Wäre das abartig bei diesem Wetter?

Kultur / 04.10.2013 • 19:55 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Ich glaube ich höre Travis, wahrscheinlich „Why does it always rain on me?‘ Foto: DPA
Ich glaube ich höre Travis, wahrscheinlich „Why does it always rain on me?‘ Foto: DPA

Ich steige ins Auto ein. Fahre los. Losfahren ist der Anfang, aber für mich ist es so was von das Ende. Ende aller Anfänge. Ich lese den Brief nicht. Der liegt unter dem Waschbecken in meinem Bad. Halb nass, kaum leserlich, zerknittert, aber jedes Wort drei Mal unterstrichen, als könnten sie dadurch viel bedeutungsvoller werden. Ist es nicht besser, ihn dort zu lassen? Was denken Sie? Ich bin noch nirgends angelangt. Biege rechts, irgendwann links ab. Sie wissen schon, dort wo der Weg schön aussieht, der Asphalt neugelegt ist, dort fahre ich mit dem Auto. Ist das zu spontan? Ich weiß es nicht. Ist es nicht absurd, nachzudenken, ob was spontan geschieht? Ich glaube schon. Das Auto lässt sich mit 120 km/h fahren, aber ich tue es nicht. Noch hab ich kein Ziel vor mir, wieso soll ich mich beeilen? Wissen Sie schon, wohin Sie gehen würden, wenn Sie etwas völlig Unbekanntes erreichen wollten? Stelle ich zu viele Fragen? Ich fürchte, ja. Es ist heiß, wissen Sie. Aber ich hab’ beide Hände am Lenkrad, schmecke deswegen meinen Schweiß und lasse ihn auf meiner Haut brennen. Alles brennt bei mir. Die Haut hätte es sowieso nie überlebt. Ich hab’ eine Weltkarte im Auto, die ich noch nicht geöffnet hab’. Wenn ich ganz verzweifelt werden sollte, werde ich mit geschlossenen Augen auf ein Land tippen. Ist mir egal, welche Sprache, welche Menschen. Alles ist unbekannt, alle Länder gleich schlimm. Jedenfalls bin ich allein und Sie wissen schon, manchmal, da spreche ich so eine einsame Sprache, die kann sowieso keiner verstehen.

Ich lasse die Scheiben runter. Bekomme eine leichte Atemnot, aber ich bin es gewohnt. Probiere mich abzulenken. Schiebe eine CD rein, und da wo ich die Hand schon mal frei habe, streiche ich über meine Stirn. Ich glaube, ich höre Travis, wahrscheinlich „Why does it always rain on me?“, aber wäre das nicht abartig bei diesem Wetter? Aber einen Sinn erkennen will ich im Moment nicht. Unsinn macht von der Definition her jetzt am meisten Sinn. Sie denken wahrscheinlich, dass ich nie ans Ziel kommen werde. Aber denken Sie, dass all diese Leute, die einen Job haben, eine Familie, wirklich ihr Ziel erreicht haben? Ich hab’ das Gefühl, uns werden unsere Ziele vorgeschrieben, und die Schritte, die ich mache, sollen die Abdrücke anderer verfolgen. Das ist kein Leben, das ist in der Reihe bleiben. Aber ich will einen neuen Weg, eine neue Route. Ich will wissen, dass es irgendetwas gibt, außerhalb der Grenze. Apropos Grenzen: Wer denkt, er müsste irgendwo stehen bleiben?

Irgendwann mache ich eine Pause. Esse vielleicht Pizza, Döner, Burger oder Asiatisch. Sie wissen schon, man kann überall etwas essen, man hat jede Menge Auswahl. Man soll sie nur ausnützen. Ich habe seit Langem keinen Hunger gehabt, aber jetzt, wo ich langsam begreife, dass die Sonne aufscheint, spüre ich ein Loch in meinem Magen. Als würde seit Langem wieder Blut durch meinen Venen fließen. Sie müssen kein Mitleid mit mir haben. Ich will nicht, dass Sie auch noch traurig werden, ich hab es satt, Menschen zum Selbstmord zu treiben. Ihr Leben muss nicht beschissen sein, Sie haben wahrscheinlich ein gutes.

Wo war ich? Ja genau, beim Essen! Ich esse irgendetwas, beiße ein Stück runter, und sofort fällt mir der Brief ein, und obwohl der Ort ganz in Ordnung ist, die Menschen mich nicht komisch anschauen, so wie mich die Leute anschauen, die mich kennen, erschrecke ich, lege den Rest wieder auf den Teller. Das Stück drängt sich hartnäckig durch die Kehle, und ich huste, wegen diesem Kloß in meinem Hals, wegen diesem Loch in meinem Magen. Ich schlucke das Stück runter. Ich schlucke alles mal runter. So bleibe ich tagtäglich satt. Mit all diesen Gedanken, fetten, breiten Ängsten, die ich runterschlucke. Davon wird man nicht mal fett. Davon wird man verrückt. Halb so schlimm.

Wenn ich an den Brief denken muss, Sie wissen schon, der unter dem Waschbecken, werde ich sauer. Trauer, Wut, Angst, das sind gute Teamarbeiter. Ich denke, ob sie beim Schreiben nicht nachgedacht hat, dass ich das tatsächlich lesen werde. All diese kalten Worte. Manchen sollte man vorm Schreiben einen Hinweis wie „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie den Mist, den Sie geschrieben haben, mal selber und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker, eigentlich am besten Ihren Psychiater“ geben. Wissen Sie, ich brauche es, zu verschwinden. Jede, die ich geliebt habe, ist mir aus dem Weg gegangen, wieso soll ich noch bleiben?

Ich schaue sie an. Warte auf eine gute Antwort. Sie sollte jetzt etwas Gutes sagen. Es gibt genug Weisheiten.

Sie macht den Mund auf und sagt: „Vielleicht sollten wir mit einem neuen Medikament anfangen.“

Zur Person

Yeliz Akkaya

Geboren: 1994

Ausbildung: Handelsakademie

Laufbahn: Besuch der Schreibwerkstätten von Literatur Vorarlberg

Publikationen: Beiträge in mehreren Zeitungen und Zeitschriften

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