Die europäische Lebenswelt

19.12.2013 • 18:58 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Zu sehen sind etwa ein Manuskript von Zweig und Toraschmuck. FOTO: JMH
Zu sehen sind etwa ein Manuskript von Zweig und Toraschmuck. FOTO: JMH

Jüdisches Museum widmet sich hundert Jahre nach Beginn des ­Ersten Weltkriegs Habs­burgern und Juden.

Christa Dietrich

hohenems. (VN-cd) 1905 machte Henriette Brunner, die 1833 als Henriette Marx in Bozen geborene Witwe des Hohenemser Kaufmanns Marco Brunner, dem Jüdischen Museum in Wien mehrere kostbare Textilien zum Geschenk. Darunter befand sich ein prachtvoll geschmückter Parochet. 1938 wurde er konfisziert und befand sich ab 1939 im Völkerkundemuseum, bevor er um 1950 an die Israelitische Kultusgemeinde restituiert wurde. Ein Teil der Schenkung Brunner ist bis heute verloren. Zu sehen sein werden Stücke aus dem Besitz von Henriette Brunner in der großen Ausstellung, mit dem das Jüdische Museum Hohenems ab März 2014 auf den Beginn des Ersten Weltkrieges Bezug nimmt.

Man wolle, so Direktor Hanno Loewy, daran erinnern, dass damals schon eine quasi europäische Lebenswelt bestanden hat. Juden, die innerhalb und außerhalb der Habsburger Monarchie lebten, besaßen bereits eine europäische Utopie. Sie bemühten sich, ihren eigenen Nationen gegenüber loyal zu sein – viele waren auch Anhänger der Monarchie –, ihre Lebenswelt existierte aber bereits quer zu den Nationen, sie beherrschten viele Sprachen und waren in vielen Kulturen zu Hause.

Originalmanuskript von Zweig

Es handelt sich um Menschen, die, wie Loewy betont, am wachsenden bornierten Nationalismus litten und nach der Gemeinsamkeit über Grenzen hinaus suchten. Felicitas Heimann-Jelinek und Michaela Feurstein-Prasser sind die Kuratorinnen. Unter den Exponaten befinden sich beispielsweise das Originalmanuskript von „Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers“ des ins Exil getriebenen Schriftstellers Stefan Zweig (1881–1942) oder der Brief eines Prager Juden und Abenteurers, der 1706 in London Lord Churchill angeboten hatte, gegen die Franzosen zu spionieren. Der Toraschmuck aus Zürcher und Wiener Privatsammlungen oder aus den Jüdischen Museen in Wien und Prag erzählt ebenso von Wanderungen quer durch Europa wie ein Vertrag des Herzogs von Württemberg mit dem „jüdischen Regirer“ Josef von Rosheim, der auf den Augsburger Reichstag als Vertreter der Europäischen Juden eingeladen wurde. Die Ausstellung zeigt eine dem Papst gewidmete frühneuzeitliche Wiener Abschrift der Entdeckungen von Levi Ben Gershom, eines Talmud-Gelehrten und Mathematikers, der Anfang des 14. Jahrhunderts auf der Suche nach Gott den Himmel beobachtete und dabei die Camera Obscura und den Jakobsstab erfand.

Zu begegnen ist auch einem „Vaterunser auf Inuit“, angefertigt in Grönland durch Rudolf Trebitsch, einen Wiener Arzt und Ethnografen, mit dessen Geld das Volkskundemuseum eingerichtet wurde und der sich aus Verzweiflung über den Ersten Weltkrieg das Leben nahm.

Ein weiteres Beispiel ist Susanna Levi, die in die Bozener Kaufmannsfamilie Henle eingeheiratet hatte und mit ihrer Familie in Hohenems und Augsburg in regem Kontakt blieb. Viele der Briefe, die zwischen den Angehörigen der Familie ausgetauscht wurden, sind in einem Hohen­emser Dachboden gefunden worden und erzählen von den Sorgen einer zwischen Augsburg und Hohen­ems, Bozen und Triest, Prag und Wien, später auch Paris, St. Gallen und Mannheim verstreut lebenden Familie.

Die Idee Europa wurde seit der frühen Neuzeit durch die Realität und Lebenswelt der Juden in Europa vorweg­genommen, halten die Ausstellungsmacherinnen fest. Aufgrund der spezifischen und unterschiedlichen Rechtssituationen war ihre Existenz von einem europäischen Netzwerk abhängig. Zur Ausstellung erscheint ein umfangreiches Katalogbuch.

Wir erinnern an Juden, die am bornierten Nationalismus litten und nach Gemeinsamkeiten suchten.

Hanno Loewy, Direktor
Zu sehen sind etwa ein Manuskript von Zweig und Toraschmuck.
Zu sehen sind etwa ein Manuskript von Zweig und Toraschmuck.
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