Noch aktueller als erwartet

Kultur / 28.01.2014 • 22:58 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Der Film „Akte Grüninger“ läuft ab 31. Jänner regulär in den österreichischen Kinos.  Foto: Filmladen
Der Film „Akte Grüninger“ läuft ab 31. Jänner regulär in den österreichischen Kinos. Foto: Filmladen

Die Österreich-Premiere von „Akte Grüninger“ fand gestern Abend in Hohenems statt.

Christa Dietrich

Spielfilm. „Es ist ein Film über Paul Grüninger, aber gleichzeitig geht es um eine ganze Region, in der geholfen wurde“, erklärt Regisseur Alain Gsponer im Gespräch mit den VN. „Für mich war es auch interessant darzustellen, wie sozusagen ein Bundes-Bern gegen eine Region vorgegangen ist.“ Die Region, von der Gsponer spricht, ist der Kanton St. Gallen und die Gegend um Diepoldsau. Bevor die Grenze zur Schweiz komplett dicht gemacht wurde, sorgten die Nationalsozialisten dafür, dass flüchtende Juden ihr Hab und Gut in Österreich bzw. im Deutschen Reich ließen, ab dem Herbst 1938 war die Flucht vor der Vernichtung nur noch mit einem Visum – und später so gut wie gar nicht mehr möglich. Wie sich der St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger (1891–1972) gegen die Weisung aus Bern stellte, ist bekannt. Alain Gsponer stützt sich auf historische Quellen zu den rettenden Urkundenfälschungen, darunter auf das Buch „Grüningers Fall“, dessen Autor Stefan Keller auch als Berater für das Film-Team fungierte.

Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums Hohenems, attestiert dem Film, wie berichtet (VN vom 25. Jänner) in den maßgeblichen Punkten historische Genauigkeit. Dass zur dramaturgischen Ankurbelung ein Polizeiinspektor frei erfunden wurde, der die Unregelmäßigkeiten an der Grenze untersucht, erweist sich als legitim. Dieser Robert Frei (in seiner Wandlung klischeefrei gespielt von Max Simonischek) übernimmt sozusagen die Hauptrolle und sorgt – quasi als guter Regietrick – dafür, dass den historischen Figuren keine Emotionen aufgebürdet werden, mit denen der Film an Authentizität verlieren könnte. Abgesehen von verzichtbaren Einspielungen von Archivmaterial mit jubelnden Nazis, bleibt der Spielfilm sehr nahe an einem ruhigen Dokumentar-Ton, das heißt, er vermeidet nicht nur die einfache Kategorisierung in Gut und Böse, sondern verzichtet auch darauf, die Beweggründe zur Fluchthilfe, zum Wegschauen oder gar zur Täterschaft zu banalisieren.

Gut ausgefeilter Kernkonflikt

Damit lenkt er den Blick auf einen Kernkonflikt, der im Grunde wenig Material für einen spannenden Spielfilm bietet und dennoch – eine große Leistung der Regie und der Hauptdarsteller – stets das Interesse weckt. Stefan Kurt (Paul Grüninger), Helmut Förnbacher (Regierungsrat Valentin Keel) und Robert Hunger-Bühler (Fremdenpolizei-Chef Heinrich Rothmund) machen glaubhaft, welche politischen Interessen dazu führten, dass humane Fragen hintangestellt wurden.

Und damit berührt, wie Alain Gsponer betont, der Film auch aktuelle Themen. Die Frage, welchen Menschen warum Asyl gewährt werden kann, hat uns immer noch zu beschäftigen. Paul Grüninger hat zum Wohle Tausender sich selbst geschadet, andere haben spezielle Interessen verfolgt, obwohl sie Opfer forderten, wiederum andere haben dem – im Film ausgesprochenen – damaligen Grundsatz „Wer nicht wegschauen kann, ist eine Fehlbesetzung“ entsprochen. 

Anatole Taubmann und Patrick Rapold verkörpern den Vorsteher der Israelitischen Gemeinde, Sidney Dreifuss, und den Generalkonsul in Bregenz, Ernst Prodolliet, so, dass man sich mit den Biografien dieser beiden Menschenfreunde gerne weiter befasst.

Wieso kommt der Film ausgerechnet jetzt? Weil die Frage, wie man selbst handeln würde, immer noch Relevanz hat, bemerkt Gsponer. Als Antwort würde er sich wünschen, dass die Menschen bereit sind, ein gewisses Risiko auf sich zu nehmen, um zu helfen.

Den etwas melodramatischen Schluss einmal ausgenommen, hat er viel dafür getan.

In der Debatte um die Flüchtlingspolitik stellt sich auch heute die Frage, wie man selbst handelt.

Alain Gsponer

Die Akte Grüninger

» Regie: Alain Gsponer

» Land: AUT/CH

» Drehbuch: Bernd Lange

» Produktionsfirma: C-Films AG und makido film

» Hauptdarsteller: Stefan Kurt, Max Simonischek, Anatole Taubman, Helmut Förnbacher

» Offizieller Filmstart ist am 31. Jänner