Leben auf vorgeschriebenen Wegen

Kultur / 30.08.2013 • 17:33 Uhr / 14 Minuten Lesezeit
Ein Leben im Krebsgang? Die vorgeschriebenen Wege hatten ihn vor jeder Entscheidung bewahrt. Foto: dpa
Ein Leben im Krebsgang? Die vorgeschriebenen Wege hatten ihn vor jeder Entscheidung bewahrt. Foto: dpa

Er besuchte den Recyclinghof regelmäßig, seitdem er Sannas Kleider erstmals hier entsorgt hatte. Auch eine Art Grabbesuch. Seelenreinigung. Oder schlechtes Gewissen. Ab und zu brachte er pro forma einen Einkaufssack voller Plastikreste oder ein paar alte Batterien mit.

Aber es kümmerte sowieso keinen. Nur einmal hatte der Mann im grünen Overall ein Gespräch mit ihm anfangen wollen. Ob er an Elektroschrott oder an Trödel interessiert sei? Auch alte Bücher und Zeitschriften kämen herein. Man könne gegen ein kleines Entgelt etwas für ihn beiseitelegen.

Leo hatte sich bedankt. Er schaue lieber selber. Seither hatten sie ihn in Ruhe gelassen. Zuerst misstrauisch. Doch weil er nie etwas aus dem Sperrmüll klaubte, beachtete ihn inzwischen keiner mehr. Leo mochte den vielfältigen Lärm, wenn Flaschen im Glascontainer explodierten, das Scheppern der Metalldosen, das Glasgerumpel, das wuchtige Bersten von Holz, das Anlassen von Motoren. Als brauchten seine Ohren die Schockbehandlung nach der Stille von Montag bis Freitag. Diese auf den Kopf gestellte, verworfene, laute Welt.

Heute war es der Stuhl im Holz-Container. Letzte Woche die Windungen von Matratzenfedern. Wie ein angerostetes Musikstück. So ungefähr hatte er das Bild mit nach Hause genommen. „Nach Hause“ – das dachte er nur noch in Anführungszeichen. „Ins Haus“ war der richtigere Begriff. Sannas Zimmer kahl geräumt. Ihr Bett, der Kasten, ihre Matratze vom Sperrmüllwagen entsorgt. Frau Wohlgenannt hatte es hinter den Vorhängen verfolgt und dabei sicher etwas Missbilligendes gedacht.

Inzwischen hatte er auch aus den anderen Zimmern Ballast entfernt. Überschüssiges Kochgeschirr, Erinnerungsnippes, Bilder, Handtücher. Ursprünglich einfach nur, um etwas zu tun. Und weil er keine Lust hatte, vorwurfsvolle Dinge abzustauben. Und weil mit jedem weggeworfenen Gegenstand der Raum größer wurde. Tatsächlich hatte er die vergangenen zwei Jahre in erstickender Enge gelebt. Aber natürlich waren es nicht die Gegenstände gewesen.

Der herabhängende Rest vom Korbgeflecht sah aus wie ein schlaftrunken sich lösender Zopf. Als er Sanna kennenlernte, hatte sie ihr langes Haar offen getragen, aber er liebte es, wenn sie es abends zu einem dicken Zopf band. Die Fingerbewegungen, gedankenlos ausgeführt, hatten ihn erregt. Er hatte ihr das nie gestanden. Nur eine von vielen versäumten Möglichkeiten. Weil man meist gar nicht weiß, dass es eine Möglichkeit wäre, dachte er. Später hatte Sanna sich die Haare kinnkurz schneiden lassen, und am Ende waren sie ihr ausgefallen. Man kann nicht zurückgehen und irgendetwas anders machen. Also machte es auch keinen Sinn, sich jetzt darüber den Kopf zu zerbrechen.

Deshalb der Recyclinghof. Deshalb die Spaziergänge. Weil er nicht denken wollte. Deshalb ließ er sich treiben. Ließ sich gehen, mochten die Leute sagen. Ein halbes Jahr, den ganzen Winter und Frühling hindurch, und jetzt wurde es schon fast Sommer, zog er seine Runde, ziellos und ohne Vorstellung, wohin er wollen könnte. Meist landete er irgendwann in dem kleinen Café mit dem grau gemusterten Linoleumboden, dessen Figuren auf die Dauer eines Cappuccino oder einer Tasse Tee seine Augen beschäftigten. Wie das Kaleidoskop, das er als Kind von weiß Gott welcher fernen Tante geschenkt bekommen hatte. Nur ohne Farben. Er hätte aber den Namen des Cafés nicht benennen können oder würde die Kellnerin, deren rabenschwarzes Haar von einer weißen Strähne am Scheitel durchbrochen war, nur daran, nicht aber an ihrem Gesicht wiedererkennen, sollte er ihr anderswo begegnen.

So erging es ihm auch mit den Wegen, die er einschlug. Einmal bog er da, ein andermal dort ab, um am Ende im selben Café oder am Recyclinghof zu landen und schließlich in ähnlich undurchschaubaren Mäandern wieder zu seinem Haus zurück zu gelangen. So setzte sich jeder Tag aus einem Puzzle unbedeutender und zufälliger Eindrücke zusammen, die man getrost sofort vergessen konnte. Nur bei Wetterwechsel verdichteten sich die neuronalen Impulse zu einem dumpfen Ziehen. Manchmal zu stechendem Kopfschmerz. Ansonsten folgte er seiner Bahn wie ein Tier, dessen Beine etwas suchten, von dem sein Kopf nichts wusste.

Jeden Morgen stand er Punkt sieben auf, duschte, zuerst warm, dann kalt, rasierte sich, betupfte die Wangen mit dem Aftershave, das Sanna ihm jede Weihnachten geschenkt hatte und dessen Geruch er ihretwegen zu mögen gelernt hatte, zog den Anzug an, ein frisches Hemd, graue Socken. Frühstücken tat er längst nicht mehr. Er hasste den Aufwand, den eine Tasse Kaffee verursachte: Geschirr aus dem Schrank nehmen, Wasser aufkochen, das Pulver aufbrühen, Filter, Tasse, Löffel waschen … Zudem war seine Unruhe um halb acht schon zu groß, um sich allein an einen Tisch zu setzen. Stattdessen klemmte er sich die vom vielen Herumtragen speckige Aktentasche, die nichts als eine Geldbörse, Taschentücher und manchmal einen Knirps enthielt, unter den Arm und machte sich auf den Weg.

Er hatte diesen Gang aufgenommen, damit Sanna nichts merkte. Aber warum er ihn fortsetzte, obwohl die Lüge längst nicht mehr nötig war, hätte er nicht zu sagen vermocht. Auch die Nachbarn wussten inzwischen Bescheid, nahm er an, und es musste sie eigenartig anmuten, wenn er jeden Tag zur altgewohnten Zeit wegging und zurückkehrte. Keiner sprach ihn darauf an. Nicht einmal der Pensionist linkerhand, der immer alles genau wissen wollte. Aber womöglich verstand der ja, warum er das tat, und nur er selbst hatte keine Ahnung. Egal. Wenn solche Gedanken kamen, war es Zeit, weiterzugehen.

Er warf noch einen Blick auf den Sesselrest, nächste Woche würde der von neuem Müll verschüttet sein. Sannas Zopf, der im Luftzug wehte. Gleich würde sie ihn mit einer schnellen Bewegung über die Schulter schleudern. Hirngespinst.

Er schüttelte das Bild ab wie einen kleinen Frostschauer. Sannas Gesicht genauso verschwunden wie das der Kellnerin. Ihr richtiges Gesicht. Das von davor.

Sie war immer so lebendig gewesen. Er der Unbewegliche. Seit sie weg war, hatte er sich nicht mehr aus der Stadt gerührt, obwohl er nun alle Zeit der Welt hätte. Es gab keine triftigen Gründe für ihn, irgendwohin zu fahren. Hatte es nie gegeben. Nur für Sanna. Und jetzt war sie fort. Und er auf der Flucht. Und nicht einmal da wusste er, wohin.

Eigentlich war es mit ihm immer so gewesen. Die vorgeschriebenen Wege hatten ihn vor jeder Entscheidung bewahrt. Der Schulweg, der Arbeitsweg, der Heimweg. Hatte er einmal Außerordentliches unternommen? Wahrscheinlich schon. Bloß: Er konnte sich nicht mehr erinnern. Kindheit und Jugend ein ins Wasser gefallenes Aquarell.

Die Straße seiner Kindheit konnte er sich noch vorstellen. Die Hausnummer zweiundfünfzig. Dritter Stock. Ein Eisengeländer, dessen beinahe weißer Lack abblätterte. Die dritte Stufe beim Eingang etwas höher als die zwei darunterliegenden. Ein sehr schweres Eingangstor, gegen das man sich stemmen musste, um es aufzubekommen. Aber was war hinter dieser Tür gewesen? Wenn man keine Zukunft hat, sollte man wenigstens Vergangenheit besitzen. Kann es sein, dass man das Erinnern verlernt, wenn man es nicht übt? Und sollte er es wieder lernen? Er war sich nicht sicher. Er sollte sich Arbeit suchen. Doch so weit war er nicht. Viel zu schnell erschöpft. Er würde sich noch ein paar Wochen gönnen. Das sagte er sich seit einem halben Jahr. Und natürlich gab es auch nicht wirklich eine Stelle für ihn. „Wir werden schon wieder etwas für Sie finden“, hatte der stellvertretende Direktor und Leiter der Kreditabteilung, der ihn eines Morgens in die Zentrale gebeten hatte, schultertätschelnd gesagt. „Ihre Frau braucht Sie jetzt nötiger als wir.“ Dabei hatte er so überzeugend gelächelt, wie es nur mit teuren falschen Zähnen gelingt. Leo hatte verstanden. Er hatte sich nicht gewehrt. Die Konsumkreditvergabe war an eine bundesdeutsche Bank ausgelagert worden. Und: Man könne ja nicht übersehen, wie abgespannt er sei. Er solle es als eine Art Pflegekarenz betrachten. Zu sich selber kommen. Und: Außerdem waren die Kleinkredite in den letzten beiden Quartalen um achtunddreißig Prozent zurückgegangen und die Personalabteilung müsse beinhart rechnen in Zeiten der Krise . . . Schulterhochziehen. Die Direktion wusch ihre Hände in Unschuld und Leo nickte. Die Krise, ja. Die war allgemein. Der Leiter der Kreditabteilung war ein höflicher Mensch und sprach es nicht aus: Dass Leo während der Dienstzeit privat im Internet auf Medizinwebsites surfte, dass er laufend zu spät kam (obwohl er daheim immer zur gleichen Zeit wegging), dass er alles Interesse an seiner Arbeit verloren hatte, dass er Überstunden machte und trotzdem keine Arbeit verrichtete. Leo hätte sich selbst auch entlassen, wenn er derjenige gewesen wäre, der das zu entscheiden gehabt hätte.

Die Kollegen wussten es bereits. Jetzt verstand er ihr sachtes Abrücken der vergangenen Wochen, die mitleidigen Blicke. Das war nicht nur wegen Sanna gewesen. Das natürlich auch. Dass er ohne viele Worte noch am gleichen Tag seinen Schreibtisch räumte, irritierte sie dann aber doch. Die vorbereiteten Sätze solidarischer Entrüstung und den Abschieds-Geschenkkorb wurden sie so nicht los.

Nur Niklas, als Personalvertreter, bestand darauf, dass die Entlassung nicht in Ordnung ging, obwohl Leo ihm immer wieder versicherte, er verstehe die Entscheidung der Direktion. Man habe sich einvernehmlich getrennt. Zwei Monate lang rief Niklas alle paar Tage an. Schimpfte auf den Filialleiter, dass dieser Leo nicht die Stange gehalten habe – in deiner Situation! Billige Ausreden! Dass die in Wien nur Zahlen und Abschlüsse vor Augen hätten, sei ja noch verständlich, aber hier bei ihnen habe doch jeder gewusst, was bei Leo daheim los sei! Es sei doch nicht jedes Wort aus den oberen Etagen sakrosankt! Wegen einer Flaute von ein, zwei Quartalen brauche man nicht gleich die Leute heimzuschicken! Eine derartige Sauerei habe er nie erlebt. Leo ließ Niklas’ Eifer über sich ergehen. Er wusste, dass die Bank recht hatte. Und was Niklas falsch sah: Der stellvertretende Leiter der Landesabteilung hatte sich keineswegs unmenschlich betragen. Der hatte selbst schlecht ausgesehen. Dicke Tränensäcke unter den Augen, scharfe Nasenfalte, zu wenig Schlaf. Der hatte um den Abschied herumgedruckst und ihm eigenhändig Kaffee vom Automaten geholt, auf dem schwarzen Ledersessel die Beine einmal so, dann wieder andersrum übergeschlagen, die Hände verknotet, die Papiere auf dem Schreibtisch herumgeschoben, bis Leo selbst die Dinge in die Hand nahm: „Das letzte Halbjahr war eine Katastrophe, ich weiß. Ich habe auch schon daran gedacht, mich neu zu orientieren.“ Obwohl das keineswegs der Wahrheit entsprach. Tatsächlich hatte er nichts gedacht und nichts geplant. Aber sein Vorgesetzter nahm erleichtert einen Schluck von dem schon kalten Kaffee und meinte: „Ja, wenn Sie das auch so sehen, dann sind wir uns ja einig. Und natürlich erhalten Sie die volle Abfindung, das hat man Ihnen sicher schon gesagt.“ Drei weitere Monate Gehaltszahlung. „Sehen Sie sich derweil in Ruhe um. Die Wirtschaft braucht erfahrene Leute wie Sie. Ich bin sicher, dass Sie etwas finden werden, was Ihnen entspricht. Und sonst kommen Sie in ein, zwei Quartalen zurück.“ Beide wussten, dass das eine glatte Lüge war. Aber es störte sie beide nicht. Leo hatte seine Aktentasche genommen und sich bedankt (wofür?) und war spazieren gegangen, bis es Zeit für den Bus war. Es gab nichts aufzuarbeiten. Um halb sechs schaukelte er auf seinem üblichen Platz rechts hinten und stellte fest, dass er fünfundvierzig

Jahre und drei Monate alt und arbeitslos war.

Zur Person

Lina Hofstädter

Geboren: 1954 in Lustenau

Ausbildung: Studium Germanistik und Anglistik

Publikationen: u. a. „Ausapern“, „Bergiselschlachten“, „Valcamona“, „Im Schneckenhaus“, „Er und Sie“

Preise: u. a. Harder Literaturpreis, Staatsstipendium für Literatur

Wohnort: Sistrans

Lina Hofstädter: „Er und Sie“ Doppelerzählung, Verlag Limbus, 176 Seiten, ab September im Buchhandel