Wenn der Nachwuchs dann meisterlich wird

Kultur / 04.10.2013 • 19:53 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Modigliani Quartett in Hohenems. FotoS: Schubertiade
Das Modigliani Quartett in Hohenems. FotoS: Schubertiade

Pianist Ingolf Wunder und das Modigliani Quartett boten reife Leistungen.

Hohenems. Im Rahmen der Schubertiade erlebte man junge Interpreten, die unter den etablierten Festivalkünstlern zwar noch zum Nachwuchs zählen, in Wirklichkeit aber international längst höchste Meisterschaft errungen haben: Kein Wunder bei Wunder, dem Kärntner Pianisten mit Vornamen Ingolf, aber auch bei seinen Kollegen vom französischen Modigliani Quartett. Ingolf Wunder (28) debütierte mit 14 im Wiener Konzerthaus, wurde 2010 beim Chopin-Wettbewerb in Warschau gefeiert. Sein Programm, das er hier vor einem staunenden Publikum ausbreitete, ist ein Musterbeispiel dafür, wie man die Zuhörer mit Gängigem bei Laune halten und dabei doch sein Können demonstrieren kann. Beethovens viel strapazierte „Mondscheinsonate“ beginnt er erst, als es im Saal endlich mucksmäuschenstill geworden ist. Und so bleibt es auch, in atemloser Spannung, weil Wunder den berühmten ersten Satz gar nicht verträumt, sondern ebenmäßig mit der Präzision eines gut geölten Uhrwerks abschnurren lässt und dabei das Kunststück schafft, dass die Musik trotzdem voller Lebendigkeit atmet.

Grandiose Technik

Im Presto vermittelt er eine Vorahnung auf seine grandiose Technik, die sich zum Finale in der als harter Prüfstein für jeden Pianisten gefürchteten h-Moll-Sonate von Liszt imponierend Luft verschafft. Dass er bei aller geforderten Präzision der bedrohlichen Doppeloktav-Läufe und hymnisch aufbrechenden Akkordballungen in Hasard-Tempo auch den geistigen Hintergrund, die Struktur des Werkes in frappanter Klarheit offenlegt, grenzt – man muss es so sagen! – an ein Wunder. Dazwischen führt er ganz ohne Pranke mit drei Chopin-Stücken musikalisch nicht weniger überzeugend in die gegensätzliche Welt der eleganten, wie improvisierend modellierten schillernden Klänge, lässt dabei den Geist seines polnischen Mentors Adam Harasiewicz spüren. Auch Schuberts Impromptu f-Moll fügt sich in diese Spielart perlender Selbstgeläufigkeit, das „Ständchen“ wird ohne falsche Sentimentalität zur Preziose.

„Die glorreichen Vier“

„Die glorreichen Vier“ hat man das Modigliani Quartett genannt, trotz seiner Jugendlichkeit bereits zehn Jahre beisammen und ebenfalls auf internationalem Karrieretrip. Diese Bezeichnung wäre für die Spielweise anderer junger Quartette weit passender, die oft himmelstürmend, ohne Rücksicht auf klangliche Schönheit, alles niederreißen wollen. Die Modiglianis dagegen legen viel Wert auf Homogenität, Facetten des Ausdrucks, warm getönte Farben, auch Ausbrüche, doch es bleibt alles kontrolliert und im Rahmen. Eine solide Leistung eben. Haydns verspieltes Quartett B-Dur eignet sich dafür ideal als Vorlage für eine inspirierte, technisch und klanglich saubere Wiedergabe. Beethovens F-Dur op. 59/1 erhält zwar scharfe Konturen, reicht im Vergleich aber (noch) nicht an die maßstabsetzende Bewältigung heran, die das Hagen Quartett in Schwarzenberg mit dem Beethoven-Zyklus geboten hat.

Strahlender Mittelpunkt des Abends ist Sabine Meyer, Langzeitstar der Klarinette, die hier bereits 1985 debütierte, als Karajan sie kurz zuvor als erste Frau bei den Berliner Philharmonikern zum Gesprächsstoff gemacht hatte. Im lebenssprühenden Klarinettenquintett von Carl Maria von Weber fügt sie sich, auch wenn ihre Stimme in extremen Positionen solistisch geführt ist, wunderbar ins Ensemble ein, mit großen Körperbewegungen zwar, aber auch hauchzarten Melodielinien und winzigen Figuren im Trio, die wie ein Jodler klingen.

Pianist Ingolf Wunder.
Pianist Ingolf Wunder.

Sendetermin Wunder. 15. Oktober, 10.05 Uhr, Ö1; Schubertiade heute: 16 Uhr, Yaara Tal & Andreas Groethuysen; 20Uhr, Renaud Capucon, Clemens Hagen, Nicholas Angelich