etwas hat bisher so beeindruckt wie sein Violinkonzert g-Moll, op. 67 (1961), mit dem gestern an die epochale Uraufführung seiner Oper „Die Passagierin“ 2010 als einen der größten Momente der Ära Pountney erinnert wurde. Mit dem namhaften russischen Geiger Ilya Gringolts (31) hat man einen Solisten engagiert, der rein äußerlich den Teufelsgeiger nicht verleugnen kann.

Kabinettstück der Literatur

Bei den ersten Tönen wird freilich klar, dass er weit mehr zu bieten hat als bloß überlegene Virtuosität in Doppelgriffen, nämlich einen unglaublichen Reichtum an Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten von solcher Zartheit seines blühenden Tones in den Mittelsätzen, dass man kaum mehr zu atmen wagt. In ganz enger Korrespondenz mit dem Dirigenten und dem höchst konzentriert spielenden Orchester ersteht so die sehr selbstständig geführte Solostimme wohlig eingebettet in die charakteristisch robuste, oft auch sehr melodiöse Klangwelt Weinbergs, die in ihren grotesken Überzeichnungen manchmal an seinen Freund Schostakowitsch erinnert. Mit dem berühmten Allegro aus der „Teufelstriller-Sonate“ von Tartini demonstriert Gringolts ein Kabinettstückchen der Violin-Sololiteratur als Zugabe.

Nicht weniger positiv aufgenommen wird die 1945 im amerikanischen Exil entstandene Symphonie Nr. 4 von Bohuslav Martinu, mit der an dessen „Griechische Passion“ von 1999 aus der Ära Alfred Wopmann erinnert werden sollte.

Das ist nun eine ganz andere, ebenso faszinierende Klangwelt, expressiv aufblühend, nie die Grenze der Tonalität überschreitend. Und auch dies ist ein Werk, das dem mit einem Orchesterklavier aufgefetteten Klangkörper in allen Registern eine Fülle an Entfaltungsmöglichkeiten beschert, die die Musiker des SOV imponierend zu nutzen verstehen. Man hat die Streicher selten so klangschön, das Blech so strahlend, das Holz so lebendig und das Schlagwerk so präsent vernommen. Eine glänzende Visitenkarte.

Gérard Korsten ist in seinem energiegeladenen, risikoreich fordernden Dirigat, mit dem er Musiker und Publikum mitzureißen versteht, zugleich auch so etwas wie ein Hort der Sicherheit. Geradezu entfesselt präsentiert sich das Orchester unter solcher Obhut beim Finalsatz der Symphonie, der nach dem Prinzip „Per aspera ad astra“ konzipiert ist und damit ideal dem Motto des Festivals entspricht: „Dem Licht entgegen“. Einen stimmigeren Abschluss dieser Konzertsaison hätte man sich nicht vorstellen können.

Hörfunkwiedergabe: 26. August, 10.05, Österreich1