Igor Levit – ein „Junger Wilder“ trumpft auf

Kultur / 10.10.2013 • 20:35 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Igor Levit Foto: Schubertiade
Igor Levit Foto: Schubertiade

Russischer Pianist ­legte einen bravourö­sen Start mit dem Beethoven-Zyklus hin.

Hohenems. (VN-ju) Wie sich der Russe Igor Levit bei der Schubertiade im Markus-Sittikus-Saal in seinen Zyklus aller 32 Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven gestürzt hat, war ein umwerfender Auftakt. Und ein Versprechen für weitere aufregende Konzerte dieses Künstlers in den nächsten Jahren.

Noch bevor er einen Ton gespielt hat, stellt sich der in Hannover aufgewachsene junge Mann hin und unterhält das Publikum mit der Geschichte seiner abenteuerlichen Reise nach Hohen­ems. Sie gipfelt darin, dass sein Schnellzug mitten in der Nacht in eine Horde Wildschweine fuhr und er fürchten musste, Hohenems nie mehr zu erreichen. Bringt das alles in lockerer Erzählkunst, setzt sich an den Flügel und spielt wie ein junger Gott. Vielmehr: wie ein „Junger Wilder“. Und legt mit der Letzten von vier Beethoven-Sonaten aus verschiedenen Epochen, der berühmten „Waldstein“, op. 53, ein Meisterstück ab, das an seine überragende Bewältigung von Beethovens „Diabelli-Variationen“ vor zwei Jahren bei seinem Schubertiade-Debüt erinnert. Seine glänzende Technik sticht auch diesmal als Erstes ins Auge, keine Frage. Aber mit welcher Reife der erst 27-Jährige weit über schnöde Geläufigkeit hinaus auftrumpft, mit welcher Brillanz er allein das große Rondo-Thema zwischen Sanftmut und Zorn ausdeutet, sprengt herkömmliche Grenzen.

Sogar den beiden kleineren Sonaten, der als „Sonatine“ bezeichneten verspielten in G-Dur, op. 59, und der unter dem Eindruck Haydns entstandenen in f-Moll, op. 2/1, nimmt Levit in großer Ernsthaftigkeit jeden Hauch von Beliebigkeit, schenkt ihnen die notwendige Beachtung. Die große As-Dur-Sonate op. 26 schließlich wird schon im ersten Variationensatz zur Offenbarung eines im besten Sinne klassischen, unprätentiösen Beethoven-Spiels, während ein rasend zorniges Scherzo und ein exaltiert in die Tasten gehämmerter Trauermarsch neue Klangwelten eröffnen.

Hörfunk: 19. November, 10.05 Uhr, Ö1 Nächste Schubertiade in Hohenems: 1. bis 4. Mai

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