Liebe ist eine unerlaubte Einnistung

Kultur / 23.08.2013 • 18:10 Uhr / 13 Minuten Lesezeit
In den Scheiben des geöffneten Fensters leuchtet Noras Haar rötlich in der Nachmittagssonne. Foto: Kronabitter
In den Scheiben des geöffneten Fensters leuchtet Noras Haar rötlich in der Nachmittagssonne. Foto: Kronabitter

Der Blick aus dem spanischen Fenster. Wettbewerb in Rot. An der Wand scharlachrot die Bougainvillea. Auf dem Fensterbrett leuchtendrot die Tomaten. Tomaten, Paprika, Zwiebeln. Sonnen in der Sonne, erwärmen sich, ohne sich gegenseitig zu wärmen. Wie Menschen. Stehen da und wetteifern um das beste Licht. Ein Wettleuchten von Rot und Grün und Gelb. Bis zum Abend werden die Tomaten ihr volles Aroma entfalten.

„Glaubst du, dass sie aus den privaten Gärten stammen oder aus den Plantagen von Almería?“ „Du würdest es am Geschmack erkennen. Alles kann man am Geschmack erkennen, die sonnengereiften Tomaten aus den Gärten ebenso wie das Brot, das der Bäcker selbst macht. Auch ohne EU-Zertifikat würdest du es merken, Salate, Früchte, sogar Zwiebeln schmecken anders. Intensiver. Alles hat seinen eigenen Geschmack. Einen eigenen Duft.“ Auch der Duft der Männer ist anders, denkt Nora. Nicht für X. bestimmt.

Von Anfang fühlte sich Nora wohl in der Stadt. Verknüpfung der urbanen Geschäftigkeit einer Metropole mit der Muße sommerlichen Flanierens. Die täglich garantierte Sonne bietet die Möglichkeit, den Ernst der Lage, wie sich ihre Professorin in Wien ausdrückte, mit Urlaubsfeeling zu verknüpfen.

„Wie läuft die Arbeit für das andalusische Kulturzen-trum“, fragt X., und seine Stimme klingt nah, obwohl er Tausende von Kilometern entfernt ist. „Das Casting ist abgeschlossen. García Lorcas Double ist verblüffend, ein Glücksgriff. Es ist der aufregendste Auftrag, den ich bisher erhalten habe.“ Aufregend bis in die letzte Zehenspitze oder in die Brustspitze, denkt Nora. Nicht für X. bestimmt.

„Alles hier ist eine Herausforderung, alles neu. Das Kulturzentrum konzentriert sich thematisch auf Andalusien. Hier zu arbeiten ist eine einzigartige Gelegenheit. Nichts vorher war so spannend. Das Arbeitsklima ist optimal. Es könnte nicht besser gehen.“

Nora ist wie eine lang erwartete Freundin aufgenommen worden. Der Museumsleiter hat sie ebenso herzlich begrüßt wie ihre neuen Kolleginnen. Kein schiefer Blick, keine distanzierte Verhaltenheit. Selten, dass Frauen vorbehaltlos freundlich sind, denkt Nora, noch immer ein wenig auf der Hut.

„Ich glaube, euer Chef weiß, wie man mit euch umgehen muss“, lacht X.

In den Scheiben des geöffneten Fensters leuchtet Noras Haar rötlich in der Nachmittagssonne. Auf ihrer Haut liegt ein Bronzeton, warme Luft umweht ihre nackten Beine. „Es ist auch das Wetter. Wenn du vom Bett aus in den Morgen blickst, ist die Sonne da. Es ist der rau-melodische Klang der Sprache und der Geruch der Speisen, der aus den kleinen Lokalen in die Gassen zieht. Du kannst dir nicht vorstellen, wie gut es hier riecht. Gerüche zum Baden.“

Tapas, die zu Getränken serviert werden, eine sinnliche Gaumenlust. Für Geist und Körper ein reizvolles Wechselspiel. Trotz stundenlanger Studioaufnahmen fühlt sich Nora wie im Urlaub und genießt die Stadt in vollen Zügen.

„Du bist privilegiert“, sagt X. „Doch deine Idylle ist nur ein Teil Spaniens.“

„Ich weiß.“ Nora weiß, dass sie Glück hat. Nicht daran zu denken, wie spanische Arbeitssuchende in Wien behandelt würden – wie Asylsuchende behandelt werden. Eine Erinnerungspeinlichkeit, die sie unangenehm berührt, die sie von sich weg, vor sich herschiebt. Neben anderen Erinnerungen begräbt, die sie konsequent zur Seite geschoben hat. Dafür will sie nicht verantwortlich sein. Auch nicht, wie marokkanische Arbeitssuchende hier behandelt werden. Gestern hatte sie einen Bericht über die Plastikplantagen in Almería gelesen. Arbeitssklaven bei 50 Grad. Ich bin nicht verantwortlich. Dafür bin ich nicht verantwortlich. Manche Sätze müssen wiederholt werden, bis sie sich manifestieren. „Dafür bin ich nicht verantwortlich. Wir können nichts dagegen tun“, sagt Nora.

„Wir können viel tun in unserem Leben“, erwidert X. „Jedem bleiben ungezählte Möglichkeiten. – Wie präsentiert ihr eure Doubles?“

„Das Kulturzentrum ist nach neuesten Konzepten geplant. Federico García Lorca könnte lebendiger nicht dargestellt werden. Es ist, als ob ein Mensch lebend vor dir steht. Das Bild steht vor dir, lebensgroß. Wenn du mit ausgestreckter Hand auf die Person zeigst, besser gesagt, auf die Person zielst, wird das Video aktiviert. García Lorca blickt dich an. Du kannst ihm direkt in die Augen blicken. Er spricht, als stünde er vor dir.“

Nora ist beeindruckt von der außergewöhnlichen Technik: Die Hand muss zielgerecht auf den Kreis in der Mitte deuten. Pfeilgerade in den Bauch sozusagen. Nach einigen Sekunden beginnt die Person zu sprechen, beginnt der Dichter aus seinem Leben erzählen. Fast eine Live-Begegnung.

„Du tauchst ein in sein Leben. Gehst mit. Die Vergangenheit wird Gegenwart. Unvergesslich. Bist mitten in seinem Leben. Im Gespräch. Das Video wird mit einer Lüge beginnen: García Lorca belügt die Besucherinnen. Ein kleiner Schwindel, so wie er es in seinem wirklichen Leben tat. Er behauptet, im Jahr 1900 geboren zu sein. Das klingt besser. Klingt näher an der Zeit. Er wollte nicht jünger sein, jedoch waren es diese zwei Jahre, die ihn ins vorige Jahrhundert katapultierten. Später stellte er das Geburtsjahr meistens mit 1898 richtig.“

Anfänge. Vieles im Leben beginnt mit einer Lüge. Nicht nur bei García Lorca.

Hochzeiten. Immer noch

„Wir werden heiraten“, sagt X. „Gibt es für ein Paar kein Leben, ohne verheiratet zu sein. Warum heiraten? Was willst du besiegeln? Deine Liebe? Die Liebe dokumentieren?“, fragt Nora. „Liebe braucht Freiheit, Luft, damit sie leben kann. Eine Hochzeit ist eine Intrige. Wer sich in Familie begibt, kommt darin um. Du fällst auf Harmonie hinein. Auf deine eigene Sehnsucht nach Harmonie. Denk an das Später. Irgendwann betrügt dich die Frau und du betrügst sie. Jeder macht dem anderen was vor, macht glaubhaft, etwas geben zu können, das noch niemand zu leben erreicht hat. Sicherheit? Eine Heirat bedeutet keine Sicherheit. Welche Sicherheit hatte Mutter? Welche Sicherheit suchst du? Heirat ist Angebundensein. Verpflichtetsein. Die Hochzeit ist ein Liebestöter.“

„Nicht die Suche nach Sicherheit. Die Suche nach dem Sinn. Eine Heirat ist ein weiterer Schritt auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Ein Kind ist der Sinn des Lebens“, sagt X. und küsst Paolo auf seine winzige Nase. „Wir tragen Verantwortung. Unser kleiner Sinn soll sich sicher fühlen. Unsere Heirat ist der Rahmen.“

„Die Liebe als Sinn des Lebens“, sagt Nora. „Ja, damit könnte ich leben: Die Liebe. In diesem Punkt könnte ich dir zustimmen.“

Passieren. Bleiben

„Dir müsste Verliebtheit passieren“, sagt X. „Aber wie passiert Liebe? Wie könnte dir, speziell dir, Liebe passieren?“ „Passieren, Passage. Das ist Durchgang, Reisen, aber auch passé, vorbei. Meinst du passieren in diesem Sinne?“, lacht Nora.

„Ich beharre darauf: Im besten Sinne des Wortes sollte dir die Liebe passieren, so wie mir ein Regentag passieren kann. Ping“, sagt X.

„Pong: Genauso, wie die Wolken den Himmel passieren und vorüberziehen, so passiert auch die Liebe den Lebensweg und ist nach einer bestimmten Weile vorüber. Ich schütze mich vor diesem Passieren. Die Liebe passiert, das käme einem Verlieren gleich.“

„Du wählst immer die schwarzmalende Variante. Gratuliere dir zu deinem Pessimismus. Woher kommt deine ständige Aufgeregtheit?“, sagt X.

„Du weißt, woher meine Aufgeregtheit kommt. Hast du Gegenbeweise? Wie viele? Wie viele Liebende kennst du? Wie viele wirklich Liebende? Wie vielen Menschen gelingt es, die Liebe zum Verweilen zu überlisten? In diesen Dingen bringe ich lieber meinen Verstand ins Spiel.“

„Es liegt an den Menschen, die Liebe lebendig zu erhalten. Und wenn schon: Was macht es, wenn die Liebe weiterzieht?“, fragt X. „Es passiert etwas Neues. Nichtgeplantes. Neue Liebe.“

„Ich glaube nicht, dass sich ein verliebtes Paar das Passieren der Liebe wünscht, wenn damit ihr Vorübergehen gemeint ist!“

„Du weißt genau, was ich meine. Kein Paar wünscht sich das Weiterziehen der Liebe. Du willst mich nicht verstehen“, sagt X. „Verlustangst. Es ist deine Angst vor Verlust. Schon im Vorfeld blockierst du jegliche Gefahr eines Verlustes. Noch bevor du Nähe erlebt hast.“

„Liebe ist eine unerlaubte Einnistung: In die Wohnung des anderen, in sein Herz oder in eine Eizelle. Nein danke“, sagt Nora „Ich stehe auf Überschaubarkeiten. Eine gewisse Kontrolle hat sich immer bewährt.“

Schnipp

Blitz. Grellgelb. Grellgrell. Gelb. Rot. Und dann ein Knall. Dazwischen eine Ewigkeit. „Eine Explosion“, denkt X., „warum ist hier eine Explosion“. Dorothee. Das Kind. Zoom. Das Kind. Zoom. Das Kind. Riss. Dorothee, Dorothee. Lachen. Lächeln. Ganz nah. Das Gesicht. Ganz nah das Gesicht. Der Geruch. Ganz nah das Gesicht. Dorothee ganz nah. Der Geruch. Das Kind.

Das Gesicht. Das Kleid. Das Weiß. Das Kleid. Das Licht. Das Kind. Dorothee. Das Kind. Das Kleid. Die Hochzeit. Clip. Clip. Schnipp. Das Gesicht. Schnipp. Ein Kuss. Schnipp. Schnipp. Schnapp. Dann Schwarz.

Schnipp. Neu

Er hat Glück gehabt. Wenige Angriffe der Rebellen verlaufen ohne Tote. Wochen im Krankenhaus. Wochen und Wochen. Die Genesung hat er mit strategischen Überlegungen verbracht. Einen neuen beruflichen Aktionsradius zu suchen. Sich global und aktiv für den Frieden einzusetzen und trotzdem mit Dorothee und Paolo zu leben. Mit ihnen zusammenzuleben.

„Es scheint, du hast rechtzeitig den Absprung geschafft“, sagt Nora. „Ich glaube, jetzt habe ich das wirklich Passende gewählt. Das Passende gefunden. Heirat als Rahmen für die Liebe ist zu wenig. Liebe als Konstrukt ist zu wenig. Liebe ist Handeln. Dasein. Aneinanderschmiegen. Wohlfühlen beginnt mit dem Sich-Spüren“, sagt X. „Liebesversuche an allen Tagen. Ich muss eine Verbindung schaffen. Keine Trennung von Beziehung und Beruf, sondern beide Bereiche verbinden. Ich arbeite noch für NGOs, meine Aufgaben aber haben sich verlagert. Meine wichtigsten Projekte laufen jetzt für Earthpossible.“

„Earthpossible?“ Noras fühlbare Irritation. „Keine Ahnung, worum es geht.“

„Ich habe eine Firma gegründet. Wir machen Schulungen mit dem Ziel, das Verhalten privater Firmen im Umgang mit Sicherheit zu ändern. Es läuft gerade ein Projekt mit einem Ölkonzern, bei dem wir Menschenrechtstrainings für die örtliche Polizei anbieten. Wir helfen Menschenrechtsstandards bei der Polizei zu integrieren und wollen die Multis dazu bringen, ihre Aktivitäten so ausrichten, dass die lokale Bevölkerung profitieren kann. ‚Sicherheit durch Akzeptanz‘ wird jetzt auch von Firmen übernommen.“

„Eine eigene Firma, das ist ein Ding. Bist du ein Ein-Mann-Betrieb oder hast du Mitarbeiter?“

„Wir sind ein Vierer-Team. Zwei von uns, ein schwedischer und ein jordanischer Polizist, sind Ausbildner. Die sind jetzt vor Ort im Irak. Dort geht es um Menschenrechtsstandards in der Ölindustrie. Zum Beispiel lässt der Konzern die Ölfelder im Irak durch die Ölpolizei beschützen. Die zwei bilden jetzt dreißig Trainer für Menschenrechte aus. Diese Dreißig sind selbst Ölpolizisten. Die zu Trainern ausgebildeten Ölpolizisten werden später viertausend Ölpolizisten trainieren. Ein Schneeballprinzip.

Es geht um Fragen, wie man bei Verhaftungen vorgeht, bei Angriffen etwa von Greenpeace auf Bohrplattformen von BP, Shell oder ConocoPhilips.“

Zur Person

Erika Kronabitter

Geboren: 1959 in Hartberg

Ausbildung: Studium der vergleichenden Literaturwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte

Künstlerische Laufbahn: Arbeiten in den Bereichen Literatur, Video, bildende Kunst und Kunstvermittlung

Publikationen: u. a. „Viktor“, „Decodierung der Dekaden“, Roman „Nora. X“

Wohnort: Feldkirch

Erika Kronabitter: „Nora. X.“, Roman, Verlag Limbus. Das Buch kommt am 26. August in den Handel