Sprache verletzt, sie ist die erste Waffe

Kultur / 28.03.2014 • 18:37 Uhr / 11 Minuten Lesezeit
Gastarbeiter beim Bau der Arlbergbahn Ende des 19. Jahrhunderts.  Foto: Klostertalmuseum
Gastarbeiter beim Bau der Arlbergbahn Ende des 19. Jahrhunderts. Foto: Klostertalmuseum

Vertritt jemand die Auffassung, die Intervalle einer Ampel seien zu kurz, so wird uns das relativ egal sein. Vertritt jemand die Auffassung, alle Ausländer seien des Landes zu verweisen, so wiegt das viel schwerer. Dementsprechend wird uns diese Auffassung stärker und länger beschäftigen. Und so wird die Summe der Auffassungen, die wir vertreten, zur Weltanschauung, geprägt durch Erziehung und auch jene Gemeinschaft, der wir entspringen. Damit entwickelt jeder Mensch eine individuelle Sicht auf die Welt.

Diese Sicht auf die Welt ist eine ganz konkrete. Als der aus Nigeria stammende Theologiestudent Emeka Emeakaroha das erste Mal nach Österreich kam, da besaß er nicht mehr als einen kleinen, selbst angeeigneten Wortschatz Deutsch, einen Zettel mit einer Adresse, ein wenig Geld sowie ein Handy. Begleitet von einem weiteren Theologiestudenten aus seiner Heimat landete er in Wien. Die beiden folgten der Routenbeschreibung des Gastgebers und suchten den Weg in die U-Bahn. Dort angekommen, endete vorerst ihre Reise. Später erzählte der Theologe – inzwischen Priester –, er habe gedacht, er sei in einem durch und durch rassistischen Land angekommen. Stunden verbrachten die beiden auf dem Bahnsteig der U-Bahn, verzweifelt beobachteten sie Garnitur um Garnitur, die Halt machte vor ihrer Nase, betrachteten die Menschen beim Ein- und Aussteigen, bemerkten den einen oder anderen skeptischen Blick, rührten sich jedoch nicht vom Fleck. Bis endlich das Handy klingelte und der Gastgeber fragte, wo sie denn so lange blieben, er mache sich Sorgen. Da erklärte Emeka Emeakaroha dem Mann, eine Weiterreise sei unmöglich, da die U-Bahn nicht vorsehe, sie beide mitzunehmen, prange doch groß ein Schild an der Wand: Schwarzfahren verboten.

Wie sehr muss das Wort Rassismus das Leben dieses Menschen geprägt haben.

Jeder Mensch, das zeigt die Fehldeutung des Schildes, möchte sich mitteilen und bestenfalls mittels Sprache Anerkennung erhalten. […] Gelungene Kommunikation geschieht dort, wo die Voraussetzungen dafür gegeben sind. Hörer wie Sprecher, Schreiber wie Leser müssen die jeweilige Kodierung kennen und dementsprechend entschlüsseln können. Äußerungen werden oft missverständlich aufgefasst – sei es, weil eine Fachsprache angewandt, oder weil das Verständnis für das Gegenüber grundsätzlich fehlt. Diesen Umstand mit der lapidaren Bemerkung man versteht sich oder man versteht sich nicht abzutun, das wäre zu einfach, denn die Realität im alltäglichen Zusammentreffen verschiedener Kulturen zeigt, dass das Scheitern des gegenseitigen Verstehens vielfach daran liegt, dass Sprecher wie Hörer sich auf ganz verschiedene Erfahrungen und Erlebnisse beziehen. Schließlich wiegen grundlegende Unterschiede in Lebensanschauung, Meinung und Überzeugung schwer. […] Zugleich sind die Welt und damit eine Vielzahl an Kulturen eng zusammengerückt. Moderne Medien ermöglichen den raschen globalen Informationsaustausch.

Zugleich steigt im Zusammenrücken das Bedürfnis nach Persönlichkeit, ebenso die Berufung auf ein verortetes Wir. Der Mensch sehnt sich im starken Verweis auf die Geschichte seines Volkes nach einer unaustauschbaren Identität, grenzt sich ab gegenüber dem Rest des Erdballs, um im Sumpf von Google, Facebook, Twitter, WhatsApp und Instagram ein unverwechselbares Gesicht zu bewahren. Hand in Hand mit dem Anwachsen der permanenten kosmopolitischen Wahrnehmung wächst die Intoleranz.

Ängste, scheint es, sitzen tief. Wovor aber hat der Mensch Angst? Welches sind die Vorbehalte, die bis hin zur Aggression gegenüber Migranten das gesamte Spektrum an Ablehnungshaltungen gebären? Warum wird ein Fußballspieler durch rassistische Sprechchöre von den eigenen Fans vom Rasen vertrieben? Weshalb wird im Jahresbericht der Grazer Einrichtung Helping Hands von einem signifikanten Anstieg des sogenannten Alltagsrassismus gesprochen? Warum wird ein Mensch mit den Worten Halt, du Neger! mit einem Kanister niedergestreckt? Weshalb werden Kurden vom Türsteher eines Nachtlokals mit den Worten Ihr passt nicht zum Publikum abgewiesen? Warum wird eine Österreicherin, die mit einem Afrikaner verheiratet ist, morgens in Begleitung ihres Sohnes als Negerfotze beschimpft?

Sprache verletzt. Sie ist die erste Waffe, die eingesetzt wird, um das Gegenüber zu demütigen, gefolgt von körperlichen Angriffen. Die Beispiele sind endlos fortsetzbar. Ein Tourist mit dunkler Hautfarbe wird aus einem vorbeifahrenden Auto von einem Wurfgeschoss getroffen, ein Mann wird an einer Kreuzung angespuckt, ein Taxifahrer wird von einem Kollegen als Scheiß Neger! bezeichnet, eine dunkelhäutige Frau wird in Begleitung ihrer Tochter vor einem Brautmodengeschäft mit den Worten Schleich dich, Negerin! angerempelt und mehrmals in den Bauch- und Hüftbereich getreten. Migranten erhalten schwer eine Wohnung, werden auf Behörden schlecht behandelt, sind an öffentlichen Orten der Gefahr der Beschimpfung ausgesetzt.

Würde muss zuerkannt werden. Jeder Angriff auf einen Menschen, gesetzt aus Gründen rassistischer Ablehnung, verstößt gegen Artikel 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte: Alle Menschen sind frei an Würde und Rechten geboren. Eine Gesellschaft, meint die Philosophin Susan Neiman, die nicht in der Lage sei, Kindern das Gefühl zu geben, das erwachsene Leben habe einen Sinn, der über die Anhäufung von Konsumgütern hinausgeht, werde scheitern. „Ja, es geht um die menschliche Würde“, schreibt sie. „Wir wollen die Welt bestimmen und nicht von ihr bestimmt werden.“ Mensch zu sein, das heiße, sich zu weigern, das Gegebene als gegeben hinzunehmen. Damit scheint beantwortet zu sein, was die Menschen in Ägypten, in der Türkei wollen, wenn sie unter Einsatz ihres Lebens auf die Straße gehen. Sie kämpfen um ihre Rechte. Denn, so schreiben viele Kommentatoren und Kolumnisten, es sei unwürdig, alles hinnehmen zu müssen. Würde, das ist der Anspruch des Menschen auf Anerkennung. […] Würde, das ist kein politisch einzufordernder Begriff, sie ist vielmehr die Wurzel des Kampfes um Anerkennung. Sofern also Regierungsverantwortliche diese missachten, bewegt es viele dazu, aktiv dafür einzutreten und sogar ihr Leben zu riskieren. Würde ist ein starkes Motiv, um dafür zu sterben.

Wer in der Bemühung um Anerkennung der Würde aktiv bleibt – oder umgekehrt: wer sich engagiert gegen die Entwürdigung, der wird sich auch Angriffen ausgesetzt sehen. Der amerikanische Philosoph Henry Thoreau hat dieses Engagement in seinem Essay On Civil Disobedience in Form von Fragen formuliert: „Darf der Bürger jemals für einen kurzen Augenblick oder zu einem winzigen Teil sein Gewissen an den Gesetzgeber abgeben? Wozu hätte denn dann jeder Mensch ein Gewissen? Ich finde, wir sollten erst Menschen sein, und danach Untertanen. Es scheint mir nicht wünschenswert, einen Respekt vor dem Gesetz in demselben Maße zu pflegen wie vor dem Recht. Die einzige Verpflichtung, die ich rechtmäßig eingehen darf, ist die, jederzeit das zu tun, was mir recht erscheint.“ Und der amerikanische Philosoph Robert Paul Wolff meint: „Das bestimmende Merkmal des Staates ist seine Autorität, sein Recht zu herrschen. Die erste Pflicht des Menschen besteht in der Autonomie, der Weigerung, sich beherrschen zu lassen.“ Und weiter: „Sofern der Mensch seiner Verpflichtung nachkommt, sich selbst zum Urheber seiner Entscheidungen zu machen, wird er dem Anspruch des Staates auf Autorität ihm gegenüber Widerstand leisten.“

Anders jedoch verhält es sich bei der schweigenden Mehrheit, die sich ohne jedes Risiko auf persönlichen Angriff sowohl ein Bild von dieser Welt macht als auch anonym kommentiert. In ihrem Artikel Lasst uns roh und munter sein zeichnet die Journalistin Michaela Ernst ein bedenkliches Szenario. Darin heißt es, der Narzissmus sei zur „allein selig machenden Überlebenstechnik“ geworden. Das gesellschaftliche Klima werde rauer, die Menschen lebten in Angst vor Armut und zugleich mit überzogenem Selbstbewusstsein, ganz dem amerikanischen Wertevorbild entsprechend. „Auch soziale Netzwerke“, so die Autorin, „wie Facebook oder Twitter bereiten das öffentliche Terrain für die zerstörerische Kultur der Selbstdarstellung auf.“

Zunehmend hat es dabei auch die Politik schwerer. Wer heute über einen Menschen etwas wissen möchte, der googelt. So entstehen Bilder von bekannten Persönlichkeiten: In einem Artikel war zu lesen, dass Daniel Cohn-Bendit, der Grünen-Politiker, seit zehn Jahren von seinen Gegnern mit Pädophilievorwürfen im Netz gejagt wird. Václav Klaus, der tschechische Präsident, wird via Video als Tintenfüller-Dieb aufgedeckt und Daniel Rousta von der SPD wurde arbeitslos, da er auf Facebook den Ausdruck FDPisser verwendet hatte. Wer googelt, der wird die Australierin Genevieve Cook als Geliebte von Barack Obama entdecken. Sie erzählt, dass Obama 1983 beim ersten sexuellen Kontakt mit ihr nach Schweiß und Rosinen gerochen habe. Durch die modernen Medien, ebenso durch die technischen Möglichkeiten, sind wir Beobachter – Voyeure bekannter Persönlichkeiten – und werden selbst permanent geoutet. Das Private erlischt und zugleich sind wir Wächter über jegliche Moral, wobei korrekterweise betont werden muss an dieser Stelle, dass wir zumeist allein den Begriff „Moral“ falsch definieren, ist sie doch Ethik auf Basis religiöser Werte. Wir aber verwenden Moral, um uns an den Unzulänglichkeiten anderer zu erfreuen, schließlich, um Aggressionen abzubauen.

[…] Zugleich wird das Netz überwacht, um jeden kleinen Skandal durch Weiterverbreitung möglichst groß und wirkungsvoll zu machen. Kurioserweise meinte der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel bereits 1837: „Die subjektive Tugend, bloß von der Gesinnung aus regiert, bringt die fürchterlichste Tyrannei mit sich.“ Und Mark Zuckerberg, der Gründer von Facebook, meinte: „Wer nichts zu verstecken hat, hat auch durch Transparenz nichts zu befürchten.“ Der Kolumnist Harald Martenstein meint darüber: „Ein ­fürchterlicher

Satz, der hätte auch von der Stasi kommen können.“

   
   

Zur Person

Rainer Juriatti

Geboren: 1964 in Bludenz

Publikationen: „Sandlandfahrt“, „47 Minuten und 11 Sekunden im Leben der Marie Bender“, „Die gedehnte Zeit“, „Lachdiebe“; „Spaghettifresser. Migranten im Gehege der Duldung“

Filme: Dokumentation „Keine Schwarze Meer“, Spielfilm „Synchronisation in Birkenwald“

Wohnort: lebt mit seiner Familie in Graz

„Spaghettifresser – oder: Migranten im Gehege der Duldung“, Essay, von Rainer Juriatti, Verlag Limbus, kommt am nächsten Dienstag in den Handel.