Zum Schutz lange geheim gehalten

Kultur / 05.11.2013 • 22:37 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Auch dieses Werk von Matisse wurde für Medienvertreter gestern nur an die Wand projiziert.
Auch dieses Werk von Matisse wurde für Medienvertreter gestern nur an die Wand projiziert.

Der sensationelle Kunstfund wirft brisante Fragen auf: Wem gehören die Bilder und was tun die Behörden?

Augsburg, München. Diese Bilder sind für die Kunstgeschichte von unschätzbarem Wert: Das Selbstporträt von Otto Dix etwa, das den Avantgarde-Maler lässig mit Zigarre zeigt. Ein bislang unbekanntes Werk von 1919, wie die Kunstexpertin Meike Hoffmann gestern in Augsburg erklärte. Solche überraschenden Schätze gibt es einige in der heimlichen Sammlung von Cornelius Gurlitt, deren Entdeckung, wie berichtet, die Gemüter weit über Deutschland hinaus bewegt. Denn es geht um mehr als um kunsthistorische Erkenntnisse. Es geht vor allem um die Frage, welche Stücke von den Nazis geraubt wurden und wem sie nun gehören. Und wie die Behörden mit dem äußerst sensiblen Thema der Restitution von Nazi-Raubkunst umgehen.

Es begann kurz nach Lindau

Bei einer Zugfahrt waren Münchner Zollfahnder auf Gurlitt aufmerksam geworden. Demnach begann alles am 22. September 2010 bei einer nächtlichen Fahrt Gurlitts von Zürich nach München. Zwischen Lindau und Kempten kontrollierten Zollbeamte gegen 21 Uhr zufällig den 79-Jährigen und fanden 9000 Euro. Erst ab 10.000 Euro müssen Bargeldsummen angemeldet werden. Doch der Betrag machte die Zollbeamten stutzig. Es vergingen noch fast eineinhalb Jahre, bis die Ermittler einen Durchsuchungsbeschluss erwirken konnten. Am 28. Februar 2012 durchsuchten sie Gurlitts Schwabinger Wohnung. Die war aus Sicht des Zolls perfekt gesichert – nämlich gar nicht. Was die Fahnder fanden, war eine Sensation: Gut 1400 Gemälde, Zeichnungen, Lithografien, Druckgrafiken, Zeichnungen und Aquarelle von Künstlern mit Weltrang.

Viele Stücke aus den Beständen von Gurlitts Vater, dem Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, stammten von Künstlern der Klassischen Moderne. Von den Nazis wurden viele Bilder als „entartet“ diffamiert und beschlagnahmt. Ein Schatz für die Kunstgeschichte, aber auch für die Familien, denen Werke geraubt worden waren.

Lager bleibt weiter geheim

Warum keine Offenheit? „Es ist für uns kontraproduktiv“, begründet Reinhard Nemetz, Leitender Oberstaatsanwalt in Augsburg. So sieht es auch Siegfried Klöble vom Zollfahndungsamt in München: „Die Geheimhaltung ist die beste Sicherung.“ Wo der Kunstschatz lagert, bleibt deshalb auch weiter ein Geheimnis – „jedenfalls nicht in unserem Depot in Garching“.

Meike Hoffmann von der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ der Freien Universität Berlin ist mit der Prüfung der 1400 Objekte nach gut eineinhalb Jahren erst am Anfang. Sie habe stichprobenartig damit begonnen, die Werke zuzuordnen, sagt die Kunsthistorikerin. Wie lange die Recherche noch dauert, ist unklar. „Viele Werke werden eventuell auch nicht eindeutig identifizierbar sein.“ Weder der Wert der Sammlung noch der Aufbewahrungsort werden verraten, ebensowenig welche früheren Eigentümer bereits Ansprüche angemeldet haben – wenn sie es denn nicht selbst kundtun, wie nun die Erben des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim. Unklar ist auch, wo sich Cornelius Gurlitt aufhält, gegen den ermittelt wird.

Figuren des NS-Kunsthandels

Nach der Ausstellung über „Entartete Kunst“ 1937 in München beauftragten die Nationalsozialisten mehrere Kunsthändler mit dem Verkauf der Werke zur Devisenbeschaffung. Der aus Dresden stammende Hildebrand Gurlitt hatte den Auftrag, Werke für die von Hitler angestrebte Kunstsammlung in Linz zu kaufen. Nach der Münchner Ausstellung veräußerte er zusammen mit seinem Cousin Wolfgang Gurlitt die Werke „entarteter Kunst“ im Ausland. So gelangten Hunderte Schätze in die Schweiz, nach Frankreich und Norwegen. Wolfgang Gurlitt gründete in Linz nach dem Krieg mit seiner teils in der NS-Zeit zusammengetragenen Sammlung die Neue Galerie der Stadt. Seine Sammlung wurde 1953 angekauft.

Nach Darstellung der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ in Berlin gehörten Hildebrand und Wolfgang Gurlitt zusammen mit Ferdinand Möller, Karl Buchholz und Bernhard A. Böhmer zu den zentralen Figuren des NS-Kunsthandels.

Von enormem Wert: Gemälde von Marc Chagall.
Von enormem Wert: Gemälde von Marc Chagall.
Aufgetaucht: Selbstporträt von Otto Dix. Fotos: DPA
Aufgetaucht: Selbstporträt von Otto Dix. Fotos: DPA