Pi oder Das darf doch nicht wahr sein

Kultur / 21.02.2014 • 18:18 Uhr / 13 Minuten Lesezeit
Yann Martel lese man in der illustrierten Originalausgabe „Life of Pi“, empfiehlt Markus Gasser.  Foto aus der Verfilmung: AP
Yann Martel lese man in der illustrierten Originalausgabe „Life of Pi“, empfiehlt Markus Gasser. Foto aus der Verfilmung: AP

Es war vorhersehbar, denn es lag in seiner Natur: Auch als er Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Bombay an seinem zweiten Roman scheiterte, der im Portugal von 1939 spielen sollte, gab er sich nicht geschlagen, weil diese Niederlage dem Tod gleichgekommen wäre und dem Nichts, dem Sieg der Sinnlosigkeit und Banalität. Hochdramatisch vernichten manch andere Schriftsteller die Fragmente ihres Werks, zerreißen sie wutentbrannt vor aller Augen oder verbrennen sie weihevoll wie Inquisitoren ihre Hexen im Mittelalter; der Kanadier Yann Martel sandte seine Notizen statt dessen an eine erdachte Adresse in Sibirien, als Absender gab er eine gleichfalls erfundene Anschrift in Bolivien an, und das Manuskript, ein weiteres Wrackgut seines Ungenügens, war verloren − und doch noch da, irgendwo zwischen den Meeren und Kontinenten unterwegs. „Und jetzt, Tolstoi?“ fragte sich Martel, fröhlich und bitter, der sich soeben bewiesen hatte, daß er kein Tolstoi war.

Das schönste Gebet an Allah sei die Arbeit, so du sie anständig zu Ende bringst, hatte er Sufis, muslimische Weise, sagen hören, und zunächst blieb Yann Martel nichts als eine weiße Leere im Herzen wie eine Leinwand, die darum bettelte, bemalt zu werden, und schmerzender geistiger Hunger, der ihn von Bombay nach Südindien trieb. Für sechs Monate genug Geld in der Tasche und befallen von innerer Atemlosigkeit, durchforschte er Hindutempel, Synagogen, Moscheen und ließ sich in unzähligen Zoos darüber belehren, daß diese umzäunten Gärten für Tiere keine Gefängnisse, sondern − fernab jeder Bedrohung seitens natürlicher Feinde − Hotels mit bester Verpflegung und so vertrackt angelegt wie Krankenhäuser sind. „Würden Sie nicht auch lieber im Ritz leben wollen, Zimmerservice und medizinische Versorgung kostenlos?“ Dennoch waren Martels indienlichte Tage oft derart nachtschwarz, daß er zu wissen glaubte, wie einem Blinden zumute sein muß: Noch immer schuldete er seinen Lesern einen Roman, der ihrem Leben einen Sinn geben könnte − und diesen Sinn zu finden erinnerte ihn wieder an einen Blinden, der erstmals die Brailleschrift zu ertasten versucht. Es war, ein bißchen, zum Verzweifeln.

Schriftsteller wie Martel sind merkwürdige Leute: Selbst wenn sie rücklings am Strand in der Sonne schmurgeln, schuften sie sich durch ihre Gedankendünen, so wie sich eine Karawane durch Wüsten schleppt. Sehen sie ein paar Gotteshäuser zuviel und einen bengalischen Königstiger hinter Gittern hin- und herwandern, muß ihnen nur noch ein rüstiger alter Herr mit strahlenden Augen und schlohweißem Haar in einem „Indian Coffee House“ über den Weg laufen, der als Romanfigur taugt − und schon ist eine Oase in Sicht. Ihr Phantasiekreislauf gerät in Schwung; eine wirkliche Geschichte nimmt Gestalt an, eine „story“ mit großem „S“, die „Story“ schlechthin, „Life of Pi“, die einen fast körperlich berührt wie die zitternde, feuchte Hitze Bombays, wie das Getümmel seiner Slums mit der Literaturgottheit Ganesha in jeder Ecke und die schwere Nähe des Meeres. Einfälle loderten in Martel auf „wie Freudenfeuer „, und so glückte ihm ein bezaubernder Roman über die Einbildungskraft und das Wesen der Literatur.

Mit einem echten Helden noch dazu, der allein dank seiner religiös genährten Phantasie eine schäbige, barbarische Odyssee übersteht. In „Life of Pi“ von 2001, dem „Schiffbruch mit Tiger“, erzählt uns der geborene Hindu Piscine „Pi“ Patel aus seinem Exil in Toronto, wie er aufwuchs im Zoo seines Vaters und jeden Morgen auf dem Weg zur Schule den senilen Gesichtsausdruck eines Kamels bestaunte und den blitzäugigen Blick eines Otters, um nachmittags dann die Eleganz zu bewundern, mit der ein Löwe sein Haupt erhob und ein Seehund ins Wasser glitt. Patel hört die Tiere Englisch sprechen, Banküberfälle planen und bei seinem Vater, dem Zoodirektor, geziert Beschwerde darüber führen, wie schlecht temperiert der Tee in seinem Etablissement stets serviert werde. Dabei vergißt er nie, daß diese Vermenschlichung der Fauna lediglich seiner Phantasie entspringt wie die Oberwelt der Hindus, Christen, Moslems und die ins Unendliche ragende Zahl π, nach der Piscine sich benennt, damit er seinen von den Schulkameraden zugeteilten Spitznamen „Pisser“ nicht länger ertragen muß. „So fand ich in jenem griechischen Buchstaben, der aussieht wie ein Schuppen mit einem Wellblechdach drauf, in jener rätselhaften, irrationalen Zahl, mit der die Wissenschaftler das Universum begreifen wollen, meine Zuflucht.“ Und nicht nur darin: Über das allumfassend religiöse Weltgefühl ihres sechzehnjährigen Sprößlings können sich seine Eltern nur wundern, bald ärgern, „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“, ist er gottesgestört? Und als Pi Patel sich taufen lassen und zugleich zu Allah beten will, geraten die zuständigen drei Theologen mit missionarisch steinerner Feindseligkeit aneinander: der Pandit der Hindus, der Priester des Christentums, der Imam des Islam.

Hindus und Christen seien Götzendiener, so der Imam, die Moslems einem „jämmerlichen Kaufmann mit Sonnenstich „namens Mohammed auf den Leim gegangen, so der Priester, die Christen „Schweinefleischfresser und Kannibalen“, so der Pandit. Pi müsse sich jetzt entscheiden − darin stimmen gottesstreng alle überein −, ob er sich zu einer „echten Religion“ bekennen oder „bloßen Ammenmärchen“ aufsitzen wolle. Wie sie doch über ihren strafgerichtlichen Vorurteilen ihre Konfessionen verschlissen haben, denkt Pi bei sich: Man könne nicht alles auf einmal sein? Pi kann. Hatte nicht Mahatma Gandhi verkündet, ein Baum treibe viele Äste und Blätter hervor, so wie die eine wahre Religion durch den Geist des Menschen hindurch viele Religionen geschaffen habe, die dem Stamm verhaftet blieben?

Je unglaublicher eine Geschichte um Ganesha, Christus, Mohammed sich ausnimmt, desto reizvoller wird sie für Pi. Und wenn er an seinen geliebten Biologielehrer Satish Kumar denkt, dem nach einer Polioerkrankung der Glaube verlorenging, dann sind auch die Atheisten seine „Brüder und Schwestern“, da sie Gottes Existenz leugnen, statt an ihr nur lau zu zweifeln: „Die Skepsis zur Lebensphilosophie zu erheben ist, als wählte man den Stillstand zum Transportmittel.“ Dann gäbe es auch jenen medizinischen Fortschritt nicht, der Kumar einst gerettet hat.

Das Dasein hält für die meisten ein Ereignis bereit, das unsere Lebensgeschichte in ein Davor und Danach zerteilt: Mit dem japanischen Frachter „Tsimtsum“ Richtung Kanada versinkt im Sommer 1977 auch die Familie Patel in den Untiefen des Pazifiks, und nur Pi kann sich, zusammen mit einer Hyäne, einem schwerverletzten Zebra, einem Orang- Utan und einem seekranken, auf „Richard Parker“ getauften bengalischen Königstiger auf ein Boot retten, um zweihundertsiebenundzwanzig Tage im Ozean dahinzutreiben. Die Hyäne tötet und frißt das Zebra und danach den Orang-Utan; der erst nach Tagen von seiner brachialen Übelkeit genesene Tiger Richard Parker erledigt endlich die Hyäne, um vom Zoodirektorssohn Pi dressiert zu werden und an der Küste Mexikos für immer zu verschwinden. Diesen einmaligen Fall in den Annalen der Schiffbrüche hat Pi zwei Angestellten des japanischen Verkehrsministeriums zu Protokoll gegeben, die ihm seine Geschichte freilich nicht glauben wollen. „Der hält uns wohl für bescheuert“ − und so erzählt er ihnen danach auch die Wahrheit: Auf seiner Kleinarche hatte der Koch des Frachters (die Hyäne) einen verletzten Matrosen (das Zebra) ermordet und gegessen und dann Pis Mutter (den Orang-Utan) − und wie erging es Pi mit dem Königstiger Richard Parker?

„Ich brüllte vor Furcht.“ Richard Parker war Pi selbst, war seine Angst, die er in sich bannen mußte, sein Überlebenszorn und der Charakterzug, nicht aufgeben zu können und bis zum Letzten zu kämpfen, und das Vermögen, Menschen in Tiere umzuphantasieren, auf daß er ihre und seine eigene Grausamkeit ertragen konnte. Pi beschönigt nichts: In der Tat verhielt sich der Koch wie eine fiebrig fleischgierige Hyäne, als er den Zebramatrosen verspeiste, die über den Kannibalismus des Kochs empörte Orang-Utan-Mutter erstach, ihr den Kopf abschnitt und ihn Pi zuwarf, um ihr Blut zu trinken wie Wasser; und Pi war gleich einem Tiger, als er den Hyänenkoch zerfleischte und sich an dessen Herz und Leber gütlich tat. Ohne seine Einbildungskraft, die ihn drei Weltreligionen für gleich phantasieklug halten ließ, hätte Pi in diesem Gemetzel schlicht den Verstand verloren.

Welche der zwei Geschichten ist wahrscheinlicher, die mit den Tieren oder die ohne sie? Was heißt es, „ein Mensch“ zu sein? Über die industrielle Massenvernichtung der Juden hinaus steht mit unseren monströsen Verbrechen für Yann Martel und seinen Helden Pi Patel nicht mehr die Rechtfertigung irgendeines „Gottes“, sondern die des Menschen vor dem Menschen auf dem Spiel. Von Pi befragt, welche der beiden Versionen seiner Geschichte sie bevorzugten, wählen die Angestellten des japanischen Verkehrsministeriums im Schrecken darüber, wozu sie selber fähig wären, die erste, „die mit den Tieren“ − zumal diese Version das schöne, pathetisch würdevolle Selbstbildnis bewahrt, das die Menschheit von sich selbst verfertigt hat: Der Hang zum Guten sei ihr angeboren, naturgegeben ihr Sinn für die Prinzipien der Moral. Die Angestellten hielten demnach die Tigergeschichte für wünschenswert? Gut. „Und genau so“, erwidert Pi, „ist es mit Gott.“ Es sei besser zu glauben, es existiere eine Allmacht, der man vertrauen kann und die uns unsere mörderischen Instinkte zu bändigen hilft, so wie es besser sei, zu glauben, man hätte auf See in Gesellschaft eines Königstigers überlebt, als all die Greuel erduldet zu haben, die einen zum Raubtier machten. Für Martel wie Patel stellt sich die Frage nicht, wo in unserer abgründigen Leidensgeschichte der allwissende, gütige Gott geblieben sei: Wo, wollen sie wissen, war der Mensch?

Der Mensch will in den Zoos mit den lieben Tierchen doch nur spielen und greift sie daher gerne mit Spazierstöcken und Regenschirmen an, bewirft Otter, Tiger und Löwe mit eigens mitgebrachten Steinen, weil sie sich gefälligst außer Wasser und in voller Größe zeigen sollen, und füttert angebliche Allesfresser mit Bierglassplittern − dereinst hatte Pis Vater an eine Wand die Frage malen lassen: „Welches ist das gefährlichste Tier im Zoo?“ Ein Pfeil wies dann auf einen kleinen Vorhang, viele neugierige Besucherhände schoben gespannt den Vorhang beiseite . . . und dahinter verbarg sich ein Spiegel: Schwer ist ein Leser vorstellbar, der nach der Lektüre dieses Romans „uns unersättliche Raubtiere“ nicht in einen Zoo wegsperren möchte, den ein bengalischer

Königstiger bewacht.

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Zur Person

Markus Gasser

Geboren. 1967 in Bregenz

Ausbildung: Studium der Germanistik und Anglistik in Innsbruck, wo er heute als Privatdozent lehrt

Wohnort: lebt als Essayist in Zürich

Publikation: In „Das Buch der Bücher für die Insel“ hat er eine Bibliothek zusammengestellt. Anfängern hilft er, sich in der Weltliteratur zu orientieren, erfahrenen Lesern gibt er Empfehlungen, die auch manchen Kenner überraschen.

Markus Gasser: „Das Buch der Bücher für die Insel“, 384 Seiten. Erscheinungstermin: 24. Februar 2014, Verlag Carl Hanser, München