Sand, pinkfarbene Liegestühle und doch kein Strandidyll

Kultur / 04.04.2014 • 23:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Perfekt eingerichtet: Fridolin Welte, Alfred Graf und Florian Rist im Künstlerhaus.  Foto: A. Grabher  
Perfekt eingerichtet: Fridolin Welte, Alfred Graf und Florian Rist im Künstlerhaus. Foto: A. Grabher  

Im Künstlerhaus sind neue Arbeiten von Alfred Graf, Fridolin Welte und Gästen zu sehen.

BREGENZ. Der eine tut es in der Landschaft, der andere macht es im Material und der Technik. Die Suche ist eine wesentliche, gemeinsame Werkstrategie im Schaffen von Alfred Graf und Fridolin Welte. „Quaero“, lateinisch für suchen, fragen, erforschen, nennen die beiden in Wien lebenden und arbeitenden Vorarlberger Künstler denn auch ihre  gestern Abend eröffnete, dialogisch angelegte Ausstellung im Künstlerhaus Palais Thurn und Taxis in Bregenz.

Essenz der Landschaft

Es könnte doch alles so schön sein: der eine verarbeitet Sand und Steine, der andere stellt pinkfarbene Liegestühle auf. Aber „quaero“ hat mit sorgloser Strandidylle nichts zu tun. Im Gegenteil: „Krieg ist auch Gewalt gegen die Landschaft“, sagt Alfred Graf (geboren 1958) und verknüpft in seinen jüngsten Werken Familiengeschichte und Politik (1914–1918) mit seiner Annäherung an die Landschaft. Was ist realer? Das Bild der Landschaft oder das ihr entnommene Material?, fragt Graf und verpackt die Diskrepanz zwischen der von Zeitzeugen als „schroff“ beschriebenen Isonzo-Front und dem heute als fast lieblich empfundenen Landstrich in Bilder und Objekte.

Als Wanderer und akribischer Beobachter das Land durchstreifend, findet der Künstler Sand, Steine und Erde, die zu seinem Pigment und mit Wachs und Harz gebunden werden und zusammen mit überarbeiteten Fotografien und äußerst malerisch anmutenden Bildsequenzen große, mehrteilige Arbeiten ergeben. Die „Essenz der Landschaft“, wie der kürzlich erschienene Katalog titelt, schließt Graf in Sedimentsäulen oder kugelförmigen, zu einer Bodenarbeit ausgelegten Objekten ein. Einmal mehr überzeugt der Künstler durch seinen ebenso sensiblen wie sinnlichen Umgang mit Materialien und Geschichte als Annäherung an Orte und Landschaften, die zum Erfahrungsraum werden und deren Mittelpunkt letztlich der Künstler selbst ist.

Orangenschalen und Äste

Das Erforschen neuer Techniken und Werkstoffe, aber auch die Frage des Belegens von Raum sind zentrale und momentan sehr spannende, weil hochaktuelle Aspekte im bildhauerischen Tun von Fridolin Welte (geboren 1956). Aus Materialien wie Bauschaum, Silikon oder Heißkleber, die verbinden und im normalen Gebrauch unsichtbar bleiben, entwickelt Welte Formen, die von natürlichen Vorgaben wie Orangenschalen, die zu filigran schwebenden Objekten werden, oder Ästen, die der Künstler sammelt, ausgehen. Bücher bilden Sockel und geistigen Überbau zugleich. Wurstartig, Schicht um Schicht aufgetragen, theoretisch immer weiter erweiterbar und in den Raum wuchernd, erlaubt der manuelle Aufbau der trotz ihrer Größe und Präsenz ungemein leicht wirkenden Skulpturen jederzeit ein Umdenken und Eingreifen.

Produktionsablauf steuern

Diese Qualität des analogen Modellierens war digital gesteuerten 3D-Druckern bisher fremd. So haben die von Fridolin Welte eingeladenen Gäste Kathrin Dörfler, Florian Rist und Romana Rust einen neuen 3D-Drucker entwickelt, der während der Ausstellung ein Objekt herstellen wird und bei dem der Produktionsablauf via Handy spontan geändert werden kann.

In einem regalartigen Modul, das durch Teilung und Neu-Arrangieren eines einzigen Baumstammes entstanden ist, und einer Hundertschaft pinkfarbener Liegestühle stellt Welte das Besitzen und Belegen von Raum bildhaft, leicht ironisch, aber auch hintersinnig, dar.

Die Ausstellung ist im Künstlerhaus Palais Thurn und Taxis, Gallusstraße 10, in Bregenz, bis 4.Mai geöffnet, Di bis Sa, 14 bis 18 Uhr, So und Feiertag, 11 bis 17 Uhr.