Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Wer liest noch mit den Kindern?

Kultur / 11.10.2013 • 20:25 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Seit zwei Jahren gibt es in Vorarlberg eine mustergültige Initiative: „Kinder lieben lesen“. Da bekommt man Gratis-Buchpakete schon für Neugeborene, ein weiteres nach 18 Monaten, somit also eine Grundausstattung für eine Bibliothek für das Kind. Denn darum geht es in dem Projekt: Kinder bereits im Kleinkindalter spielerisch und kindgerecht mit dem Lesen vertraut zu machen. Die Aktion des Landes war wohl auch eine Reaktion auf die alarmierenden Leseschwächen, die sich im Zusammenhang mit den PISA-Studien der vergangenen Jahre gezeigt hatten. Dabei stellte sich heraus, dass ein erheblicher Teil der Kinder und der Jugendlichen nicht in der Lage sind, beim Lesen eines Textes den Zusammenhang zu erfassen. Einfach gesagt: Wenn sie etwas gelesen haben, wissen sie anschließend nicht, was sie gelesen haben. Und das ist, gelinde gesagt, eine Katastrophe, die einerseits den Eltern, andererseits dem Schulsystem ein elendigliches Zeugnis ausstellt.

Nun kam aber vor wenigen Tagen die Meldung, die dieses Problem wahrscheinlich erklärt, zumindest mit erklärt. Denn ein Test der OECD hat nun gezeigt, dass der Apfel nicht weit vom Stamm fällt. Nach dieser Studie können nämlich in Österreich fast eine Million erwachsene Menschen nicht sinnerfassend lesen. Nachdem die Lesefähigkeit eng mit der Sprachfähigkeit zusammenhängt, kann man also auch behaupten, dass eine ähnliche Zahl nicht in der Lage ist, sich entsprechend auszudrücken. Doch da geht’s dann ans Eingemachte: Wie kann man erwarten, dass sich Menschen, denen es an jeder Kompetenz in den grundlegenden Kulturtechniken fehlt, irgendwann im Wirtschafts­leben, das bekanntermaßen nicht gerade rücksichtsvoll mit den Menschen umgeht, einen halbwegs vernünftigen Platz sichern können? Wie aber sollen – vor allem – Väter und Mütter, die selbst des Lesens nicht wirklich mächtig sind, ihren Kindern dieses elementare Verständnis, auch die Freude und das Schöne an Literatur beibringen?

Es ist nicht so, dass man mit „Kinder lieben lesen“ in Vorarlberg zu früh begonnen hätte. Im Gegenteil, wahrscheinlich hätte man das schon vor Jahrzehnten tun sollen. Aber immerhin: Jetzt versucht man mit anscheinend tauglichen Mitteln, auch vielen anderen Aktionen, Kinder zum Lesen zu bringen. Jetzt müssen’s nur noch die Eltern lernen! Vielleicht bald einmal von den Kindern?

walter.fink@vorarlbergernachrichten.at
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