Einkochzeit auf Bäuerinnenart

Kultur / 01.10.2013 • 21:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Aufstellung zum „unartigen“ Gruppenbild. Foto: Lingenhöle

Aufstellung zum „unartigen“ Gruppenbild. Foto: Lingenhöle

„Unartige“ waren erneut kreativ und offerieren die köstlichsten Früchte des Sommers.

Hittisau, Bregenz. Erdbeeren und Gurken sind auch dabei, in den meisten Fällen kam aber das ins Glas, was man nicht darin erwartet, nämlich Aufgestautes, Unverdautes, Erinnerungen, das, was beschäftigt und das, was einfach einmal gesagt werden muss – nicht durch die Blume, sondern direkt. Das Glas hat dabei nichts Beschönigendes oder ­Vernebelndes, nein es lenkt den Blick sogar noch stärker auf den Inhalt.

Und exakt das hat Sabine Lingenhöle-Rainer auch bezweckt, als sie jene Bäuerinnen, die sie seit Jahren in Sachen Kreativitätsschub unterstützt, dazu auf­forderte, Arbeiten für ein Einmachglas zu konzipieren. Motto: „Die Saure-Gurken-Zeit ist vorbei.“ Obwohl auch bei Sonnenhochstand und geschlossenem Parlament kaum noch Flaute in den Redaktionen herrscht, haben wir den Wink verstanden. Die Auseinandersetzung mit dem, was die Gruppe von bis zu 20 Frauen unter Hilfestellung der Bregenzer Künstlerin und Pädagogin schafft, ist aber auch wirklich vergleichbar mit dem Blick auf die eingefahrene Ernte. Hirnfutter ist genug da, drängt sich als erste Reaktion auf. Und wenn man schaut, wie Cornelia Rhomberg aus Dornbirn (siehe erstes Bild) die Melkerei thematisiert, ist die Verbindung zwischen der Produktion von Nahrung und jener von Nachrichten ohnehin schon hergestellt.

Kompliment, verdammt gut zeichnen kann die Landwirtin. „Grundsätzliches Talent haben alle“, lobt Lingenhöle-Rainer ihre Bäuerinnen, die sich vor einigen Jahren schon die Marke „Unartig“ verpasst haben. Man betätigt sich also künstlerisch und erlaubt sich, frech zu sein, mutig oder unangepasst.

Aus mehr oder weniger allen Landesteilen kommen die 30- bis 60-Jährigen, und selbst wer in einer Saison die Landwirtschaft oder die Familie nicht einmal für ein paar Stunden im Stich lassen kann, der ist dann beim nächsten Kurs wieder dabei.

Themen, die bewegen

Schließlich geht es nicht um das Dekorieren des Alltags (was selbst bei den wunderbaren Sitzwürfeln, die vor ein paar Jahren einmal zu bemalen waren, nicht im Vordergrund stand), sondern um Themen, die wirklich bewegen. „Omas Leaba“ lautet der Titel eines Glases mit Nähutensilien. Bettina König (Schwarzach) lässt damit Erinnerungen an ihre Großmutter wach werden, die mit Leidenschaft schneiderte. Den letzten Brief des Onkels 1942 von der Front hat Elisabeth Hiller aus Möggers als Zeugnis des menschenverachtenden NS-Regimes aufbewahrt, um ihn nun in diesem Rahmen der Öffentlichkeit zu präsentieren. „D’Stucho“ heißt es bei Aurelia Felder aus Andelsbuch, die sich malerisch eindrucksvoll mit der Tradition und der Bregenzerwälder Trauertracht beschäftigt.

Augapfel und Rossapfel

Dass die wesentlichen und damit köstlichsten Früchte auch in der Sprache enthalten sind, damit befasste sich beispielsweise die Schrunserin Eva Maria Strasser. Die Abende während des Alpsommers boten reichlich Möglichkeit, „Perlen vor die Säue“, „Der Hut brennt“ oder gar das etwas martialische „Ins Gras beißen“ in Form einer Assemblage umzusetzen.

Selbstredend, dass dann auch die Jasskarte und die ­erwähnte „Saure-Gurken-Zeit“ ins Spiel kamen. Ebenso wie das „Ei des Kolumbus“, mit dem sich Martha Niederacher aus Krumbach in grafischer Manier beschäftigte. Metaphernqualität hat die Sache mit dem Apfel, die sich Doris Walch auferlegte: Augapfel, Erdapfel, Rossapfel, Holzapfel, Paradiesapfel, Giftapfel – in einem Einmachglas hat viel Platz. Auch Tierisches, das Rita Wohlgenannt aus Dornbirn berücksichtigt, und Märchenhaftes, das Sibylle Metzler aus Andelsbuch und Karin Böhler aus Schwarzach auch mit Humor anreichern.

Auch die Frage nach Wertigkeiten tut sich auf, wenn man die Glassammlung überblickt, der Betrachter darf die Antwort finden, die „unartigen“ Bäuerinnen, für die Kunst sicher weit mehr als ein Ventil ist, sind ihm auch diesbezüglich wohl einen guten Schritt voraus.

Arbeit von Aurelia Felder.

Arbeit von Aurelia Felder.

Arbeit von Rita Wohlgenannt.

Arbeit von Rita Wohlgenannt.

Arbeit von Elisabeth Hiller.

Arbeit von Elisabeth Hiller.

Arbeit von Eva Maria Strasser.

Arbeit von Eva Maria Strasser.

Arbeit von Marlene Sinnstein.

Arbeit von Marlene Sinnstein.

edited by Zsolt

edited by Zsolt

Ab 5. Oktober, 18 Uhr, sind die Arbeiten im Frauenmuseum in Hittisau zu sehen

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