Über Munro liegt ein Hauch von Genie

Kultur / 10.10.2013 • 20:35 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Mit der Auszeichnung für Alice Munro ging der Nobelpreis für Literatur erst zum 13. Mal an eine Schriftstellerin. Foto: AP
Mit der Auszeichnung für Alice Munro ging der Nobelpreis für Literatur erst zum 13. Mal an eine Schriftstellerin. Foto: AP

Kanadische Schriftstellerin erhält den Nobel­preis für Literatur: Aufwertung der kleinen Erzählform.

Stockholm. „Ich glaube, es gibt niemanden, der nichts mit ihrem Werk anfangen kann“, erklärte Peter Englund gestern Mittag, nachdem er verkündete, wem die Schwedische Akademie den bedeutendsten Literaturpreis der Welt zugesprochen hat. Einen einzigen Roman hat Alice Munro veröffentlicht, aber zahlreiche Bände mit Kurzgeschichten. Das Genre hat die 82-Jährige nach Ansicht von Kritikern und Kollegen neu belebt und perfektioniert.

Alice Munro braucht nicht viel Platz. An einem kleinen Sekretär in der Ecke ihres Wohnzimmers in der kanadischen Provinz Ontario entstanden bislang ihre Texte. Einen einzigen Roman („Kleine Aussichten“) hat die 82-jährige Kanadierin in ihrem langen Schriftstellerinnenleben veröffentlicht. Ansonsten hat sich die jetzt mit dem Literaturnobelpreis gekrönte Königin der Kurzgeschichten streng an das Genre der kleinen Erzählungen gehalten, das sie nach Ansicht vieler Kritiker und Kollegen meistert wie kaum ein anderer Autor.

Ein mühsames Geschäft

Munro hat viele – auch prominente – Fans. „Dieses Buch ist so gut, dass ich hier gar nicht darüber sprechen will“, schrieb der US-Schriftsteller Jonathan Franzen über ihren 2006 veröffentlichten Erzählband „Tricks“. Kurzgeschichten seien ein mühsames Geschäft, klagt die Schriftstellerin, deren Werke in Kanada und Großbritannien längst Bestseller sind. „Die Literaturkritik betrachtet Kurzgeschichten noch immer als eine Art Übungsform für den Roman, als mindere Disziplin jedenfalls, und ich habe das selber lange geglaubt“, sagte Munro, die den Literaturbetrieb – so gut es geht – meidet, in einem ihrer seltenen Interviews. „Was habe ich mich gequält bei Versuchen, einen Roman zu schreiben! Bis ich irgendwann realisiert habe, dass die Kurzgeschichte die mir gemäße Form des Schreibens ist.“

Munro war eine Spätstarterin. Ihren ersten Erzählband (deutscher Titel: „Tanz der seligen Geister“) veröffentlichte sie 1968 mit fast 40 Jahren. Die Zeit zum Schreiben hatte sie dem Alltag abgerungen. Gleich ihr erster Band wurde preisgekrönt, und auch die weiteren Kurzgeschichten-Sammlungen wurden mit Lob und Preisen überschüttet. Ihre Geschichten sind nahe am eigenen Leben angesiedelt. Es geht um Frauen, um Mütter und Töchter, die erwachsen werden, sich verlieben und die schönen und tragischen Seiten des Lebens kennenlernen.

Große Freude und Überraschung hat der mit rund 915.000 Euro dotierte Preis beim deutschen Verlag S. Fischer ausgelöst, der die Werke von Munro herausbringt. Als „Kammerspiele des Gefühls“ bezeichnete Hans-Jürgen Balmes ihre Erzählungen. „Geschichten, die immer in kleinen Räumen spielen, bekommen eine unheimliche Dimension.“ Damit habe sie Millionen Menschen in der Welt beglückt. Die 82-Jährige wolle keine Bücher mehr schreiben. „Mit so einem Geschenk abzutreten, ist wirklich das Allergrößte.“ Munro habe aber schon dreimal gesagt, das sei ihr letztes Buch gewesen. „Jetzt hoffen natürlich alle, dass es auch dieses Mal nicht das letzte Buch war.“

Angenehm überrascht

Jury-Sprecher Englund abschließend: „Es gibt eine Art von Magie, die man allein lassen muss. Man kann ihr Genie nicht nehmen und eine Formel daraus ableiten. Es liegt ein Hauch von Genie über ihr, ja wirklich.“ Mit dem Literaturnobelpreis für Alice Munro rückt auch eine Erzähltradition ins Licht der Öffentlichkeit, die in den vergangenen Jahrzehnten höchst produktiv gewesen ist. „Die kanadische Erzählkunst ist überproportional weiblich und unheimlich vital“, erklärte der Literaturwissenschafter Waldemar Zacharasiewicz von der Uni Wien. Von der Entscheidung des Nobelpreis-Komitees sei er „angenehm überrascht“.

Sie kann auf 30 Seiten mehr sagen als andere Autoren auf 300.

JUry-Sprecher Peter Englund
Über Munro liegt ein Hauch von Genie

Literaturtipp: „Die Liebe einer Frau“, „Zu viel Glück“ von Alice Munro, Verlag S. Fischer

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