Das überlegene Lächeln des Teppichbesitzers

Kultur / 07.03.2014 • 18:06 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

Fliegen oder Nichtfliegen? Hat sich diese Frage nicht jede von uns schon gestellt? Bin ich mit dem Zug schneller oder, wenn man Anfahrt, Check-in, Handgepäckkontrolle und Boardingtime rechnet, doch mit dem Flugzeug? Soll ich meiner Flugangst nachgeben oder mir genügend Mut antrinken und den Flug wagen? Sollte ich nicht besser mit Bahn und Bus reisen, um dem positiven Ökologiegedanken Rechnung zu tragen, oder doch das Flugzeug nehmen, weil es eh wurscht ist und die Wirtschaftskonzerne mit ihrer Gier nach Wachstum und Profit sowieso alles auf der Welt kaputt machen?

Na ja, wenn alles gut geht, gut. Stürzt das Flugzeug aber ab, dann war es wohl definitiv die falsche Entscheidung, zumindest aber eine, worüber ich mir vorher Gedanken gemacht habe. Fakt bleibt, es war die falsche Entscheidung, die nicht mehr rückgängig zu machen ist. Das ist nicht so wie bei einem Vertrag, den man jederzeit auflösen kann: Tot ist tot. Da fährt der Zug drüber.

Kommt davon, wenn man hoch hinaus will, sagen ein paar Nichtgönner, die es ja schon immer gewusst haben. Wer auf dem Teppich bleibt, fällt auch nicht herunter. Und da ist sie, die Warnung: Kein fliegender Teppich! Auf dem Teppich und der ganz fest am Boden. Und – Sie haben es sicher schon gedacht – genau das ist es, worauf die anderen setzen, worauf immer noch gesetzt wird: Man soll auf dem Teppich bleiben. Man, d.h. Frau soll auf dem Teppich bleiben.

In ihrem neuen Song „Flawless“ hat es Beyoncé kürzlich auf den Punkt gebracht, wenn sie die Feministin und Autorin Chimamanda Ngozi Adichie zitiert: „We teach girls to shrink themselves, to make themselves smaller / We say to girls – you can have ambition, but not too much / You should aim to be successful but not too successful otherwise you will threaten the man / Because I am female I am expected to aspire to marriage“. Beyoncé‘ bzw. Adichies Satz hat bei uns keine Gültigkeit mehr, gilt für in Sachen Emanzipation Entwicklungsbedürftige, war mein erster Gedanke.

Dass Männer einen langsameren Entwicklungsprozess durchlaufen, dürfte allgemein bekannt sein. Seit Beginn der Aufklärung waren annähernd zweihundert Jahre nötig, damit Emanzipationsbestrebungen auch in deren Gehirnen eine kleine Denkstrukturveränderung

bewirkt haben. Wir freuen uns auf Fortsetzung.

Fakt ist, dass Männer und Frauen hormontechnisch und somit gehirnfunktional  unterschiedlich gepolt sind. Sollte dies jemandem neu sein, gibt es dazu eine große Anzahl an Fachlektüre. Beispielgebend verweise ich auf das Buch „Why Gender Matters“ des Arztes Leonard Sax oder die Veröffentlichung des Gurian-Institutes: „Wer nicht weiß, wie das Gehirn arbeitet und wie unterschiedlich männliche und weibliche Gehirne lernen, der bleibt hinter dem, was Lehrer und Eltern leisten sollten, weit zurück.“ Oder für die visuellen Typen: Betrachten Sie Gehirnscans und Sie werden die Unterschiede feststellen. Fakt ist zudem, dass Frauen eine vermittelnde Position innehaben. Das Wie und Warum dieser der Frau zugeschriebenen vermittelnden Rolle kann ebenfalls nachgelesen werden. Bleibt die ernüchternde Feststellung, dass Frau gerade durch ihre vermittelnde Tätigkeit, die in Manager­etagen eine ausgesprochene Kompetenzleistung darstellt, dass Frau also für ebensolche Kompetenzleistung in eine untergeordnete Rolle degradiert wird. Denken Sie dabei an die vielen familiären Zwistigkeiten, die Frau zu schlichten hat und an den sorgsamen Umgang zwischen Mitarbeiterinnen, Kollegenschaft und Kundschaft. Das wäre nun weiter nicht so schlimm, hätte man, ich meine Frau, nicht auch noch andere Ideen, Wünsche, Vorstellungen: Selbst soll man nämlich am Teppich bleiben, sich nur nicht zu weit über den Tellerrand, ich meinte, über die Teppichfransen beugen. Die Vermittlerinnenrolle wirkt sich für die persönliche Weiterentwicklung fatal aus, ist gegen Frau selbst gerichtet, eine Art verordnete Selbstzerstörung: Bleib zufrieden und genieß das dir Zustehende. Das Mehr, das das Fliegen ist, das Überfliegen und Drüberfliegen, das steht dem anderen zu, dem Teppichbesitzer sozusagen. So ist das gemeint. So ist es auch gemeint, wenn der Boss eines gewissen Liechtensteiner Unternehmens bei Teilzeitwünschen verkündet, die Firma sei kein Wunschkonzert oder ein gewisser Chef eines gewissen österreichischen Literaturhauses schreibt, meine dringliche Anfrage widerspräche „letztlich auch dem Gebot der Höflichkeit“. Frau tut nicht drängeln, tut nicht insistieren. Keine bohrenden Fragen, kein lästiges Nachhaken. Das mag Mann nicht. Und wenn, dann mit unterwürfiger Kleinmädchenstimme und Kuhaugenaufschlag. Kein auf den Tisch klopfen, verstanden? Emanzipation gut und recht und keine weitere Diskussion über die Entscheidung. Bleiben Sie auf dem Teppich, steht in seinem Gesicht geschrieben.

Eine andere Art, die Fäden nicht aus der Hand gleiten zu lassen, sind die oft nur subtilen Untergriffe, kaum beweisbare Unterdrückungen, die Unterschlagung von Fähigkeiten, dann zum Beispiel, wenn Fähigkeiten oder Leistungen einer Frau nicht gesehen, absichtlich übersehen werden. Kein Weiterkommen, keine Mehrbezahlung. Man steckt am Weg nach oben fest. Wir wissen um Ihre Fähigkeiten und werden bei Bedarf auf Sie zukommen, heißt es dann bei der gewünschten Gehaltserhöhung, bei der Jobsuche, ein freundliches Abwimmeln, dem nichts folgt. Wenn wir unsere ehrenamtlichen Helferinnen in unserer Gemeinde nicht hätten, sagt ein Politiker. Wie wäre es, ein wenig vom eigenen Gehalt abzugeben und stattdessen diesen Ehrenamtlichen ein kleines Einkommen zu ermöglichen? Auf dem Teppich fliegen darf nur, wer den Teppich besitzt. Den anderen wird er unter den Füßen weggezogen. Es hilft nur eins: Ruhe bewahren. Einer wird’s schon richten, aber wer bloß? Zumindest ein anderer wird sich’s richten.

Im Sinne des Gebotes der Höflichkeit werde ich warten und beten. Vielleicht tut der Gebetsteppich seine Wirkung. Vielleicht wird dann der, der das Gebet erhört, mal dem einen oder anderen den Teppich wegziehen. Vielleicht bekommt jetzt der eine oder andere ein wenig Angst vor Ausrutschern, Angst vor dem Fliegen, vorm Hinfliegen oder vorm Rausfliegen. Wie war die Frage: Flugangst oder Teppich? Oder soll ich die Lösung für anhaltende Ungleichbehandlung der Geschlechter doch in der Computertomographie suchen?

Zur Person

Erika Kronabitter

Geboren: 1959 in Hartberg

Ausbildung: Studium der vergleichenden Literaturwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte

Tätigkeit: Arbeiten in den Bereichen Literatur, Video, bildende Kunst und Kunstvermittlung

Publikationen: u. a. „Viktor“, „Decodierung der Dekaden“, Roman „Nora. X“