Staunen und Fürchten

Kultur / 30.08.2013 • 17:54 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Thomas Glavinics „Das größere Wunder“ findet sich auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Foto: APA
Thomas Glavinics „Das größere Wunder“ findet sich auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Foto: APA

Was treibt einen schwerreichen, von Liebeskummer Zerfressenen auf den Mount Everest?

Roman. Vordergründig jenes Naturereignis, dem er seit Jahren auf der ganzen Welt hinterher reist – eine Sonnenfinsternis. Aber da ist noch mehr: die Suche nach dem Sinn, das besessene Ausloten der Grenzen und ja, auch die Liebe. Thomas Glavinics neuer Roman „Das größere Wunder“ findet sich nicht zu Unrecht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Auf 520 Seiten entspinnt der österreichische Autor eine fesselnde Abenteuergeschichte voller innerer und äußerer Abgründe, die auf einer zweiten Erzählebene die wundersame Entwicklung des Protagonisten von der Kindheit bis zur Gegenwart ausleuchtet.

Schon als Kind war Thomas Glavinic „fasziniert von Fotos von Menschen mit Eis im Gesicht, die aussahen, als kämen sie aus einem Kriegsgebiet“. Seither habe er nicht aufgehört, sich dafür zu inte­ressieren. In 62 Kapiteln entführt der Ich-Erzähler Jonas den Leser in die atemlose Kälte des höchsten Bergs der Welt, stets unterbrochen von Rückblicken auf die wechselvolle Biografie dieses Weltenbummlers, der nirgendwo ein Zuhause gefunden hat.

Ein Buch über das Suchen

Die apokalyptische Stimmung entfesselt Glavinic gleich zu Beginn, ohne den Everest als Schauplatz zunächst namentlich einzuführen: „An seinem Zelt wurde der erste Leichnam vorbeigetragen“, heißt es auf Seite eins. Dass seine Bücher selten ohne einen surrealen Untergrund auskommen, haben etwa „Die Arbeit der Nacht“ oder „Das Leben der Wünsche“ eindrucksvoll bewiesen. Auch in „Das größere Wunder“ geschehen Dinge, die sich Jonas, der in genannten Büchern bereits im Zentrum steht, nicht erklären kann. Das größte Wunder ist aber Marie, jene Frau, nach der sich Jonas bereits seit seiner Jugend sehnt und der er eines Tages tatsächlich begegnet. Glavinic hat ein Buch über das Suchen geschrieben, das durch das Überschreiten der Grenzen in immer lichtere Höhen geschraubt wird. Die Möglichkeit des Fallens, so lernt der Leser, ist immer präsent, sowohl auf dem höchsten Berg als auch im innigsten Moment der Liebe. Es ist ein Buch, das einen das Staunen wie das Fürchten lehrt, das Sehnsucht aufkeimen lässt nach großen und kleinen Wundern.

Thomas Glavinic: „Das größere Wunder“, Verlag Hanser, 528 Seiten