Kleine Bettrevolutionen und andere Bildgeschichten

Kultur / 09.03.2014 • 21:32 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
 „Ein gutes Bild soll Berge und Täler haben“, sagt der Künstler Christian Geismayr. Foto: A. Grabher  
 „Ein gutes Bild soll Berge und Täler haben“, sagt der Künstler Christian Geismayr. Foto: A. Grabher  

Die Galerie Sechzig zeigt neue Arbeiten von Christian Geismayr.

FELDKIRCH. (VN-ag) Mit der „sakralen“ Aura des Tafelbildes hat Christian Geismayr seit eh und je seine liebe Mühe. Aber geradezu destruktiv geht er in seinen jüngsten Arbeiten zu Werk, um daraus freilich etwas Neues zu schaffen, wie die Ausstellung des Dornbirner Künstlers in der Galerie Sechzig belegt.

Kein Nachmalen

Mit Christian Geismayr stellt Gerold Hirn in seinem fünfundzwanzigsten Jahr als Galerist eine spannende Position und einen Künstler aus, der zuletzt 2008 in einer Galerie im Land vertreten war. Bereits damals waren Bildzerschneidungen ein probates Mittel, um gehörig an den Grundfesten des Mediums zu rütteln. Zugleich bekennt sich Geismayr zur Malerei, indem er ihre Stärken auslotet und sie nicht nur als Derivat der Fotografie begreift. „Ein gutes Bild soll Berge und Täler haben“, sagt der Künstler. Farbe, Schellack, Wachs und Harz reichen ihm indes für das Abbilden dieser Landschaft aus Textur in seinen aktuellen Arbeiten nicht mehr aus. Geismayr geht einen Schritt weiter und zerstückelt in einem Akt der Befreiung frühere Bilder. Aus Schichten dieser Bildschnipsel rekonstruiert der Künstler alte Schwarz-Weiß-Fotografien, die er auf Flohmärkten findet. Mit dem Nachbilden – „das Nachmalen interessiert mich nicht“, so Geismayr – betreibt er eine Art Archivarbeit. Gegen das geradezu mantrische Nachvorneschauen, das die Gesellschaft propagiert, verliert sich der Maler in seinem persönlichen Fundus aus Erinnerungen, Erlebtem und Vergangenem. Auf den Spuren der Magie, die die fotografische Vorlage ausstrahlt, übersetzt Geismayr das Bild reliefartig in die Sprache der Malerei und einen unebenen, materialschweren Bildaufbau.

Malerisch, erzählerisch

Dabei gesellen sich auch Streifen von roher Leinwand, unprätentiös aufcollagierte Zeichnungen, abgeschabtes Kunstharz, das als verkrustete Farbhaut in Fetzen von der Leinwand hängt, Sprühkleber, der die Farbe unter ihm vergilben lässt, gut sichtbare Leimfäden und Klammern zu Schnipseln und Farbe. Während ein Schneiderrädchen seine stichartigen Spuren zieht, knüpft Geismayr mit Stücken von Abdeckkarton als veredeltem Ateliermüll an die Philosophie der Arte Povera an. Neben den rekonstruierten Porträts eines jungen Mädchens, eines Wehrmachtsoldaten aus den 1940ern und des Schriftstellers Robert Walser stellt „Kleine Bettrevolutionen“, eine der jüngsten Arbeiten, das Hauptwerk der Schau dar. Mit einem Interieur aus Stuhl, Bett und Kommode und den drei gezeichneten Revolutionären, die über das Bett im Bild marschieren und dabei ihre leeren, weißen Schilder hochhalten, verschmelzen gleich zwei Geschichten, Zeiten und Räume in einem Gemälde. Damit erweitert Geismayr die Malerei, die bei ihm ein zutiefst sinnliches Unterfangen bleibt, in den neuen Werken um die Dimension des Erzählerischen. Ergänzt wird die Schau durch einen Rückblick auf stärker von der Linie und der Zeichnung geprägte Arbeiten auf Papier aus den späten 1990ern.

Zur Person

Christian Geismayr

Maler und Grafiker

Geboren: 1967 in Dornbirn

Ausbildung: Universität für angewandte Kunst, Wien, sowie Studium der Philosophie mit Studienaufenthalten in Paris und in den USA

Laufbahn: zahlreiche Ausstellungen und Beteiligungen in Österreich, Italien, Tschechien und USA

Auszeichnungen: u. a. Hubert-Berchtold-Kunstpreis

Wohnort: Dornbirn

Die Ausstellung ist in der Galerie Sechzig, Ardetzenbergstraße 60, in Feldkirch, bis 30. März geöffnet,
Mi und Fr, 14 bis 18 Uhr.