Spurensuche mit dem Nobelpreisträger

Kultur / 18.10.2013 • 21:47 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Martin Karplus (83) bei seinem Besuch auf dem Jüdischen Friedhof in Hohenems. Der Chemienobelpreisträger musste 1938 vor den Nazis aus Wien fliehen. Foto: BiTschnau
Martin Karplus (83) bei seinem Besuch auf dem Jüdischen Friedhof in Hohenems. Der Chemienobelpreisträger musste 1938 vor den Nazis aus Wien fliehen. Foto: BiTschnau

Martin Karplus hatte einen besonderen Grund für einen Besuch in Vorarlberg.

Silbertal. Beim Anblick der niedlichen Tierfiguren geht einem nicht nur das Herz auf, zu erforschen, wie Lern- und Sozialisierungsprozesse von Kindern spielerisch unterstützt werden, ist eine ungemein wichtige wissenschaftliche Tätigkeit. Die Ethnologin Eugenie Goldstern hat sie unter anderem ausgeführt. Sie beschäftigte sich dabei auch mit Menschen in den alpinen Regionen und hat jenem Wiener Volkskundemuseum, das damals alles unternahm, um ihr Anerkennung zu verwehren oder gar die Urheberschaft zu untergraben, nicht nur eine reichhaltige Sammlung und wesentliche Forschungsergebnisse hinterlassen, sie hatte es auch finanziell unterstützt.

An Eugenie Goldstern (1883–1942) wurde vor einigen Jahren schon in einer Sonderausstellung im Jüdischen Museum in Hohenems erinnert. Dort war auch ein Mann auf der Suche nach familiären Spuren zu Gast, dessen Name jüngst in den Schlagzeilen war und mit dessen Erfolg sich Österreich zu Unrecht schmückt, nämlich der Amerikaner Martin Karplus, neuer Träger des Nobelpreises für Chemie.

Er wurde 1930 in Wien geboren, wäre wohl länger dort geblieben, konnte sich aber nur durch Flucht vor der Ermordung durch die Nationalsozialisten retten.

Die Großtante von Karplus

Eugenie Goldstern, der Großtante von Martin Karplus, gelang sie nicht mehr und sie durfte auch nicht auf den Schutz durch die Kollegenschaft vertrauen. Auf die Deportation aus Wien folgte die Ermordung in Sobibór.

Es hat lange gebraucht, bis sich das Volkskundemuseum zu einem Gedenken an jüdische Mitarbeiter durchrang. Hanno Loewy, der Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems, führte im Gespräch mit den VN diesen Umstand darauf zurück, dass es zu viele Verhinderer eines solchen Geschichtsbewusstseins gegeben habe, die nicht wahrhaben wollten, dass das Haus von einer massiven antisemitischen Gesinnung durchdrungen war.

Benennen von Verbrechen

Dass die Spur von Eugenie Goldstern und Martin Karplus nach Silbertal im Montafon führt, hat mit dem Benennen von Verbrechen, mit Aufarbeitung von Geschichte, Aufklärung und dem Schaffen von Bewusstsein zu tun, um das sich die Geschichtswerkstatt Silbertal über mehrere Jahre – gegen einigen Widerstand – bemühte. Letztlich aber mit einem Ergebnis, das hoffen lässt, dass ein Nachdenken über Erinnerungs- und Gedenkkultur, über Opfer und Schuld auch in Vorarlberg einen Platz hat. Nachdem offensichtlich wurde, dass unter den Namen von gefallenen Soldaten am früheren Kriegerdenkmal auch jener Josef Vallaster aufscheint, der am Morden in Vernichtungslagern in erster Reihe aktiv beteiligt war, wurde ein Prozess in Gang gesetzt, der zur Umgestaltung der Gedenkstätte führte. Dort sind nun neben den Gefallenen aus dem Ort auch jene bislang verschwiegenen Opfer des NS-Terrors benannt, die als Zwangsarbeiter nach Vorarlberg verschleppt und schließlich hier ermordet wurden. An einer weiteren Stelle werden die Taten des SS-Verbrechers Josef Vallaster dargelegt.

Martin Karplus, der, wie Bruno Winkler von der Geschichtswerkstatt Silbertal betont, in den Nachkriegsjahren um Österreich begreiflicherweise einen Bogen gemacht hatte, hat sich bei seinem Besuch in Vorarlberg auch mit dieser Stätte auseinandergesetzt, sie unterstützt und festgehalten, dass Österreich in der Gedenk- und Erinnerungskultur Fortschritte gemacht habe. Die Kommunikation zwischen Karplus und den Leitern der Geschichtswerkstatt hält nach wie vor an. Schließlich hat Karplus auch von der Anbringung einer Erinnerungstafel an seine Großtante Eugenie Goldstern durch die Vorarlberger in Sobibór erfahren.

Karplus hat in den Nachkriegsjahren um Österreich begreiflicherweise einen Bogen gemacht.

Bruno Winkler
Gedenkstein, den die Geschichtswerkstatt Silbertal gestiftet hat.
Gedenkstein, den die Geschichtswerkstatt Silbertal gestiftet hat.
Die Volkskundlerin Eugenie Goldstern ist die Großtante von Martin Karplus. Foto: JMH
Die Volkskundlerin Eugenie Goldstern ist die Großtante von Martin Karplus. Foto: JMH
Martin Karplus mit weiteren Goldstern-Nachkommen im Jüdischen Museum Hohenems.
Martin Karplus mit weiteren Goldstern-Nachkommen im Jüdischen Museum Hohenems.

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