Vom Skandalroman zum Kinofilm

Kultur / 20.08.2013 • 17:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Reihenweise bricht Helen Memel (Carla Juri, r.) gesellschaftliche Tabus und geht mit ihrer Sexualität sehr frei­zügig um. Foto: Luna Film
Reihenweise bricht Helen Memel (Carla Juri, r.) gesellschaftliche Tabus und geht mit ihrer Sexualität sehr frei­zügig um. Foto: Luna Film

Regisseur David Wnendt hat es gewagt und Charlotte Roches Skandalroman „Feuchtgebiete“ verfilmt.

Komödie. Jungregisseur David Wnendt hat sich an einen Stoff gewagt, der eigentlich als unverfilmbar galt, und aus Charlotte Roches „Feuchtgebieten“ einen Film gemacht. Rund 2,5 Millionen Mal wurde das Buch verkauft, monatelang stand es an der Spitze der Bestsellerlisten – und jetzt kommt es auf die große Leinwand. Wnendt, der für seinen Film „Kriegerin“ zahlreiche Preise abräumte, scheint das Buch zu mögen. Zumindest hat er sich ihm mit ganz viel Unvoreingenommenheit genähert – und die Rolle der 18-jährigen Helen Memel mit einer großartigen Schauspielerin besetzt: der Schweizerin Carla Juri. Kaum eine der Skandalszenen, mit denen das Buch einst für Aufregung sorgte, lässt Wnendt aus. ­Immer wieder zeigt er Juri nackt – allein oder in Gesellschaft –, blutverschmiert oder mit diversen Körperausscheidungen spielend. Das brachte dem Film die aus Verleihersicht eigentlich wenig erstrebenswerte Freigabe erst ab 16 Jahren ein. Alles andere wäre bei der Romanvorlage auch eine Überraschung gewesen.

Skandal-Episoden

Roche selbst hielt ihr Buch für quasi unverfilmbar: „Das wäre schon sehr splatter-pornomäßig und würde das Publikum wahrscheinlich überfordern.“ Bei der vom Großteil des Publikums bejubelten Weltpremiere in Locarno sagte Roche nun: „Ich bin sehr glücklich über diesen Film.“ Das liegt wohl daran, dass Wnendt die eigentlich rührende Geschichte des Romans erkannt hat und die inzwischen berühmten Skandal-Episoden einbettet in eine berührende Handlung. Denn die „zeigefreudige“ Helen, die von Körperhygiene nur bedingt begeistert ist, ist nicht nur tabulos und genusssüchtig, sie ist als Scheidungskind vor allem auf der Suche nach Halt, Geborgenheit und Liebe.

Undamenhafte Hämorrhoiden

Rückblicke in ihre Kindheit zeigen immer wieder, was sie mit ihren Eltern (Meret Becker und Axel Milberg) durchgemacht hat. Die depressive Mutter versuchte einst, sich das Leben und Helens kleinen Bruder gleich mitzunehmen. Der Vater weiß mit seiner Tochter nicht viel anzufangen. Und so will Helen die Zeit im Krankenhaus, wo sie wegen einer missglückten Anal-Rasur und jenen undamenhaften Hämorrhoiden behandelt wird, nutzen, um die Eltern am Krankenbett der Tochter wieder zusammenzuführen. Die restliche Zeit nutzt sie, um den attraktiven Pfleger Robin (Christoph Letkowski) um den Finger zu wickeln.

Hauptdarstellerin Juri sieht hinter dem Film „ein universelles, existenzielles Thema“. Das habe ihr auch das Spielen von Nacktszenen leicht gemacht. Tatsächlich sind im Film Ekel- oder Sexszenen nie Selbstzweck oder Effekthascherei, und eine gute Portion Ironie ist auch dabei. Und so ist aus dem Skandalbuch ein einfühlsamer und auch humorvoller Film geworden, der sicher noch für einige Debatten sorgen dürfte.

Feuchtgebiete

» Regie: David Wnendt

» Produktionsfirma:
Medienboard Berlin-Brandenburg

» Hauptdarsteller: Carla Juri,
Christoph Letkowski, Marlen Kruse, Meret Becker, Axel Milberg

» ab Freitag im Kino